Alle Farben der Sonne und der Nacht.
Roman von Lenka Reinerová (2003, Aufbau).
Besprechung von Michael Grus in der Frankfurter Rundschau, 12.8.2003:

Farben der Vergangenheit
Exil, Haft und Schreibverbot - und doch fallen die Memoiren der Schriftstellerin Lenka Reinerová optimistisch aus

Vom Tauwetter, das im Imperium nach Stalins Tod wenigstens vorübergehend einsetzen sollte, war zu Beginn des Jahres 1952 in der Tschechoslowakei noch lange nichts zu spüren. "Draußen war Frühling, hier war nichts." Hier, in der fensterlosen, fünfeinhalb Schritte messenden Zelle im Prager Gefängnis Ruzyne, dient ein "türkischer Abtritt" als sanitäre Anlage und ein Strohsack dem Schlaf unter einer dünnen Decke. Völlige Isolation von der Außenwelt und die nur von den Verhören unterbrochene Ereignislosigkeit der Haft verurteilen schon vor der Gerichtsverhandlung zu einem Leben ohne Gegenwart, von der ungewissen Zukunft ganz zu schweigen. Doch "Menschen im Gefängnis", schreibt Lenka Reinerová, "durchleben ihre Vergangenheit mit besonderer Intensität, in allen ihren Schattierungen, mit all ihren Farben, Klängen und Gerüchen."
Aus solcher Erinnerungsarbeit besteht das Werk Lenka Reinerovás, der letzten in deutscher Sprache schreibenden Autorin Prags, für das die 1916 Geborene unlängst mit der Goethe-Medaille von Inter Nationes ausgezeichnet wurde (gemeinsam mit Jorge Semprún). Bei ihrer Geburt, acht Jahre vor Kafkas Tod, betrug der Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung immerhin noch gut sieben Prozent der Gesamteinwohnerzahl der tschechischen Hauptstadt, der weitaus größte Teil davon waren Juden. Über diese Herkunft wurde zu Hause selten gesprochen, berichtet Reinerová in ihren stets autobiographisch gefärbten Erzählungen. Die Eltern seien darauf bedacht gewesen, in ihrer Umgebung nicht weiter aufzufallen. Als Mitglied des jüdischen Wohlfahrtsvereins entrichtete man die entsprechenden Beiträge und ließ es dabei bewenden, die Mutter hatte die Synagoge zuletzt bei ihrer Hochzeit betreten. Nach dem deutschen Einmarsch in die Tschechoslowakei entschied die Abstammung gleichwohl das Schicksal der Familie, die Eltern, die beiden Schwestern, viele weitere Angehörige und Freunde wurden deportiert und ermordet. Reinerová, als Kommunistin und Redakteurin der im Prager Exil erscheinenden Arbeiter-Illustrierte-Zeitung, noch zusätzlich gefährdet, befand sich zu diesem Zeitpunkt zufällig im Ausland.

Im Jahr ihrer Rückkehr aus dem Exil, 1948, ist die kommunistische Machtübernahme in der Tschechoslowakei bereits so gut wie perfekt. Auf die Entfernung der bürgerlichen Parteien aus den Zentren der politischen Macht folgt in der Zeit bis zu Stalins Tod die Phase der Fraktionskämpfe, begleitet von den üblichen Säuberungen. Nachdem sich das Lager der "tschechischen" Kommunisten um Gottwald gegen die in denunziatorischer Absicht so genannten Zionisten und Trotzkisten um den KP-Generalsekretär Slánský durchgesetzt hat, werden mit Beginn des Jahres 1952 unter anderen jüdische Intellektuelle und slowakische Nationalisten aus ihren Stellungen entfernt.

Reinerová selbst verliert ihren Arbeitsplatz beim Rundfunk wenige Wochen vor der Verhaftung. "Von der konturlosen Welle unbegründeten Verdachts wurde auch ich erfasst", schreibt sie im Vorwort zu dem jetzt im Aufbau-Verlag erschienenen Buch über die sich anschließende, fünfzehn Monate währende Haft. Dass Kommunisten die eigenen Kampfgefährten einsperren, die während der Nazi-Barbarei klar gezogene Trennung zwischen Freund und Feind nicht mehr zu gelten scheint, verunsichert sie zutiefst. "Vergeblich zerbrach ich mir in jenen langen Stunden den Kopf - und tue es eigentlich bis heute -, wie aus dem verführerischen Ideal meiner frühen Jugend eine so abstoßende gewalttätige Maschinerie entstehen konnte."
Aus der Verhörsituation mit ihren widersinnigen Fragen und Geständnisforderungen entwickelt die Autorin die Struktur des vorliegenden Memoirenbandes. Die Inquisitoren, die sie ohne Häme, eher mit gleichmütiger Souveränität karikiert, fungieren als Stichwortgeber für Erinnerungen an die Stationen eines wechselvollen, von Exil, Haft und Schreibverbot geprägten Lebens. Bei dieser ausgeprägt episodischen, von persönlichem Erleben bestimmten Schilderung ist eine scharfe politische Analyse nicht zu erwarten, unverfälschte Offenheit entschädigt dafür und eine genaue Beobachtung, die gelegentlich ins Anekdotische übergeht.

Als Angehörige der verarmten, doch politisch wachen Prager Bohème kommt Reinerová in den dreißiger Jahren mit zahlreichen deutschen Emigranten in Berührung, die sie etwa im "Bert-Brecht-Club" treffen konnte. Und so bleibt am Ende auch die Begegnung mit dem Namenspatron des Exilantentreffs nicht aus. Als sie im Malik-Verlag zeitweise eine Art Vorzimmerdame spielt, wünscht ein ihr unbekannter Mann "mit einem auffallend großen Kopf", natürlich Zigarre rauchend und mit gescheiten, stechenden Augen, den Verleger Wieland Herzfelde zu sprechen. Auf die Frage, wen sie melden dürfe, antwortet die Begleiterin: "Helli. Sagen Sie bitte, die Helli (Helene Weigel) ist da mit Bert."
Durch die "Nacht" des Exils, mit der Internierung in Frankreich und einer gefahrvollen Flucht über Marokko nach Mexiko, lässt Reinerovás ungebrochen optimistische, auf das Gute im Menschen vertrauende Grundeinstellung stets noch die "Farben der Sonne" durchscheinen. Ausgehend von einzelnen Feier- und Jahrestagen, die sie isoliert in der Prager Haft verbringen muss, schweifen die Erinnerungen zurück. An ein Silvester, das sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem jugoslawischen Schriftsteller und Arzt Theodor Balk, in Belgrad verbrachte, oder den Ersten Mai im französischen Lager Rieucros, der sie die internationale Solidarität der Häftlinge hinter Stacheldraht erfahren ließ.

Die neuerliche Erfahrung der Rechtlosigkeit, einem mit Hilfe vertrauter Kategorien nicht mehr deutbaren Macht- und Unterdrückungsapparat ausgeliefert zu sein, setzt einen Lernprozess in Gang. Dabei hilft eine Leidensgefährtin, mit der sie nach anfänglicher Einzelhaft im Prager Gefängnis schließlich die Zelle teilen kann. Als Nichtkommunistin verkörpert die Zellengenossin die moralische Instanz, das absurde Verhör durch die Parteischergen weicht der - einzig ergiebigen - Selbstbefragung.

Reinerovás Blick aufs Weltgeschehen erscheint nur bei vordergründiger Lektüre naiv, erfolgt vielmehr mit größtmöglicher Aufrichtigkeit und ohne das Eiferertum des Konvertiten. Am Ende des schmerzlichen Lernprozesses steht nicht Renegatentum, das einstige Ideal wird keinesfalls verbittert preisgegeben, sondern die vorbehaltlose Abwägung persönlicher Erfahrung. Oder, entsprechend dem Titel einer früher veröffentlichten Erzählung, auf den "tragischen Irrtum" folgt notwendig die "richtige Diagnose".

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