Alle leben so von Angelika Klüssendorf, 2000, S.FischerAlle leben so.
Roman von Angelika Klüssendorf (2000, S. Fischer).
Besprechung von Andrea Köhler in Neue Zürcher Zeitung vom 12.02.2002:

Schluckauf vor Glück
Angelika Klüssendorfs Episodenroman «Alle leben so»

Wenn alle so leben, dann ist es um unser Leben nicht gut bestellt. Wenn alle so ratlos in dieser Baustelle namens Gegenwart herumstochern wie die Figuren von Angelika Klüssendorfs drittem Roman, dann gibt es gute Gründe, zum Trost solche Bücher zu schreiben. «Alle leben so» ist ein Zustandsbericht aus einer haltlosen Welt. Nun sind «alle» nicht alle, und die Art und Weise, wie Angelika Klüssendorf ihre frierenden Existenzen durch die Kaufhäuser, die Provinz, aufs Eis oder ins Wasser schickt, ist alles andere als trostlos: nämlich formvollendet skurril. Ein bisschen hört man die Autorin stets im Hintergrund kichern - und zwar nicht, weil sie sich lustig macht über ihre Figuren und ihre «Verzierungen fehlgeschlagener Selbstmorde an den Handgelenken», sondern weil «das Leben» eben so ist.

So wie das magersüchtige Dasein des Schriftstellers beispielsweise, vor dessen Tür ein Gerichtsvollzieher «mit einem Gefühl der Lächerlichkeit» und ohne Vollstreckungsgrund seine Runden dreht. Der junge Mann pflegt seine vegetative Dystonie, so «wie jeder seine Sehnsucht hat oder sein Amerika». Und wenn der Gerichtsvollzieher, von seiner eigenen Melancholie eher verführt denn vom Pflichtgefühl getrieben, mit dem «bröckelnden Gespenst» zu einer Landpartie und zu dessen Mutter aufbricht, dann nur, «weil schon alles schiefgegangen war». Alle Figuren in diesem Roman, der sich eher aus lose über Motive verknüpften Erzählungen zusammensetzt, haben ihr Leben auf die eine oder andere Art verpfändet. Die junge Frau, in der wir später die Assistentin des Gerichtsvollziehers erkennen, verliebt sich in einer anderen Geschichte in einen Schriftsteller, der nicht schreibt; sie hatte ihn, heisst das bei Klüssendorf, «für tauglich befunden, ihre Lebensleiche zu sein». Ein Heiratsschwindler, der die Sehnsüchte alternder Frauen schäbig missbraucht, wird am Schluss von seiner grossen Liebe in den Ruin gestürzt, ohne dass wir dahinter so etwas wie einen Vergeltungsschlag für sein Gebaren erkennen dürfen. Es gibt keine Ursache und keine Wirkung, oder jedenfalls keine Moral. Das Leben ist halt so....Fortsetzung

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