Alles,alles liebe von Barbara Honigmann, 1999, dtvAlles, alles Liebe!
Briefroman von Barbara Honigmann (2001, Hanser/dtv).
Besprechung Dirk Steinfort aus Rezensionen-online *Sz*, Februar 2001:

Sehnsucht ohne Sentimentalität

Die junge Jüdin Anna verlässt Mitte der siebziger Jahre Ost-Berlin und geht als Regisseurin an ein Provinztheater. Einziges Band zwischen diesen beiden völlig unterschiedlichen Welten sind Annas Briefe. Die existenziellen Themen von jüdischer Identität und Exilerfahrung, von Emanzipation und Schreiben, um die Honigmanns Werke stets kreisen, erscheinen hier im Gewand eines Briefromans, der mit dem Kleist-Preis 2000 ausgezeichnet wurde. Die Form ermöglicht es der Autorin, schnell die Perspektiven zu wechseln, knapp und subjektiv zu erzählen, Töne werden angeschlagen und klingen lange nach. Durch Briefe hält Anna Kontakt nach Berlin, beklagt sich, überschüttet die Freunde mit widersprüchlichen Eindrücken, unausgegorenen Gefühlen, Verfolgungswahn und ihrer Einsamkeit. Die antworten geduldig und teilnahmsvoll: Eva, ebenfalls Jüdin und erfolglose Schauspielerin, Kulissenschieber Alex und "der kleine Matti", die ehemaligen Liebhaber, dazu jüdische Gefährten aus Riga und Moskau, schließlich ihr schöner Geliebter Leon, ein undurchsichtiger Außenseiter, der "kein Künstler der Liebe" ist und hilflos bleibt gegen Annas "Sturmflut von Sehnsucht und Liebe". Es ist eine Sehnsucht ohne Sentimentalität, die sich auf die "verwirrten Herzensverhältnisse" der Geschlechter richtet, darauf, Glück im "Scherbenhaufen" der DDR zu finden, auf das Theater, vor allem auf eine jüdische Identität, in der Platz ist für die "Königin Esther und den kleinen Jungen im Ghetto, der die Hände hebt, und den Staat Israel noch dazu". Barbara Honigmann erzählt eine spannend-berührende Geschichte von Liebe und Liebesverrat und den Versuchen, die "Würde des Provisoriums" deutsch-jüdischen Lebens zu retten.

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