Aller Laster Anfang.
Ansichten eines Flaneurs von Günter Eichberger (2003, Residenz).
Besprechung von Samuel Moser in Neue Züricher Zeitung vom 17.04.2004:

Alles nicht so gemeint
Günter Eichbergers Anti-Graz-Folklore

Difficile est saturam non scribere, meinte Juvenal zu Rom. «Mir fällt zu Graz schon gar nichts mehr ein», schreibt Günter Eichberger. Graz, so Eichberger, ist eben schon die Satire. Aber dann kommen doch hundertfünfzig Seiten zu Graz. Graz ist schliesslich Europas Kulturhauptstadt 2003. Dass Eichberger in seinen Glossen nicht Graz meint, sondern eine Erfindung, wird man durchgehen lassen. Niemand wird sie als Guide benutzen wollen. Immerhin: Alle erfinden in Graz, behauptet er, also beansprucht sein Erfinden dann doch wieder Wahrheit.

«Graz von innen» und «Graz von aussen» gibt es schon auf dem Buchmarkt. Jetzt kommen die «Ansichten eines Flaneurs». Wenn es nur stimmen würde. Eichberger flaniert nicht, er hangelt von Einfall zu Bonmot, von Bonmot zu Pointe, von Pointe zu Einfall. Manchmal ist das sogar gut. Manchmal an der Grenze des Erträglichen. Manchmal wie von Peach Weber. Und manchmal noch billiger: wenn Eichberger sich den Ball selber vorlegt, mit dem er das Tor erzielt. Was ein rechter Grazer Dichter ist, versteht mindestens etwas von Fussball. Das Problem ist eben: Es fällt Eichberger zu Graz nichts anderes ein als Einfälle. Selbst wenn es unendlich originell und lustig ist: Das «unendlich» ist das Langweilige.

Nein: Mythen fallen ihm auch noch ein. Die verbreitet er aber nur, um sie zu demolieren: Graz war einmal eine Stadt der Literatur, jetzt ist es eine «statt» Literatur. Alles ist am Ende, Graz driftet nach rechts, die ganze Kulturszene ein Misthaufen, die Künstler die Fliegen, die auf ihm überleben. Oder, etwas freundlicher, Fossilien: Kolleritsch sitzt in der Konditorei und trinkt bloss noch Tee, was für ein Abstieg. Die anderen immerhin saufen noch, denn Literatur und Saufen gehören zusammen. Diese Graz-Folklore kennen wir.

Natürlich möchte Eichberger (wer schon nicht?) bloss ein Buch über nichts geschrieben haben, deshalb gibt er sich die Rolle des ziellosen Flaneurs. Mit dem Flanieren verbindet er das alte otium - doch eher ohne Würde. Die Grazer Clochards, muss man annehmen, sind für ihn der wahre Geistesadel. Aber zu einem Archipoeta reicht es Eichberger dann doch nicht. Immer nur «auf einen Sprung» möchte er in Graz und im Leben gewesen sein. Aber genau die Leichtigkeit fehlt ihm. Graz macht ihn schwer, Graz ist seine Hassliebe. Das hat man von österreichischen Autoren auch schon besser gehört: sich gefallen im Missfallen. Man braucht ihnen das nicht zum Vorwurf zu machen, sie leiden schliesslich am meisten daran. Aber gemessen an Thomas Bernhard ist Eichberger kalter Kaffee. Und scheint, zumindest in seiner hochtourigen Prosa, ein bisschen zu gut davon zu leben....Fortsetzung

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