Alles halb so schlimm.
Prosa von Lily Brett (2002, Deuticke - Übertragung Melanie Walz).
Besprechung von Ingeborg Sperl aus Der Standard, Wien, 23.11.2002:

Große und kleine Katastrophen
Lily Brett über den Aufbau eines neuen Lebens, wenn das alte vernichtet wurde

Der optimistische Titel des Textes aus dem Jahre 1990 (Things could be worse ) ist doppelbödig. Denn was könnte noch schlimmer sein als ein Emigrantenschicksal nach dem Krieg, die Verwandten umgebracht, das Land das man für Heimat gehalten hat auf immer verloren, versetzt in eine fremde Umgebung mit fremder Kultur. Natürlich, es hätte noch schlimmer kommen können. Renia Bensky und ihr Mann Josl hätten im KZ ermordet werden können, anstatt in der jüdischen Gemeinde von Melbourne zu landen...

Lily Bretts Buch erscheint fast als ein Mittelding zwischen Roman und Erzählband. Die einzelnen Kapitel hängen lose, gleichsam absichtslos und doch wieder kunstvoll zusammen. In pointierten Abschnitten entsteht der Mikrokosmos einer ganz besonderen Welt, in der die alltäglichen Dinge nicht selbstverständlich sind.

Sich Sorgen machen wie die hypochondrische Renia Bensky das ständig tut, ist ein Dauerzustand, weil das Urvertrauen in das Leben zerstört ist. Es sind ja keine normalen Schrullen, wenn Renia immer Brot im Überfluss zuhause hat. Wer einmal fast verhungert ist, muss eben auf Nummer sicher gehen.

Es reicht schon eine Flugzeugentführung in einem weit entfernten Land, um Renia schreckensstarr zu machen. Sofort hängt sie sich ans Telefon und gibt ihrer leicht genervten Tochter Lola Anweisungen, wie sie sich in einem solchen Fall zu verhalten hätte. Jedenfalls nicht zugeben, dass sie Jüdin sei, denn "jeder will immer zuerst die Juden umbringen". Was ist das letztlich für ein Glück, dass ihre schwierige, übergewichtige Lola keinen Juden, sondern den blonden, blauäugigen Rodney geheiratet hat! Dabei hatte die Familie Lola einst eigens nach Israel geschickt, damit sie sich ihre diversen nichtjüdischen Verehrer aus dem Kopf schlage. Aber Fehlanzeige: Lola "verabscheute Israel vom ersten Augenblick an". Schockierenderweise lässt sich Lola später von Rodney scheiden. Wieder eine mittlere Katastrophe. Und natürlich mischen sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit guten Ratschlägen in jedes Familiendrama ein. Bis Lola sich aus den Bevormundungen, Vorschriften und den Ratschlägen befreit, braucht es viele kleine Rebellionen.

Brett erzählt unpathetisch, präzise und trotzdem humorvoll. Alles halb so schlimm! ist ein sehr menschliches, warmes Buch, nicht nur über eine einzelne Familie, sondern über ein ganze Gemeinschaft. Wer sagt denn, dass man bitterernste Themen nicht auch mit Humor abhandeln kann? Machmal ist Humor ein kostbares Überlebensmittel.

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