Alle Geschichten von Reinhard Lettau, Hanser, 1998Alle Geschichten.
Prosa von Reinhard Letta (1998,
Hanser, hrsg. von Dawn Lettau, Hanspeter Krüger)
Besprechung von
Urs Widmer in Neue Zürcher Zeitung, 1998:

Schmerz der verlebten Zeit
«Alle Geschichten» von Reinhard Lettau

Vor zwei Jahren ist Reinhard Lettau gestorben, gerade erst siebenundsechzig Jahre alt. Jung noch, eigentlich, und in der Tat war er sein Leben lang ein «junger» Autor geblieben. Erregbar, nicht weise. Keiner, zu dessen Geburtstag ein Kanzler käme. Er war auch bei seinem Tod noch eher ein writer's writer – von vielen Autoren geliebt, verehrt, mehr als von den lesenden Massen. Das könnte anders werden – es wäre zu wünschen –, denn der Hanser-Verlag legt jetzt alles vor, was Lettau geschrieben hat, in zwei Bänden. Der erste Band ist kürzlich erschienen und enthält alle zu Lebzeiten publizierte Prosa – und die «Frühstücksgespräche in Miami», eine theatralische Phantasie über abgetakelte Diktatoren im Exil, die ursprünglich ebenfalls eine Prosaarbeit gewesen waren und die Lettau dann, weil Heiner Müller ihm dazu riet, zu einem Stück umarbeitete. Zu einem zu seiner Zeit (1977) übrigens überaus erfolgreichen. – Der zweite Band dann wird Aufsätze, Gedichte, Porträts, Kritiken, Gespräche und Miszellen versammeln.

Politische Energie

Lettau war ein durch und durch politischer Autor. Es gibt keine Zeile ohne politische Energie, auch wenn er oft vom Nebensächlichsten zu schreiben scheint. Kein Wunder: sein Leben (er wurde 1929 in Erfurt geboren) war ein Potpourri des alltäglichen Horrors, den dieses Jahrhundert bereithielt. Nationalsozialismus, der Krieg, der Sozialismus, der sich so real existierend in seiner Heimat einzurichten begann, dass seine Eltern in den «Westen» gingen. Das Fliehen, das Nirgendwo-zu-Hause-Sein wurden nicht zufällig zu seinen Lebensthemen. Die Absurdität des Kriegs. Der Irrsinn der Ausübung von Macht.

Mit staatlicher (und anderer) Macht geriet er denn auch immer wieder in Konflikt, am deutlichsten 1967, als er im Auditorium Maximum der Freien Universität Berlin eine Rede über die «Servilität der Presse» hielt und dabei einige Springer-Zeitungen öffentlich zerriss. Es waren die Jahre des Aufruhrs, die Nerven der Behörden der Bundesrepublik lagen blank, und so wiesen sie den intellektuellen Revoluzzer aus. Sie konnten das, weil Lettau eine Amerikanerin geheiratet hatte und Bürger der USA geworden war. Zwar wurde die Ausweisung bald wieder zurückgenommen, aber Lettau lebte fortan in den USA, bald als Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft in San Diego. Sein Buch «Täglicher Faschismus. Amerikanische Evidenz aus 6 Monaten» (1971) zeigt, dass er auch dort politisch hellwach blieb. Ein «Linker» also, aber einer, dem keine fundamentalistischen Phrasen aus dem Mund flossen. Mit ideologischen Hohlformen konnte man ihn jagen, mit «rechten» und mit «linken».

Ganze 364 Seiten sind die Prosaausbeute seines Lebens. Man errät, dass Lettau kein Vielschreiber war. Nein, das war er wirklich nicht. Er war ein bedachtsamer, selbstkritischer, bis zur Zwanghaftigkeit genauer Schriftsteller – der aber, gleichzeitig, luftleicht, witzig und herzlich war. Eigenschaften, die sich in der Regel ausschliessen, gingen bei ihm eine ganz eigene Synthese ein. Jedes Gewicht, das ihn nach unten zog, fand in ihm sein Gegengewicht, so dass sein Werk zu schweben scheint, zu fliegen beinah.

Der zwanghaft Genaue konnte virtuos mit der Sprache spielen, ein Rastelli der Wörter. Der unermüdliche Beobachter realer Macht entwarf Sprachkriege von sich überschlagender Absurdität. Der Aufklärer liebte Phantasien über alles, deren Motor die Sprache und (fast) nur die Sprache war. Ja die Gegensätze reichen bis in diese Sprache selbst hinein: Er war ein Mann ganz dieses Jahrhunderts, und er schrieb zuweilen wie der Goethe der «Wahlverwandtschaften».

Es ist berührend, Lettaus Lebensweg lesend nochmals zu gehen. Was er in fünfunddreissig Jahren schrieb, lesen wir nun in ein paar Stunden. Eine durchaus irritierende Erfahrung. Ich hatte nämlich alle seine Bücher früher schon einmal gelesen, bei ihrem Erscheinen jeweils, und ich hatte in mir ein Gefühl völliger Begeisterung aufbewahrt. Diese Begeisterung – ein fürwahr kostbares und entsprechend seltenes Gefühl – fand ich erst beim Lesen der beiden letzten Bücher wieder. Vorher: Zustimmung oft, freudvolles Wiedererkennen – aber auch das Gefühl eines gewissen Mangels. Mich störte plötzlich die schier absolute Herrschaft der Form, die dem schreibenden Ich keinen Raum liess. Diese Berührungsscheu, dieser beständige Rückzug in die Abstraktion, ins sich selber fortzeugende Spiel, wo mir ein jäher Blick auf Herz und Schmerz wohlgetan hätte. Und dann geschah das Wunder: In «Zur Frage der Himmelsrichtungen» (1988) und, am stärksten, in «Flucht vor Gästen» (1994) fand ich alles, was ich vorher vermisst hatte. Die zwanzig Jahre, in denen Lettau kein Prosabuch veröffentlicht hatte, hatten sich gelohnt.

Heimkommen

Auch in seinen letzten Büchern schreibt Lettau nicht «realistisch», wenn realistisches Schreiben eines wäre, das mit möglichst vertrauten Sprachformen möglichst Vertrautes sagen will. Nein, Lettaus Prosa ist auch deshalb so einnehmend, weil sie nicht nur den Leser, sondern offenkundig auch den Schreiber immer wieder überrascht. Aber jetzt ist ein «Ich» aufgetaucht, das wir getrost «Lettau» nennen dürfen. Ins Spiel kommt gelebter Schmerz hinein, der Schmerz der verlebten Zeit.

Das neue Schlüsselwort heisst «Thüringen». Heimat also, Heimkommen. Da Lettau über eine unsentimentale Klarheit seiner Gefühle verfügt, sieht er natürlich das Groteske daran, just Erfurt zum Herzpunkt der Welt zu machen. Dennoch. In einer unnachahmlichen Szene in «Flucht vor Gästen» sitzt der Held («Lettau») in seinem Haus an der amerikanischen Pazifikküste vor einer Karte der Welt und malt mit Deckweiss jene Länder zu, «die man sich aus der Welt, so wie wir sie kennen, wegdenken könnte, ohne dass Schaden entstünde». Da verschwinden natürlich auf der Stelle ganze Kontinente unterm Weiss. Afrika, Asien, Australien sowieso. Bei näherem Hinsehen dann auch «alles südlich von Suhl». Und sehr bald bleibt nur noch Thüringen übrig. Erfurt. Ach, die hitzigste Sehnsucht hat man stets nach jenem Daheim, das es nicht nur nicht mehr gibt, sondern das es so, wie es die Sehnsucht will, gar nie gegeben hat.

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