Aller Ding von Michael Lentz, 2003, S. FischerAller Ding.
Gedichte von Michael Lentz (2003, S. Fischer).
Besprechung von Lars Reyer aus der titel-magazin:

Führung durchs Sprachhaus

hören und warten Einem größeren Publikum bekannt geworden ist Michael Lentz, der beim Klagenfurter Wettlesen im Jahre 2001 preisgekrönt wurde, durch seinen im letzten Jahr erschienenen Erzählungsband "muttersterben", worin der Autor sich, sprachlich furios, an die Erfassung, an das wörtliche Erschreiben seiner/unserer Welt macht. Diese Welt ist, so leiblich darin auch gelitten und gestorben wird, eine Sprachwelt. Nun liegt ein Gedichtband des Autors vor, der die Sprache, unser aller Ding eben, schon im Titel führt.

Was geschieht in "Aller Ding"? Ich möchte mich dieser Fragestellung fragend annähern, denn so gutwillig Lentz sein Thema, den Ausgangs- und Anstoßpunkt seines Schreibens, offen legt, so vielschichtig und naturgemäß flatterhaft stellt dieses sich letztlich im Geschriebenen dar. Was also passiert in den lentzschen Gedichten einerseits mit der Sprache, andererseits mit dem durch die Sprache Transportierten? Oder wird überhaupt nichts durch die Sprache transportiert? Soll man sich die Sprache, die Lentz in diesem Buch installiert, als autopoetisches System vorstellen, das sich unablässig selbst hervorbringt? Handelt es sich um eine Sprache, die nicht über sich hinaus kommuniziert, eine Sprache, der ein sogenanntes Sender-Empfänger-Prinzip fremd ist, und die darum mehr über ihre Strukturen als über ihre Inhalte sich vermittelt? Vielleicht hilft es, sich über das Prinzip - das natürlich nichts anderes als ein Formprinzip sein kann - des Buches klar zu werden, um zu verstehen, was hier geschieht. Dieses Prinzip nun scheint die Reduktion zu sein, und zwar zuerst einmal die Reduktion in syntaktischer Hinsicht. Die Anordnung der Gedichte ist so gewählt, dass eine Art Einschrumpfung stattfindet. Von "Reim und Schlamm", dem ersten Kapitel, bis zu den "Einworte[n]", die das Buch abschließen, findet eine gehörige Entschlackung des Sprachmaterials statt. Wer nun aber eine Entschlackung gegen Null, also quasi ins Nichts, erwartet, der sieht sich getäuscht und wird auf der letzten Seite mit den Worten "so! jetzt reicht es nicht." aus dem Buch entlassen. Nichts ist eindimensional in diesem Buch, und doch scheint alles auf wunderbar einfache Weise schlüssig. Ein, wie ich meine, seltener Fall von Komplexität, dem nicht widersprochen werden kann. Und doch lauert eben darin, in dieser unwidersprochenen Komplexität, ständig der Gegenbeweis für alles Gesagte. Das macht die Sache so angenehm unpathetisch.

Reduktion in syntaktischer Hinsicht also. Und wie ist es mit der Semantik? Leicht ließe sich annehmen, dass bei einer solchen Konzentration auf die Syntax jeder semantische Wert wegbreche, zumindest aber zu etwas Austauschbarem gerate. Weit gefehlt. Vielmehr scheint der Fall hier so zu liegen: Semantik und Syntax bedingen sich gegenseitig derart, dass an eine Entkoppelung der beiden Ebenen nicht zu denken ist. Die Semantik verbeißt sich in die Syntax, die Syntax in die Semantik. Durch die Syntax werden die Inhalte nicht nur transparent, sondern sie werden in einer Weise vorgeführt, für die Anschaulichkeit wohl das zutreffendste Wort ist. So finden sich z.B. unter dem Kapitel "Formate und Formalerei" eine ganze Reihe von visuellen Gedichten, die, obzwar mit Anspielungen und Zitaten gespickt, dem Genre eine durchaus frische Seite abtrotzen können. "Epische Breite" ist das freilich nicht, aber wer wollte die in solch einem gelungenen Fall von Formfanatismus ernsthaft vermissen?

Man merkt Lentz, von der ersten bis zur letzten Seite des Buches, sein Herkommen, seine Verpflichtung gegenüber bestimmten poetischen Traditionslinien an. Immerhin hat er im Jahr 2000 ein zweibändiges, fast möchte man sagen: Standardwerk, unter dem Titel "Lautpoesie/-musik nach 1945. Eine kritisch-dokumentarische Bestandsaufnahme" vorgelegt. Dass so etwas nicht ohne Spuren bleibt, versteht sich fast von selbst. Lentz zweifelt die Benennungskraft des Wortes an, er verlässt sich auf die Sprache als Sprache, nicht auf die Sprache als Abbildungsmaschinerie. Was dabei im poetischen Prozess herauskommt, ist ein sprödes, störrisches, wiewohl witziges und sehr kluges Sprechen (und Schreiben). Eine Dosis (Sprach)Zweifel, so verabreicht, hat noch niemandem geschadet.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.titel-magazin.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0703 LYRIKwelt © titel-magazin