1.)
- 4.)
Alice.
Erzählungen von
Judith Hermann (2009, S. Fischer).
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS,
1.5.2009:
Judith Hermann ist gelassen geblieben in diesen sechs Jahren. Ganz anders als nach ihrem Debüt „Sommerhaus, später“ von 1998, das sich so kolossal gut verkaufte. Damals fiel es ihr ungeheuer schwer, an den Erfolg anzuknüpfen. Damals versuchte sie, sich die Naivität des Anfangs zu erhalten, doch so recht wollte das nicht gelingen. Das Lob der Kritiker und den Erfolg bei den Lesern hatte sie als ungeheuren Erwartungsdruck empfunden, von dem sie sich nur befreien konnte, indem sie sich Zeit ließ für neue Texte.
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Leseprobe I Buchbestellung 0609 LYRIKwelt © FOCUS
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2.)
Alice.
Erzählungen von
Judith Hermann (2009, S. Fischer).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 5.5.2009:
Sie galt einmal als Superstar der deutschen Literatur, als das sehnlich erwartete junge Genie. Das war 1998, als Judith Hermann, gerade 28 Jahre alt, ihren ersten Erzählungsband „Sommerhaus, später” veröffentlicht hatte. Das Buch war bemerkenswert, doch die Begeisterung, die es weckte, trug peinliche Züge; ein älterer Literaturkritiker machte umgehend eine „hervorragende Autorin” aus, ein anderer vernahm allen Ernstes den „Sound einer Generation“.
Allerdings war der Band mit 250 000 verkauften Exemplaren und Übersetzungen in 17 Sprachen einer der größten deutschen Bucherfolge der letzten Jahre.
Dann passierte lange nichts; Judith Hermann bekannte in Interviews erfreulich offen, sie leide unter dem Erwartungsdruck.
Fünf Jahre später dann neue Erzählungen. Miserabel. Unklar, leidenschaftslos, auf ärgerliche Weise abgeklärt, das war „Nichts als Gespenster.” Und wieder verschwand Judith Hermann; das junge Genie war inzwischen Daniel Kehlmann, „Die Vermessung der Welt” erreichte ganz neue Verkaufserfolge. 1,4 Millionen Exemplare allein in deutscher Sprache.
Jetzt kehrt Kehlmanns leise Schwester aus ihrem langen literarischen Schweigen zurück und macht dem lärmend gefeierten Meister den Rang streitig. Nicht einfach so und allgemein, sondern in exakt der literarischen Form, die Kehlmann vorgeführt und angeblich kreiert hat: Erzählungen, deren Inhalte einander kreuzen; in denen die Protagonisten der anderen, scheinbar abgeschlossenen Texte mäandern, ein Roman in Stücken. Aber was bei Kehlmann formal und artistisch wirkt, ist bei Judith Hermann eine seelenstarke, überzeugende Gratwanderung: Sie erzählt in ungewöhnlicher Weise von allgemeinen Erfahrungen.
Alice, handelnde und erleidende Figur der fünf Erzählungen, erfährt den Tod in unterschiedlicher Intensität. Freunde, ein Verwandter, der Lebensgefährte. Es ist ein sanftes, wütendes Buch, voll stiller Reflexion und klagendem Aufbegehren; gegen die Unabänderlichkeit, gegen die Normalität, die das Sterben zudeckt mit Gleichmut. Gegen die eigene Lethargie und Unfähigkeit, gegen einen Alltag, der das Alltagserlebnis Tod gleichmütig mit Erde bewirft.
Micha. Seine Frau bittet Alice, seine Exfreundin, ihr am Totenbett beizustehen, und sei es, um das Kind zu beruhigen. Eine fragende Geschichte, in der Zweifel am Umgang der Menschen miteinander schwingen.
Conrad. Wohl auch ein Verflossener, aber ganz anders, nicht nur, weil er viel älter ist als Alice. Er hat sie eingeladen, ihn am Gardasee zu besuchen, und sie kommt in einer äußerst prekären Dreierbeziehung, mit einer androgynen Freundin und einem Mann, in den sie angeblich beide nicht verliebt sind. Conrads Tod ist eher ein melancholischer Scherz Gottes; niemand hat ihn erwartet, und dass die Gäste vor allem saufen und Sex haben, während er geht, ist nicht mal tragisch. Er hatte nichts mehr zu sagen und hätte ihnen den Spaß gegönnt.
Richard. Stilles, verzweifeltes Warten auf den Tod eines Menschen, den man gern hat.
Malte. Der Onkel, von dem Alice mehr wissen möchte, als dass er schwul war und sich als junger Mann das Leben genommen hat.
Und Raymond. Den wir aus anderen Geschichten kennen, dessen Tod Alice weniger akzeptieren kann als den der anderen. Er lebt, für sie. Darum wohl wurde dieses Buch geschrieben: um dieser starken, letzten Erkenntnis willen, dass die Toten nicht verschwinden, auch nicht bloß weiterleben in unserer Erinnerung. Dass sie vorhanden sind, in unserer Lebenswelt, als Schatten.
Ein starkes Buch. Ein bewegendes Buch.
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3.)
Alice.
Erzählungen von
Judith Hermann (2009, S. Fischer).
Besprechung von Harald Loch aus den Nürnberger
Nachrichten vom 5.05.2009:
Der Tod steht im Mittelpunkt des neuen Erzählbandes von
Judith Hermann. Am 28. Mai, 20 Uhr, stellt die Schriftstellerin ihr Buch mit dem
Titel «Alice« im Literaturhaus in Nürnberg vor.
Variationen über den unwiederbringlichen Verlust eines geliebten Menschen:
Endlich hat Judith Hermann in «Alice« ihr Thema gefunden. Dass sie die Details
des Lebens genau beobachtet und in einem unverwechselbaren, auch den Nachhall
bedenkenden Ton davon erzählen kann, wissen wir seit ihrem ersten Buch
«Sommerhaus später«.
Seit diesem sensationellen Debüt erwarten alle den großen Wurf. Vor sechs Jahren
erschienen dann weitere Erzählungen: «Nichts als Gespenster«. In ihnen setzte
sie den Verzicht auf einen bürgerlichen Lebenslauf ihrer Figuren fort. Mehr als
das Notwendigste erfuhr man nicht über sie, wenn sie etwa auf Island Urlaub
machten. Das hatte System, das blieb Judith Hermanns Handschrift, war aber dem
Alltagsthema nicht immer angemessen. Je banaler der erzählte Ausschnitt ist,
desto eher braucht der Leser die Lebenskoordinaten der Menschen, von denen
erzählt wird.
Der Tod als Lebensmittelpunkt
In ihrem lange erwarteten dritten Buch hat Judith Hermann diese Reduktion der
Protagonisten auf das unmittelbare Geschehen nicht aufgegeben. Aber sie hat mit
dem Tod den Lebensmittelpunkt ihrer Prosa gefunden, der in seiner existenziellen
Wucht und Einzigartigkeit das Aussparen biografischer Vergangenheiten der schwer
getroffenen Personen geradezu verlangt. «Alice« ist nicht der Roman, den viele
erwartet hatten. Es sind fünf, von der Titelheldin und einigen der
Partnerfiguren zusammengehaltene einzelne Erzählungen, in denen jeweils ein Mann
stirbt.
Die Autorin variiert fünfmal die Todesarten, sie verändert die Perspektive der
Betroffenheit - mal ist Alice selbst die Hinterbliebene, mal sind die Trauernden
Freunde, mal hat der Onkel schon vor Alice’ Geburt den Freitod gewählt und sie
trifft vierzig Jahre später dessen damaligen Geliebten.
Aber Hermann behält ihren Ton in allen fünf Teilen bei. Sie brennt kein
sprachliches Gedenkfeuerwerk ab, vermeidet jede schändliche Eleganz an der
Oberfläche, entwickelt Tonarten nicht für ein Requiem, sondern für die
schreckliche Normalität des Verlustes, den jeder Todesfall für die
Hinterbliebenen bedeutet.
Unerträgliche Einmaligkeit
Hier ist es Alice, die diese Normalität der condition humaine annimmt, ohne
irgendeine Routine für ihre Bewältigung zu entwickeln. Der Leser wird eigene
Erfahrungen gemacht haben. Judith Hermann erzählt von denen einer erfundenen
Figur mit hoher Intensität. Sie löst den Widerspruch zwischen der geradezu
alltäglichen Zwangsläufigkeit des Todes und der unerträglichen Einmaligkeit des
Verlustes nicht auf. Sie tröstet nicht, weil es ihr nicht um die Trauer geht,
sondern um das Verlieren eines geliebten Menschen.
In Wahrheit schreibt sie über die Liebe im Angesicht ihrer Beendigung durch den
Tod: fünf Liebesgeschichten und ihr Verwehen. «Nein, nach Malte kam niemand
mehr, nur noch die eine oder andere körperliche Geschichte, aber das ist etwas
ganz anderes. Er schien es, am Ende, nicht bemerkenswert zu finden, dass nach
Malte niemand mehr gekommen ist.« Das sagte Friedrich vier Jahrzehnte nach Onkel
Maltes Tod!
Die vollständige Rezension mit Abb. finden Sie in den Nürnberger Nachrichten.
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4.)
Alice.
Erzählungen von
Judith Hermann (2009, S. Fischer).
Besprechung von Julia Emmrich
in der Westf.
Rundschau, 06.05.2009:
Judith Hermann war 28 Jahre alt, als ihr Debüt „Sommerhaus, später” den deutschen Literaturbetrieb um den Verstand brachte: Die einen knieten vor dem extrem lakonisch erzählenden „Fräuleinwunder” nieder, die anderen bekamen innere Blutungen angesichts der antriebsarmen Spätzwanziger, die sich durch die Erzählungen langweilten. Dann kam eine Weile nichts.
„Wir wollen einen Roman!” flehte die Fangemeinde, doch Judith Hermann lieferte bloß mehr vom selben: 2003 erschien der Erzählband „Nichts als Gespenster”, verfilmt mit August Diehl und Fritzi Haberlandt. Sechs Jahre ist das her. Und es gab nicht wenige, die Judith Hermann längst in die Kategorie „Eintagsfliege” sortiert hatten. Doch jetzt ist die 38-Jährige wieder da: Mit fünf Erzählungen, die sich alle um die Titelfigur Alice drehen.
„Hallo, da bist du ja wieder”, denkt man und murmelt: „Immer noch in Berlin? Immer noch ein bisschen blutarm, dafür empfindungsreich?” Frauen wie Alice liefen schon durch die ersten beiden Hermann-Bücher. Und auch am Erzählstil hat sich wenig geändert: Der Leser wird noch immer zur Kurzsichtigkeit verdammt. Er hat nichts als Alice und ihren Blick auf die nächsten Dinge um sie herum. Er geht mit ihr baden, einkaufen, tanken. Aber er weiß nichts über ihre Lebensumstände, unmöglich wäre es auch, einen Steckbrief zu verfassen. Das einzige: Früher haben diese Alice-artigen Menschen geraucht, das tut Alice jetzt nicht mehr. Ihr Blutdruck dagegen ist immer noch extrem niedrig.
Kein Wunder, dass in den Erzählungen mehr geschlafen wird als geredet. Trotzdem wirkt diese Alice immer müde - nicht erschöpft von einem wilden Leben, sondern weil ihr etwas wichtiges fehlt. Sauerstoff, möchte man meinen. Irgendetwas, das sie tief Luft holen und loslegen ließe. Stattdessen muss Alice in allen fünf Texten um Sterbende und Tote kreisen - und weiterleben.
Das Echo auf diesen erzählerischen Kniff ist absehbar: Aha, Judith Hermann ist erwachsen geworden, endlich ist Schluss mit dem Sommerhaus-Geplätscher, die großen Themen des Lebens kommen jetzt an die Reihe. Und man kann nur froh sein, dass sie es nicht macht wie viele ihrer Schriftstellerkollegen, die jetzt auf die vierzig zugehen und auf einmal das andere große Lebensthema entdecken, das vom Anfang, vom Kinderkriegen und Elternsein.
Gleich in der ersten Erzählung liegt Micha in einem Krankenhaus in Zweibrücken im Sterben. Alice hat Micha einmal geliebt, jetzt sitzt sie mit seiner Ehefrau und deren Kind in einer Ferienwohnung im Souterrain und wartet. „Aber Micha starb nicht.” Das ist der erste Satz des Buches. Und mit ihm ist viel über Judith Hermanns Stil gesagt: Sie interessiert sich nicht für Herkunft, Geschichte, Status ihrer Figuren. Sie interessiert sich für Befindlichkeiten in Moll, für das Warten auf den Tod, für das Abschiednehmen, für das Weiterleben danach.
Der Tod ist hier keine Tragödie, niemand schluchzt, schreit oder bricht zusammen. Große Affekte kennt keine der Hermann-Figuren. Der Tod ist vielmehr ein Vorgang, der sich nicht fassen lässt - und das sichtbar zu machen, ohne große Geste, das ist Hermanns Stärke.
In der letzten Erzählung räumt Alice die Habseligkeiten ihres verstorbenen Freundes auf, verschenkt das Auto, geht ins Freibad, schläft am Beckenrand ein und läuft wieder nach Hause. Jede Szene eine Variation auf die Grundmelodie namens Verlust. Nur im Schlaf ist die Verwundung nicht zu spüren, „eine ganze kostbare Stunde lang”.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]
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