Allein das Meer von Amos Ao, 2002, Suhrkamp1.) - 2.)

Allein das Meer.
Roman von Amos Oz (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Carsten Hueck aus Jüdische Allgemeine:

Begehren ist alles
„Allein das Meer“: Amos Oz singt das Hohelied des Lebens

Das menschliche Leben ist zerbrechlich und vielfältig. Es bedeutet alles und nichts, ist Entwicklung und Vergehen. Amos Oz, der vielfach ausgezeichnete israelische Autor und Friedensaktivist, weiß ein Lied zu singen vom Leben.

Allein das Meer, sein neuer Roman, ist ein bewegender Kanon für Solostimmen. Ein Kapitel umfaßt nie mehr als zwei Seiten, oft nur eine halbe. Die einzelnen Teile des vielstimmigen Ganzen könnten für sich stehen und hätten Bestand: Reflexionen, Dialoge, Selbstgespräche. Beschreibungen von Begegnungen, der Geräusche des Alltags oder der Nacht, am Mittelmeer, im Himalaya, auf den Bergen des Herzens.
Oz spannt seinen erzählerischen Bogen weit, um fast eine ganze Welt. Im Zentrum steht Bat Jam, „Tochter des Meeres“, ein schäbiges Städtchen südlich von Tel Aviv, der lärmenden Großstadt, die, wie es an einer Stelle heißt, „auslöscht“. In Bat Jam hingegen hört man das Meer. Sein schweres und gleichmäßiges Atmen gibt diastolisch den Rhythmus des Romans vor. Oberhalb schroff abfallender Dünen lebt Albert Danon, Steuerberater und seit kurzem Witwer. Seine Frau Nadia starb überraschend an Krebs, sein Sohn Rico durchstreift auf Suche nach spiritueller Erleuchtung die Länder Asiens. Ricos Freundin Dita, eine angehende Drehbuchautorin, besucht Albert hin und wieder. Sie schätzt seine Hilfe in geschäftlichen Belangen, auch die stille Häuslichkeit des Sechzigjährigen. Zwischen der jungen Frau und dem älteren Mann entsteht eine fragile Liebesbeziehung. Sein Begehren und seine Schüchternheit rühren Dita. Ihre Nächte verbringt sie allerdings immer häufiger mit einem gut betuchten Sicherheitsberater, ehrgeizigen Macho und Lebemann. Und ihre Sehnsucht gilt trotz allem Rico, der wiederum in Nepal eine Beziehung zu einer älteren Gelegenheitsprostituierten und ehemaligen Nonne eingeht, aber beim Anblick der Bergketten des Himalaya an Ditas Körper denkt.
Liebe, Fürsorge, Freundschaft, Begehren - Oz presst das Verlangen, zeigt, wie unterschiedlich Beziehungen zwischen Männern und Frauen sich gestalten, wie persönlich Moral ist. Seine Figuren sind miteinander verbunden wie das Gewebe eines fliegenden Teppichs. Auch in ihren Monologen beziehen sie sich aufeinander. Eine Trennung durch Zeit und Raum existiert dabei nicht, selbst Ricos verstorbene Mutter und die Schlaflosigkeit haben eine Stimme. Als fiktionaler Erzähler beschreibt Oz Erfahrungen und Erlebnisse seiner Figuren, dann mischt er sich unter sie und wird eine Figur im eigenen Roman, verschmilzt mit seiner Geschichte, spricht darin von seinem Wohnort in der Wüste, zu seinen Angehörigen, läßt sich von einer seiner Figuren anrufen. Der Autor ist kein Schöpfer, der auf sein Werk schaut, sondern einer, der teilnimmt. Auch dem Leser bleibt wunderbarerweise nichts anderes übrig. Er leidet, begehrt, rätselt, lauscht mit - und bleibt, wie die Figuren des Buches, allein.
Allein das Meer ist ein Hohelied des Lebens. In Versen, mitunter Reimen variiert es elegisch und sinnlich, Motive aus Tora und Neuem Testament. Mit der Sensibilität Rilkes, der Kraft biblischer Sprache, buddhistischer Weisheit und Ironie zeichnet Amos Oz ein poetisches Porträt der Schöpfung. Dauerhaft ist allein das Meer, und so beschwört und beklagt er im selben Atemzug Lust und Vergänglichkeit menschlichen Daseins. An Dichte und Intensität ist das nicht zu übertreffen.
Mit diesem Buch, erklärt Amos Oz, möchte er in der Erinnerung der Menschen bleiben. Schmerzlich schön wird sie sein. 

...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

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Allein das Meer von Amos Ao, 2002, Suhrkamp2.)

Allein das Meer.
Roman von Amos Oz (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Marc-André Podgornik in der Frankfurter Rundschau vom 8.2.2003:

Der Zauber von Oz

Mit "Allein das Meer" möchte der israelische Autor Amos Oz "in den Erinnerungen der Menschen bleiben" - was gelingen könnte, weil es ein ganz besonderes Buch ist. Ein Roman, der keiner ist, ein Gedichtband der keiner ist, eher ein Roman in Gedichten. Oz spielt mit Worten und Sätzen, mit Reimen, Zeiten und Spannung, er verwischt die Grenzen zwischen Poesie und Prosa. Sieben Israelis erzählen aus sich verschränkenden Perspektiven von ihren Versuchen, ein gelungenes Leben zu führen. Völlig unerwartet mischt sich auch der Autor ins Geschehen ein - immer auf Augenhöhe mit den handelnden Personen. Oz ignoriert gelassen die Grenze zwischen sich und den Figuren. "Allein das Meer" artikuliert vielstimmig die Hoffnungen und Enttäuschungen, die elementare Gewalt von Liebe, Verlangen und Schmerz. Bat Jam, eine kleine Stadt am Mittelmeer: Die aus Bulgarien eingewanderte Nadja ist an Krebs gestorben. Ihr Mann, der Steuerberater Albert, versucht sich von der Trauer zu befreien - vielleicht mit Hilfe seiner ehemaligen Kollegin Bettine? Auf seinen Sohn Rico kann er nicht zählen, der irrt durch Tibet in der Hoffnung, im ganz Fremden sich selbst zu entdecken. Herauszufinden, wie das Leben sich zu leben lohnt, versucht auf ihre Weise auch Ricos Freundin, die Drehbuchautorin Dita. Zwar hat sie einen Liebhaber, Giggy, und auch der Filmproduzent Dubi ist hinter ihr her, aber sie muss unbedingt in das Haus des Witwers Albert einziehen. So bilden sich Dreiecksbeziehungen heraus, die überraschende Änderungen erfahren. Immer wieder sind sie der Ursprung neuer Wendungen, in denen alles Alte unwichtig wird und die Gegenwart um ihrer selbst willen gelebt wird. "Allein das Meer ist da, und selbst das hat sich von Tiefblau zu Grau gewandelt. Glaub nicht, kleiner Junge. Oder doch. Glaub doch. Wen interessierts?" Jeden, der sich auf dieses Buch einlässt. Denn es ist von außerordentlicher sprachlicher Kraft, was demjenigen, der eine gewöhnliche Geschichte erwartet, zunächst sperrig und vielleicht sogar abweisend erscheinen wird. Einmal in Handlung und Erzählweise eingetaucht, möchte man aber gar nicht mehr luftholen. Amos Oz sagt, er habe durch dieses Buch "Frieden mit sich selbst geschlossen".

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

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