Alix, Anton und die anderen von Katharina Hacker, 2010, SuhrkampAlix, Anton und die anderen.
Roman von Katharina Hacker (2010, Suhrkamp).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 5.2.2010:

Katzenjammer des Wohllebens
Katharina Hacker, 2006 Gewinnerin des Deutschen Buchpreises, malt mit ihrem Roman "Alix, Anton und die anderen" Stimmungen

Man kann es gut meinen mit Katharina Hackers Helden und Heldinnen: Diese heißen Alix und Anton, wahlweise auch Bernd, Jan oder Lydia. Sie pflegen in Berliner Wohllebenszonen ihren doch sehr überschaubaren Weltschmerz und finden in ihrer Autorin eine zu jeder poetischen Hilfeleistung entschlossene Fürsprecherin.

Hacker liefert aber auch den Nachtrag zu einer Geselligkeitskultur, deren treffenderer Ausdruck eigentlich "gelebte Solidarität" heißen müsste. Denn während in unseren zerbröckelnden Metropolen die Bande der Hilfsbereitschaft unwiderruflich zerreißen, die Menschen massenweise in die Isolation getrieben werden, bleibt in dieser Verbundfenster-Prosa das warme Herdfeuer der Empathie jederzeit spürbar.

Alix ist die schöne, aber unendlich fragile und sensibel feinhörige Tochter eines pensionierten Oberstaatsanwalts. Ihr Gatte Jan ist Therapeut; beider Verzicht auf eigene Kinder wird aufgewogen durch das Zusammenkleben mit Anton und Bernd. Ersterer arbeitet als Armenarzt - und stellt bekümmert fest, dass ihm die Gelegenheiten zum Familiennestbau zusehends abhanden kommen. Der schwule Bernd wiederum betreibt einen Buchladen, ist aber der gute Geist der Clique. Sein mehr behaupteter als wirklich glaubwürdiger Verfall in erotischen Dingen wird - am Höhepunkt des schmalen Buches - durch ein Hündchen kompensiert, das ihm zuläuft.

Hinter solchen Lebensvollzügen, die ebenso rechtschaffen wie schmerzlich banal erscheinen, verbirgt sich meist das Gespenst der Todesverfallenheit. "Es gibt nur ein verpfuschtes Leben, hatte einmal Clara gesagt, in einem merkwürdigen leichten Ton ..." Clara ist Alix' Mutter. An ihren Mann kettet die Frau Oberstaatsanwalt eine furchtbar konstruierte Schuld, die mit der Vernachlässigung der Aufsichtspflicht und dem Tod ihres Erstgeborenen zu tun hat. Ein andeutungsreiches Wispern und Raunen schauert durch einen Text, dessen hingetuschtes Aquarellieren einen an Eduard von Keyserling erinnern könnte, wenn er nur dessen bezwingende Sprachkraft besäße.

Mit höheren Weihen versieht Hacker ihr Sittenbild, indem sie an den Rand des Fließtextes einen zweiten Erzählstrang hinklebt: Die locker beigefügten Blöcke hätten freilich ebenso bequem an das jeweilige Kapitelende angehängt werden können. Ein letzter Nachtrag: Den schönsten Namen trägt Alix' Katze. Sie heißt Calypso.

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