Alle
Flüsse fließen ins Meer.
Autobiografie von Elie Wiesel
(1995, Hoffmann&Campe).
Besprechung von von Ulrich
Karger, Berlin:
Der Journalist, Romanautor, Religionsphilosoph und
Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel hat eine Autobiographie verfaßt. Jahrgang
'28 und dem "Trotzdem" verpflichtet, zählt er sich zu einer Generation, die "von
der Aufgabe besessen ist, alles festzuhalten, alles weiterzugeben". Als
16-jähriger wurde er mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. Neben vielen
anderen Verwandten kommen im KZ auch seine Eltern und die jüngere Schwester um.
Und trotzdem.
"Es geht nicht darum, meine Lebensgeschichte zu erzählen, sondern die Geschichte
meiner Geschichten.(..)Außerdem möchte ich Sie gleich warnen: Ich werde durchaus
einige Ereignisse übergehen, die mein Privatleben und das anderer
betreffen,(..), und im allgemeinen verzichte ich darauf, über Dinge zu sprechen,
die dem jüdischen Volk schaden könnten." Und tatsächlich durchbricht E.W. das
sonst für Autobiographien übliche Nacheinander von Erlebnissen, auch wenn er
natürlich weit mehr als nur Hintergrundinformationen zum besseren Verständnis
seiner Werke nachreicht bzw. einige Mißverständisse (z.B. Übersetzungsfehler)
aufklärt. (Die Kenntnis seiner Werke wird übrigens nicht vorausgesetzt, zitiert
er daraus doch allenthalben die für ihn wesentlichen Abschnitte.)
Die Überschriften der zehn Kapitel zeichnen zwar in etwa die Chronologie seiner Lebensmittelpunkte nach, aber in "Kindheit" z.B. sind neben den Erinnerungen an die Kindheit eben u.a. auch Reflektionen auf die Ausgestaltung der Protagonisten seiner Romane miteinbezogen, die nach Maßgabe dieser Lebensphase ganz bestimmte Züge erhalten haben. So gesteht er eine relativ farblose Ausgestaltung seiner weiblichen Charaktäre ein, obwohl er seiner Mutter im wahrsten Sinne des Wortes lange Zeit heftig "anhing". In seinen Träumen, die sich als Einschübe in allen Kapiteln finden, ist es aber vor allem der Vater, der ihm immer wieder schweigende Botschaften sendet. Oder die kleine Schwester. Beide verklärt er, ist sich dieser Verklärung z.T. durchaus selbstironisch bewußt, kann und will dieser Verklärung aber auch nicht Einhalt gebieten. Was den Vater betrifft, wird er auch durch die jüdische Denktradition verstärkt, die verlangt, den Spuren der "Väter und Vorväter zu folgen".
Anschließend die Kapitel "Finsternis", worin er dem jugendlichen E.W. beim Einmarsch der Deutschen eine krude "Romantik des Schreckens" anlastet, und "Der leidende Gott - Ein Kommentar". In letzterem setzt E.W. uns auf knapp vier Seiten sein Glaubensbekenntnis nach Auschwitz auseinander. "Es gibt keinen Ort, der frei von Gott ist". Demnach mußte Gott in Auschwitz mit-leiden. Aber: "Wie hat Gott es fertiggebracht, Sein Leiden und zudem das unsere auszuhalten? Müssen wir davon ausgehen, daß das eine zur Rechtfertigung des anderen dient? Sicher nicht. Nichts kann Auschwitz rechtfertigen. Und wenn Gott selbst mir eine Rechtfertigung anböte, ich würde sie, glaube ich, zurückweisen. Treblinka hat alle Rechtfertigungen außer Kraft gesetzt. Und alle Antworten."
Das "Übergehen einiger Ereignisse" s.o. meint denn auch
das resignierend respektvolle Schweigen vor den Zu- und Auslassungen eines
Gottes, der doch trotzdem oder eben deswegen so sehr in der Mitte des eigenen
Lebens steht.
E.W. sucht schließlich als gläubiger Jude immer wieder das (Lehr-)Gespräch. Er
trifft dabei auf so ausgezeichnete und unterschiedliche Vertreter seines
Glaubens wie den Rationalisten Saul Liebermann, den Mystiker Gershom Scholem
sowie die Chassiden Abraham Joshua Heschel und Rabbi Schneersohn von Lubawitsch,
der kurz vor seinem Tod 1994 noch beinahe zum Messias gekrönt worden wäre. Die
Anfragen, das sich Entfernen und wieder Annähern an den Glauben, verbunden mit
seinen (manchmal enttäuschten) Hoffnungen an den Staat Israel, und die z.T. noch
heute andauernde Mißachtung jüdischer KZ-Opfer werden zu den zentralen Themen
seines Lebens. Kapitel wie "Lehrjahre", "Journalist", "Reisen" und "Schreiben"
behandeln aber auch durchaus anektdotenreich den beruflichen Werdegang des nun
in Boston dozierenden Professoren, der lange Zeit seine Schüchternheit gegenüber
Frauen als größtes Handikap empfand. Er heiratete denn auch relativ spät. Und
natürlich: Auch die Begegnungen mit solch zeitgeschichtlichen Größen wie Ben
Gurion, Golda Meir und Konrad Adenauer finden ihren Niederschlag. E.Ws. Konzept
läßt den Hauptstrang dieser Autobiographie allerdings bereits mit der Hochzeit
1969 in Jerusalem enden und die Gegenwart nur in rückbezüglichen Nebenexkursen
streifen. Diese Zeitsprünge sind zumeist herausfordernd kunstvoll, zuweilen aber
auch irritierend. So bleibt im Zusammenhang mit seiner Gegnerschaft zur
bundesdeutschen Wiedergutmachung 1952 unklar, ob er die Rettung Jasir Arafats
aus Tripolis 1983 auf einem von der Wiedergutmachung finanzierten Luxusliner nun
bedauert oder nicht. Davon abgesehen ist diese Arbeit Elie Wiesels jedoch im
besten Sinne aufregend. "Denn wenn ich etwas gelernt habe im Leben, dann ist es
das Mißtrauen gegenüber der Bequemlichkeit des Geistes."
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.buechernachlese.de.vu]
Leseprobe I Buchbestellung 1108 LYRIKwelt © Ulrich Karger