Alles Amok.
Roman von Anita Augustin
, (2014, Ullstein).
Besprechung von Sabine Vogel in der Frankfurter Rundschau, 12.9.2014:

Jung, wild, radikal, weiblich
Neue deutsche Literatur: „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ von Olga Grjasnowa, „Alles Amok“ von Anita Augustin und „Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler.

Schnelle Sätze, abgedrehte Geschichten und Helden wie aus amerikanischen Undergroundfilmen. Sex und Sinnlosigkeit in Ober-, Rand- und Unterschicht, Mutterliebe, Vaterlandsfluchten, Abstürze und offene Enden. Es gibt eine Reihe von neuen deutschen Autorinnen, die extrem unterhaltsam, radikal existenziell und formal höchst souverän über gesellschaftlich entscheidende Themen und wesentliche Inhalte schreiben.

Ihre Sprache ist geschliffen wie ein gutes Tranchiermesser, das seine Funktion wie nebenher erfüllt: das Literarische dient dazu, Geschichten so zu erzählen, dass sie uns einfangen, festhalten, bannen – indem sie uns etwas über unser Leben sagen. Diese Autorinnen sind alle nicht unter den zwanzig Nominierten für den Deutschen Buchpreis, was aber auch nichts aussagt.

Mit ihrem Debütroman „Der Russe ist einer der Birken liebt“ wurde die 27-jährige Olga Grjasnowa 2012 für ihren neuen „temperamentvollen“ Ton gefeiert. Ihre Hauptfigur Mascha war eine jüdische aserbeidschanische Immigrantin, die fünf Sprachen sprach und auch sonst haufenweise Überflieger-Talente besaß. So geht es auch den drei Protagonisten ihres zweiten Romans.

Sie können alles, außer glücklich sein. Getriezt von ihrer ehrgeizigen Mutter Salome aus Tiflis, Tochter einer Kampfpilotin, war die bildschöne Leyla Balletteuse im Bolschoi. Der zur überstilisierten Künstlichkeit geschundene Körper wird ihr zur Sucht.

Obwohl inzwischen auch nachteulige Berghaingängerin, dem angesagtesten Club Berlins, und im hohen Elfenalter von 24 Jahren, gelingt ihr die Aufnahme ins Ensemble der Deutschen Oper. In einer siffigen Kreuzberger Dragkneipe lernen sich Leyla und Jonoun kennen. Wildes Gefummel auf dem Klo.

Jonoun hat Kunst studiert in New York, wurde in Indien geboren von einer psychotischen Mutter, die wiederum die uneheliche Tochter eines Rabbiners war. Jonoun hatte es noch nie mit einer Frau, zuvor war sie mit einem Österreicher zusammen, einem Neffen des Nazi-Schlächters von Vilnius.

Geht’s noch dicker? Die Farbeimer für Grjasnowas Figurenmalerei sind zum überschwappen voll. Um das alsbald in Liebeswirren, Eifersucht und Begehren verwickelte Duo zum Dreieck zu vervollständigen, gibt es noch den homosexuellen muslimischen Psychiater Altay. Mit dem ist die lesbische Leyla verheiratet und beide vollziehen zusehends gerne miteinander die Ehe.

Ja, in Grjasnowas „Die juristische Unschärfe einer Ehe“ geht’s permanent zur Sache, und merkwürdigerweise ist das nie obszön und nicht mal mir unangenehm, wo ich schon küssende Menschen im Film nicht ertrage. Der ganze Sex, in Flurecken, im Bett, im Stehen von hinten mit Blick auf das Kaspische Meer – denn zu einer Reise in den Kaukasus brechen die drei Liebehungrigen auf – ist von einer kindlichen, quasi unschuldigen Neugier und Sehnsucht nach Aufgehobenheit durchwirkt. Wobei anatomisch doch manche Fragen offen bleiben. Vielleicht macht die Zartheit der Dreieckständeleien aus, dass ihr Schwebezustand im Kontrast steht zu den grotesk übertriebenen Figurenlegenden. Neureiche Russinnen sind hier blondierte Pamela-Anderson-Kopien, ihre Männer immer kastenförmige Mafiosis, das Koks wird auf dagestanischen Silberplatten und das Sushi mit goldenen Essstäbchen serviert. Manchmal scheint die Lust am schmierenkomödiantischen Metapherngeklingel der im Leipziger Erzähltempo geschulten Autorin durchzugehen. Was sind „ausladende Toulouse-Lautrec-Hüften“, „suizidrosafarbene“ Haut, was „Schlafzimmervorhangkleider“ und wieso muss Torte „Hunger nach ungesättigten Fettsäuren“ stillen? Vielleicht lassen wir einfach mal die Logik stecken und steigen in den goldenen Sportwagen oder ziehen uns nackig aus und schwimmen mit im Kaspischen Meer.

Von Körpern, Hingabe und üblem Liebeshunger erzählt auch Anita Augustin in ihrem neuen, ebenfalls zweiten Roman. Aber ihre Protagonisten kennen weder Tracy Emins Kunst noch postsowjetische Weiten, sie kommen vom untersten Ende der Klassengesellschaft und da ist das Leben klein, grau, und beschissen.

Sigi ist Aufpasser im Lebensmittel-Discounter, der nordkoreanische Dichter Dingbang verkauft Bratwürste von einem Umhängebrutzler, Paul sammelt Flaschen und schläft unter einer Parkbank, Babsi kellnert in der Spelunke Loch Nass und Herbert, die arme Schwuchtel, holt sich chronischen Hautausschlag als Klamottenzusammenleger bei „Ha &Em“.

Der Erzähler dieses „ganz normalem Scheißlebens“ heißt Jakob und verdingt sich unter dem Künstlernamen „Andi Anti“ als Leihdemonstrant auf billiger Stundenlohnbasis. Wegen einer lebensgefährlichen Krankheit schluckt er monströse Dosen an Kortison, außerdem wurde in seiner Kindheit mal an seinen Geschlechtsteilen, ja im Plural, herumoperiert. Seine Mutter verdämmert im Heim und Jakob zählt die Jahre, acht schon, die er auf ihren Tod und einen sicheren Arbeitsplatz hofft.

Wie schon in ihrem abgründig komischem Debütroman „Der Zwerg reinigt den Kittel“, in dem ein Altersheim die Bühne ihrer bösen Sozialsatire abgab, spart Augustin auch hier nicht mit hundsgemeinen Kalauern. Manche verfolgen einen wahrscheinlich bis zur eigenen Demenz – etwa das Bild des zum Kuss gespitzten Mündchens als Hühnerarsch.

Erlösung aus dem Jammertal ihrer nichtigen Existenzen findet die Clique der schillernden Verlierer im „Paradies“. Dort, in der Wuzzipuzzi-Spaßwelt eines Orwell’schen Freizeitparks, kriegen sie alle eine Stelle in der Freakshow. Zur Rundumversorgung mit Lohn, Brot, Wohnraum gibt es Totalüberwachung, Religionsersatz und die Illusion der Selbstverwirklichung. Charismatischer Zampano der Rocky Horror Picture Show ist der zwergenwüchsige Jürgen. Und jeden Tag leitet Mentaltrainerin Ramona eine allmorgendliche Hirnspülung im Lotossitz an: „Bangaschrapna, Bangaschrupna.“ Mit diesem trefflich doofen Atemübungsmantra versucht Augustins Held Jakob noch vergeblich nach Luft zu schnappen, als der infantile Plüschtierzirkus, in dem sie alle notgedrungen mitspielen, zum finalen Zerstörungsspektakel entgleitet.

Denn was die 1970 in Klagenfurt geborene Augustin so an blutrünstigen Gewaltfantasien zur allgemeinmenschlicher Grausamkeit inszeniert und mit theatralisch bösem Spaß abfackelt, das ist richtig kranker Hardcore. „Alles Amok“ ist nichts für Weicheier ... wenn da noch welche vorhanden wären.

Starker Stoff in radikaler Sprache sind auch Karen Köhlers Stories. Die mädchenhaft himmelblaue Coveranmutung der Kurzgeschichtensammlung der Hamburgerin (geb. 1974) täuscht, es geht um nichts weniger als um Leben und Tod. Und das auf ziemlich brutale Weise lapidar. Um das dem Tod abgetrotzte Leben. Köhlers Figuren schrappen alle hart am existenziellen Abgrund entlang.

In der zweiten Geschichte über einen komischen Indianer – die erste wollte die Debütautorin, die Kosmonautin werden wollte, beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt vortragen, konnte aber wegen Windpocken nicht – verdurstet eine gestrandete Tramperin fast in der Wüste. Der Papa säuft sich woanders tot.

In der Titelstory „Wir haben Raketen geangelt“ vergiftet sich ein Geliebter mit Tabletten, sein Herz schlägt in einer Verkäuferin in Flensburg weiter.

In 27 Tagebucheintragungen dokumentiert eine Frau auf einem Hochsitz im Wald ihren Hungerselbstmord. Depeche Modes „Personal Jesus“ dazu als Ohrwurm. Das Scheißleben? Schnall Dich an!

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