Alles bestens.
Roman von Ralph Hammertahler (2003, Rowohlt).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 27.8.2003:

Aufgewühlter Misanthrop
Ralph Hammerthalers gelungenes Debüt "Alles bestens"

Er tritt auf voller Selbstbewusstsein. Er zeigt Stärke und Durchsetzungsvermögen, er gibt sich als Macher, der alle Fäden fest in der Hand hält. Er kontrolliert das Geschehen, er verfügt über Menschen, er gestaltet die Welt, die anderen sind seine Spielfiguren. Er steht in Einklang mit sich und der Welt, er hat Erfolg. "Ich wollte mit einer Idee Geld verdienen, ohne dass mir jemand hineinredete, und ich verdiente schon damals nicht schlecht." Da hat einer die Zügel in der Hand, er bestimmt, was passiert, die anderen parieren. Er hat nicht nur die Spielregeln der Gesellschaft verstanden, er gehört zu den wenigen, die sie selber festlegen. Selber will er nicht festgelegt werden. Er hat es geschafft.

Solch ein Mensch ist das typische Ekel. Im Debüt von Ralph Hammerthaler kommt es zu Wort, spricht über sich, gibt Ansichten preis, die ihn zu einer suspekten Gestalt werden lassen. Mit diesem Roman befinden wir uns im Herzen des Kapitalismus, der Stärkere triumphiert und verbucht seine Gewinne. Der Erzähler strotzt vor Selbstbewusstsein. Das verwundert nicht, er gehört zu den Siegern. Er hat die anderen im Griff und sich selber sowieso: "Ich war zufrieden, ich hatte alles erreicht."
So selbstsicher kann jemand sein, dass der Zweifel keinen Platz mehr hat in seinem Leben und dass es mit dem Fragen ein Ende hat. Er ist Souverän über seine Handlungen und seine Gefühle. Mit der Liebe verfährt er wie mit einem Spiel, das irgendwann ausgereizt ist. Frauen sind Ware, ersetzbar und leicht zu bekommen. Gefühle investiert er keine, das spart ihm Ärger und macht sein Seelengepäck leichter. Er gibt dem Leben einen Sinn, und er zerstört Leben, ganz nach Belieben. Seine Gedanken sind auf Selbsterhalt und Fremdzerstörung aus. "... man muss sich mit der Tippse verbinden, wenn man einen Professor vernichten will, dachte ich: man braucht eine Killertippse."
Alles bestens heißt der Roman, und das ist ein Signal: Nichts stimmt. Der Anfang ist eine Täuschung. Das Dokument einer Selbstinszenierung schützt Stärke vor, wo Unsicherheit und Schwäche schon längst Besitz von einer Person ergriffen haben. Siegessicher fängt dieser Roman an. Nichts bringt den Erzähler aus der Ruhe, er ist unerschütterbar. Aber die Rebellion beginnt in seinem eigenen Inneren. Mit Schrecken und voller Faszination muss er feststellen, dass sein Bewusstsein aussetzt. Zeitweise hat er keinen Einfluss auf das Geschehen, er klinkt sich aus der Welt aus, weiß nicht wann, weiß nicht wo, weiß nicht, für wie lange das der Fall sein wird. Er, der sich die Welt zum Feind gemacht hat, sie höhnisch und zynisch betrachtet und mit Menschen verächtlich umgeht, wird sich selber zum Feind, "vielleicht hat sich ja meine ganze Existenz jenseits des Bewusstseins längst dafür entschieden, sich zu vernichten, vielleicht ja, vielleicht nein - das möchte ich sehen."
Die Stärke des Romans besteht darin, dass er ganz im Inneren dieses nach und nach verstörten Bewusstseins bleibt. Was aus der Außenwelt ins Buch durchdringt, ist durch das in Auflösung begriffene Bewusstsein gespiegelt. Es biegt sich seine Welt zurecht, es sieht sie nicht, wie sie ist, es sieht sie, wie er möchte, dass sie ist, wie er fürchtet, dass sie ist. So ist das also der Roman einer Vorstellung. Großes Bewusstseinstheater findet statt auf der inneren Bühne des Gedächtnisses, wo sich Erinnerungen und Phantasien, Träume und Wahrnehmungen mischen. Der Roman nimmt einen Weg von der Selbstgewissheit zur Auflösung, von der Ordnung ins Chaos, von der Kontrolle der Wirklichkeit in die Entgleisung. Und diese nagende Zerstörungsarbeit am Ich wird sprachlich beglaubigt. Diese Kunst des gleitenden Übergangs macht dem Autor so schnell keiner nach.

Da kriegt es einer mit der Angst zu tun, "plötzlich die Gewalt über sich zu verlieren, jetzt bin ich so weit, es zuzugeben: ich ängstige mich davor, dass mir die Dinge entgleiten, dass sie mir aus den Händen rutschen, (. . . ) ich habe Angst, dass mich die Nacht nicht wieder entlässt in den Tag, dass mein Körper bis zu seinem biologischen Ende ohne mich auskommen muss, es ist lächerlich, natürlich, ich habe Angst, dass mein Bewusstsein von der Nacht verschluckt wird, ich bin erschöpft." So hadert einer mit seinem Schicksal, und er spricht sich Mut zu, bevor sein geschlossenes Weltbild in tausend Scherben fällt.

Der Roman entwirft ein hermetisch verschlossenes System. Innerhalb der Grenzen stimmt alles. Für die eine Person, die spricht, schaut die Welt so aus, für sie ist gültig, was sie so artikuliert. Sie zieht sich zurück, verbarrikadiert sich, macht sich ihre eigene kleine, überschaubare Welt, in der so etwas wie Herrschaft über die anderen noch möglich ist. Der Wahn setzt ein, die Innenwelt kommt zunehmend mehr ohne die Außenwelt aus, sie braucht allmählich keine Signale mehr von außen, sie schafft sich eine Welt, die den eigenen Ansprüchen genügt. Der Übergang ins Schneckenhaus des eigenen Ich verläuft langsam, konsequent und unausweichlich. So ist das auch ein grausamer Roman.

Wer weiß letztlich, was in diesem Text erzählte Welt oder phantasierte Welt ist? Der Erzähler spielt mit Frauen, er spannt seinem einzigen Freund die Freundin aus, er sieht den Alexanderplatz architektonisch kühn aufgemöbelt, er malt sich und die Welt groß, er zaubert Bedeutung herbei. "Ich hatte mit all den Menschen nichts zu schaffen, mit der ganzen Menschheit nichts..." Er lügt sich in die Tasche, er redet sich sein Leben noch einmal heil, und mogelt sich darüber hinweg, dass nichts, aber schon gar nichts mehr stimmt. Der Erzähler ist so allein, wie es kaum ein anderer jemals gewesen ist. Der Roman ist eine lange Rede, deren Gegenüber der Erzähler selber ist. Er spricht sich Stolz an, er spricht sich Mut zu, er ruft sich selber zu, nicht zu kapitulieren.

Aber Hammerthaler erzählt auch von der Kolonisierung des deutschen Ostens durch den Westen. Der Roman ist in einem Deutschland angesiedelt, in dem das Faustrecht des Stärkeren herrscht. Wer über Geld verfügt, hat das Sagen. Diese Haltung überträgt sich auf den Erzähler, der als schreckliches Kind seiner Zeit die Gesetze des Marktes in sein privates Leben übernimmt. Der Roman folgt einer Bewegung von außen nach innen, vollzieht eine Weltverdrängung, eine Selbstisolierung. Und jetzt, da Herz und Geist gefangen sind in der Kapsel der Verlorenheit, imaginiert sich dieses Erzähl-Ich ein neues Außen, entdeckt eine Gesellschaft, in der Ostdeutsche unter der Kuratel von Westdeutschen stehen. Die einen werden lächerlich gemacht, die anderen in ihrer Würde bestärkt. Die einen geben als Sieger mickrige Figuren ab, die anderen scheitern in Größe. So stellt ein Erzähler Gerechtigkeit her, indem er Sympathien verteilt und sich selber, da er aus allen Wirklichkeitsbezügen gestürzt ist, in den unterlegenen Ostdeutschen noch einmal spiegelt. Dieser Erzähler ist Täter und Opfer, Sieger und Verlierer in einer Person, er wirkt aggressiv nach außen und verliert sich im eigenen Seelenlabyrinth. Eine verstörte, zerstörte, kaputtgegangene Natur wird zur Anschauung freigegeben.

Der Kapitalismus ist literaturfähig geworden, und Ralph Hammerthaler ist sein auf den Abgesang eingestimmter Sänger des Unheils. Das unterscheidet diesen Autor von den meisten seiner Generationskollegen, die sich gerne des eigenen, ereignislosen Lebens vergewissern und darüber ganz sentimental werden.

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