Aller Tage Abend von Jenny Erpenbeck, 23012, KnausAller Tage Abend.
Roman von Jenny Erpenbeck (2012, Knaus).
Besprechung von Birgit Nüchterlein in den Nürnberger Nachrichten vom 24.08.2012:

Fünf Varianten eines Lebens
Jenny Erpenbeck las beim Poetenfest aus ihrem Roman „Aller Tage Abend“

Am Ende eines jeden Lebens steht der Tod, soviel ist sicher. Doch wie lange sich der einzelne Mensch auf der Welt bewegt, ist abhängig von Zufällen und Schicksalslaunen. Aus solchen existenziellen Verstrickungen hat Jenny Erpenbeck den großartigen und vielschichtigen Roman „Aller Tage Abend“ gemacht, der fast das ganze 20. Jahrhundert umspannt.

„Am Ende eines Tages, an dem gestorben wurde, ist noch längst nicht aller Tage Abend.“ Diese Einsicht kann Zuversicht bedeuten, aber auch die Befürchtung bergen, dass es noch schlimmer kommt. In dieser Doppeldeutigkeit fungiert der Satz wie ein Schlüssel zu Jenny Erpenbecks Roman.

Die, die ihn am Anfang des 20. Jahrhunderts ausspricht, ist eine leidgeprüfte Jüdin aus Galizien, deren Mann bei einem Pogrom auf grausamste Weise ermordet wurde. Später hat die Witwe ihre kaum erwachsene Tochter mit einem Goj, einem Christen und österreichischen Beamten, verheiratet, auf dass sich dieser Teil der Familiengeschichte nicht wiederhole. Für die Tochter ist nun der zitierte Satz bestimmt, denn deren wenige Monate altes Baby ist den plötzlichen Kindstod gestorben.

So steht das Ende eines jungen Lebens wie ein Donnerschlag am Anfang von Erpenbecks Geschichte. In der wird noch viel gestorben werden. Aber erst einmal bekommt das kleine Mädchen doch noch eine literarische Zukunft. Angenommen, es hätte gerettet werden können, was wäre aus ihm geworden?

Wäre es mit seinen Eltern und einer kleinen Schwester nach Wien gezogen — und dort 1919 in der elenden Nachkriegszeit als junge Frau zum Sterben unglücklich geworden? Oder hätte die rothaarige Schöne weitergelebt und wäre als Kommunistin mit ihrem Mann in Moskau gelandet, um dann doch im Straflager Stalins umzukommen? Vielleicht wäre sie dem totalitären System entkommen und später in der DDR als Schriftstellerin verehrt worden, die sich tragischerweise beim Treppensturz den Hals bricht? Sie hätte aber auch als schusselige „Frau Hoffmann“ nach der Wende im Berliner Pflegeheim sterben können.

Das wäre dann die Endfassung der genial komponierten Geschichte, die Jenny Erpenbeck immer wieder durch „Intermezzi“ im Hätte-und-Könnte-Irrealis vorantreibt. Das Leben ist eine fragile Angelegenheit, es hat, so will sie uns vermitteln, all diese Varianten im Repertoire. Es müssen sich nur die Ereignisse, die privaten, aber auch die zeitgeschichtlichen, entsprechend fügen.

Unter solchen Voraussetzungen kann sich die Autorin, die den konzentrierten Leser fordert, frei in Zeit und Raum bewegen. Und während sie Frau Hoffmanns Daseinsfaden immer weiter spinnt, spannt sie über das Vakuum, das der Tod jedes Mal hinterlässt, ein dichtes Netz aus Schicksalen und Erinnerungen.

Dazu nistet sie sich in den Seelen der Hauptfigur, der Großmutter und Urgroßeltern, des Vater und der Mutter, später auch des Sohnes ein, um von dort aus deren (Gedanken-)Welt wahrzunehmen. So entsteht ein vielstimmiges Wispern, in dem stets auch Zweifel und lebenskluge Fragen anklingen. All diese Leben werden zu Ende erzählt. Was bleibt, stellt Erpenbeck in lapidarem Tonfall fest, sind die Koordinaten der Gräber.

Für jedes der fünf Kapitel, von denen die ersten beiden, sehr bildhaft erzählten die stärkste Sogwirkung entfalten, hat die Autorin einen eigenen Rhythmus gefunden. Könnte sein, dass einem dazu die Musik Gustav Mahlers in den Sinn kommt. Leicht macht einem die 45-Jährige die Lektüre freilich nicht, auch, weil da kaum Versöhnliches ist. Doch eine gewisse Demut vor dem Dasein dürfte sich einstellen.

Die komplette Rezension mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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