Aller Liebe Anfang von Judith Hermann, 2014, S.Fischer1.) - 2.)

Aller Liebe Anfang.
Roman
von Judith Hermann (2009, S. Fischer).
Besprechung
von Britta Heidemann in der WAZ, vom 15.8.2014:

Die Sehnsucht nach einer Welt ohne Furcht
Sie galt als „Fräuleinwunder“ der jungen deutschen Literatur. 16 Jahre nach ihrem Durchbruch mit „Sommerhaus, später“ legt Judith Hermann einen Roman vor. „Aller Liebe Anfang“ erzählt, wie Liebe und Leben dem Zufall unterworfen sind.

Stella ist aufgelöst und verloren, Jason staubig und müde. Stella kommt von einer Hochzeit, Jason von der Arbeit, nebeneinander sitzen sie im Flugzeug. So beginnt eine Liebe, die in Judith Hermanns neuem Roman „Aller Liebe Anfang“ aber nur der Anfang einer ganz anderen Geschichte ist

Was macht, dass wir uns verlieben? Dass wir verrückt werden vor Gefühl, einen anderen Menschen in Gedanken besetzen, uns zu eigen machen? Und wenn wir zurückgeliebt werden, müssten wir das nicht als Wunder begreifen? Denn es könnte uns ja auch so gehen wie Mister Pfister, der an Stellas Tür schellt, der ihr Zettel in den Briefkasten wirft, der alles über Stella zu wissen scheint und ihr doch nie nahe kommen darf.

Übersetzt in 17 Sprache

1998 begründete der Erzählband „Sommerhaus, später“ mit 250.000 verkauften Exemplaren und Übersetzungen in 17 Sprachen die Ära des „Fräuleinwunders“ und zugleich eine Renaissance der Kurzgeschichte. Seither ist der „Judith-Hermann-Sound“ eine sprachliche Kategorie für sich. Die kurzen Sätze, wie beiläufig hingeworfen, bestimmen erneut den Tonfall, und wieder lotet Hermann die Innenwelt ihrer Protagonistin aus, indem sie alles Geschehen ganz aus ihrer Perspektive beschreibt. Das gibt dem Roman von Beginn an etwas leicht Klaustrophobisches, selbst die an sich harmlose Beschreibung eines typischen Hausfrauenvormittags – Stella faltet die Wäsche ihrer kleinen Tochter Ava, sie sieht nach den Pflanzen, der Post – erhalten einen Unterton des Unheimlichen.

Besuch von Mister Pfister

So aber ist das Unheimliche, das in Gestalt des Stalkers Mister Pfister in Stellas Leben tritt, beinahe schon keine Überraschung mehr. Der junge Mann mit dem Kapuzen-Pulli, der offensichtlich ein psychisches Problem hat, dringt in Stellas Leben ein, er rüttelt am Gefüge ihrer Beziehung, an der Sicherheit von Stellas Vorstadtleben zwischen Kita, Haus, Garten und ihrer Arbeit als Altenpflegerin. Meisterlich deckt Hermann die Zwiespältigkeit auf, mit der Stella ihren Verfolger einerseits als Bedrohung erlebt, andererseits die Störung ihres Alltags, die ihr geschenkte Aufmerksamkeit eine Lücke zu füllen scheint. Jason ist nicht nur dann abwesend, wenn er wochenlang auf Montagereise weilt.

Wenn Hermann sich schließlich auch der Innenwelt dieses Mister Pfister nähert, dann mit Stellas Blick, mit der ganzen Kraft ihres Vorstellungsvermögens. Sein Haus gleicht ihrem Haus, Stella steht schließlich auch vor seiner Tür und klingelt. Wenn auch nur, um ihn anzuschreien. Die Eskalation am Schluss, das blutige Ende der Stalkinggeschichte, ist zugleich ihr einziger Schwachpunkt – ein Einruch von Realismus in die ansonsten so stilsichere Stimmungsmalerei.

Sehnsucht als Grundsatz

Judith Hermann erzählt davon, wie zufällig unser Lieben und Leben ist, wie vermeintlich die Gewissheiten. Dabei gelingt ihr das Kunststück, unser grundsätzliches Vertrauen in die Welt zugleich in Frage zu stellen und als grundsätzliche Sehnsucht zu untermauern. Die Sehnsucht nach jenem Urzustand, den Stella allabendlich beim Zubettbringen ihrer Tochter Ava bestaunen darf, wenn sie ihre Hand hält, ihren Atemzügen lauscht: „Atmen, als gäbe es auf der Welt nichts zu befürchten“.

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Aller Liebe Anfang von Judith Hermann, 2014, S.Fischer2.)

Aller Liebe Anfang.
Roman
von Judith Hermann (2009, S. Fischer).
Besprechung
von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 17.9.2014:

Aller Aufregung Ende
Judith Hermann liest im Frankfurter Literaturhaus aus ihrem ersten, erregt diskutierten Roman „Aller Liebe Anfang“. Und alles Betriebsgetöse weicht der Ruhe und der Aufmerksamkeit.

Es gab eine gewisse Aufregung um den neuen, ersten Roman von Judith Hermann, unter anderem weil in der FAZ stand, sie könne nicht schreiben und habe nichts zu sagen.

Das klingt, zumal es die Rezension eröffnete, spektakulärer als es ist: Letztlich eine Behauptung nämlich, die man über viele beruflich schreibende Menschen äußern kann. Sie lässt sich auch immer belegen. Außer vielleicht bei Kafka.

Das Getümmel, das folgte, sagte jedenfalls weniger über das Buch „Aller Liebe Anfang“ und mehr über Literaturkritiker und krasse Erwartungen an eine Autorin, die mit dem Erzählungsband „Sommerhaus, später“ (1998) sofort furchtbar berühmt wurde. Und furchtbar dürfte hier das richtige Wort sein.

Die Lesung im Frankfurter Literaturhaus, früh ausverkauft, sprach eine andere Sprache. Für den Fischer-Verlag war Programmgeschäftsführer Jörg Bong da.

Er zitierte aus den reichlich vorhandenen positiven Besprechungen, wies auf Judith Hermanns internationale Erfolge hin, gratulierte zum soeben zugesprochenen Erich Fried-Preis und sagte schließlich einen jener Sätze, der gute von schlechten Verlagsvertretern auf immer trennt: Judith Hermann, sagte er, gehöre zum „innersten Kern des Verlags“.

Judith Hermann sagte daraufhin, sie sei nach „in vielerlei Hinsicht turbulenten Wochen“ nun guter Dinge und froh, jetzt in Frankfurt bei ihrem Verlag zu sein. Und las in der ihr eigenen, gleitenden, gleichmäßigen, aber durchaus glimmenden Art vor, wie Stella, eine Figur aus der zentralen Mutter-Vater-Kind-Konstellation einen Apfel isst (langsam und konzentriert, „wie eine Gegenwehr“), mit ihrer Freundin Clara telefoniert, über ihren Mann Jason und ihren Stalker Mister Pfister nachdenkt.

Ihr Mann Jason ist wie meistens abwesend. Ihr Stalker Mister Pfister wirkt wie meistens so, als hätte er alle Zeit der Welt. Er beeindruckt Stella, darf man argwöhnen, hier bereits mehr, als es ein Stalker tun sollte. Mister Pfister ruft nachts an. Stellas Kind Ava muss in den Kindergarten.

Stella ist bei der Arbeit als Pflegerin zu erleben, bei der sterbenden Julia und deren freundlichen Mann Dermot. Es passiert nicht viel, es ist unheimlich interessant.

Große Ruhe breitete sich im Saal des Literaturhauses aus, eine grundlegende Unaufgeregtheit, die sich zu Spannungslosigkeit abzugrenzen wusste. Die Lesung hätte keineswegs enden müssen, tat es dann aber doch.

Literaturhauschef Hauke Hückstädt war zwar nicht da, sondern im Kreißsaal, ließ aber herzlich grüßen. Hoffentlich ist alles hervorragend gut gegangen.

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