Alkor von Walter Kempowski, 2001, KnausAlkor.Tagebuch 1989.
Tagebuch von Walter Kempowski (2001, Knaus-Verlag).
Besprechung von Stephan Reinhardt in der Frankfurter Rundschau, 7.3.2002:

Wenn das mal gutgeht
Walter Kempowskis Tagebuch "Alkor" des Jahres 1989

"Was für ein Jahr! Im Jahr des 100. Geburtstags von Hitler eine reguläre Bürgerliche Revolution! Und wir waren dabei! - Mit Augen und Ohren: Wahnsinn!" Mit dieser Eintragung beendete Walter Kempowski am 31. Dezember sein Alkor überschriebenes Tagebuch des Jahres 1989 - Alkor ist ein schwer erkennbarer Stern des Großen Wagens. Als Kempowski dieses Tagebuch am 1. Januar 1989 begann, befand sich alles, was sich später ereignete, Mauerfall und Wende, außerhalb auch seines Sichtkreises, und er notierte, bezogen auf das zweihundertjährige Jubiläum der Französischen Revolution: "Ich bin gegen Revolutionen. Was geht in solchen Umbruchjahren nicht alles kaputt! Mal ganz abgesehen von den vielen Toten!" Und so unterscheidet dieses Tagebuch zunächst wenig von seinem Vorläufer Sirius, das Kempowski im Jahre 1983 führte und 1990 publizierte und in dem er über die Entstehung seines autobiografischen Romans Hundstage und seinen Schriftstelleralltag in Nartum berichtete. Hier, in der Nähe von Bremen, arbeitete er nach dem Studium der Pädagogik in Göttingen bis 1980 als Landschullehrer, seither als freier Schriftsteller.

In Alkor berichtet Kempowski vom Fortschreiten der mühsamen Arbeit an seiner monumentalen Chronik Das Echolot, in der er aus zahllosen Biografien, Briefen und Tagebüchern von Opfern, Tätern und Zeitzeugen ein tausendstimmiges, eindrucksvolles Bild der beiden ersten Monate des Kriegsjahres 1943 collagiert hat, unterstützt dabei von seiner Frau Hildegard und Hilfskräften. Kempowski berichtet zugleich über seine Literaturseminare, die er regelmäßig entweder in seinem Haus "Kreienhoop" oder im Rahmen eines Lehrauftrags an der Universität Oldenburg durchführt hat, über gleichgültige Studenten, unangemeldete Besucher, Schnorrer, Verehrerinnen und nächtlich anrufende Psychopathen: "Rief einer an, um Mitternacht, ob ich die Telefonnummer von Ernst Jünger weiß."

Mit Argusaugen notiert er fortlaufend seinen Marktwert im Literaturbetrieb: bei Lesungen, Verlegergesprächen, Interviews und Empfängen. Ausführlich teilt er nicht nur seine Träume und die Legenden von katholischen Märtyrern und Heiligen mit, sondern auch Einzelheiten über das beschauliche, mit Hühnern, die ihre Eier im Papierkorb ablegen, mit Schafen, Katzen und einem Hund einträchtig geteilte Landleben. All das ist, so banal es manchmal scheint, zumeist kurzweilig, denn Kempowski verfügt über Selbstironie, schwarzen Humor und einen ausgesprochenen Sinn für Skurilles. Lebenskünstler und Menschenfreund, der er ist, schlüpft er in die Rolle des klugen Schelms, des Kauzigen, des vorgeblich Naiven. So begründet er in schöner Ironie seine Ablehnung der Teilnahme an einer Diskussion mit Hermann Kant nicht deshalb, weil er ihn politisch desaströs findet, sondern "weil er eloquenter und vermutlich gebildeter ist als ich" und: "Während ich im Zuchthaus saß, hat er Nietzsche und Schopenhauer gelesen."

Allerdings verlässt Kempowski jeder Humor, wenn er auf seinen Lieblingsfeind zu sprechen kommt, auf das, was er "die Linke" oder "die linke Intelligenz" nennt. Kaum eine Woche vergeht in diesem Diarium, in der sie nicht ihr Fett abbekommt. Kempowski, der 1948 wegen "Spionage" für den CIC und illegalen Grenzübertritts zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt und der nach acht Jahren Haft im "gelben Elend" von Bautzen 1956 wieder entlassen worden war, hatte gewiss keinen Grund, die Augen vor der Realität des real existierenden Sozialismus zu verschließen. Aber kann auf Differenzierung verzichtet werden? Trifft Kempowskis Dauerargumentationsmuster "Links, also tückisch" plus "Meinungsterror" jederzeit ins Schwarze? War die Apo ein "Fall von kollektivem Irresein"? Warum stört Kempowski an Klaus und Erika Mann, dass sie nach dem 8. Mai 1945 in der Uniform eines GI und Alfred Döblin in der eines französischen Offiziers nach Deutschland zurückkehrten? War es wirklich so, dass die so genannte Linke die DDR stets und unisono in rosa Farben gemalt hat? Haben Dutschke, Böll, Grass nicht vielmehr unbeirrt dort Demokratisierung eingefordert?

Verlässlich ist dieses Tagebuch "Alkor" jedoch da, wo Kempowski zuverlässig die Chronik der Wende aus den Nachrichten in Rundfunk und Fernsehen in sein Manuskript überträgt. Zunächst kommentiert er ungläubig und mit gewohntem Spott die ersten Anzeichen politischer Veränderungen im Ostblock, dann, schon am 15. März, horcht er auf, nach acht Jahren Bautzen sensibilisiert wie wenige. "Die unglaublichsten Sensationen ereignen sich in der Welt, SU lenkt ein, Abrüstung, Ungarn löst sich aus dem Ostblock." "Es ist nicht zu fassen", "dass ich das noch erlebe" - mit solchen Ausrufen kommentiert Kempowski das Durchschneiden der Grenzzäune zwischen Ungarn und Österreich, die friedlichen Demonstrationen in der DDR. Und dann: "Wenn das mal gutgeht"; "Gemäß der historischen Revolutions-Mechanik müsste es jetzt zu Blutvergießen kommen." Dass es - während Rumänien 60 000 Tote zu beklagen hat - nicht zu Blutvergießen kam, war ein Glücksfall, wie auch dieser spannenden Tagebuchchronik zu entnehmen ist. Wer wie Kempowski nicht zu Unrecht auf das Versagen vieler "Linker" im Umgang mit Wende und Vereinigung hinweist, sollte allerdings ihr Motiv nicht verschweigen: die Angst vor einer Wiederbelebung des katastrophalen Nationalismus.

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