Alfred Andersch desertiert von Jörg Döring, Felix Römer, Rolf Seubert, 2015, Verbrecher VerlagAlfred Andersch desertiert.
Sachbuch von Jörg Döring/Felix Römer/Rolf Seubert (2015, Verbrecher Verlag).
Besprechung von JD aus NRZ vom 07.08.2015:

Als sich das Denken über Deserteure wandelte
Alfred Anderschs "Kirschen der Freiheit" - vielleicht kein "Bericht", sondern "nur" Literatur

Sein Roman "Sansibar oder der letzte Grund" gehört zum Kanon der Schülerplagen, sein spätes Riesenwerk "Winterspelt" zu den verkanntesten Romanen der Zeit. Auf einen Schlag berühmt machten Alfred Andersch aber 1952 "Die Kirschen der Freiheit". Ein "Bericht", wie es im Untertitel hieß, über jenen 6.Juni 1944, als der Wehrmachts-Soldat Andersch in Itraien desertierte und den Moment der absoluten Freiheit genoss, bevor er sich den Amerikanern ergab und in Kriegsgefangenschaft kam. Der berühmteste Deserteur der Nachkegszeit wird bis heute als solcher in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin geehrt.

Doch seit in Anderschs Nachlass ein Text aus dem Kriegsgefangenlager auftauchte, der berichtet, wie er ganz normal von US-Soldaten gefangen genommen wurde, wuchsen Zweifel am Wahrheitsgehalt der "Kirschen".

Nun haben die Siegener Literaturwissenschaftler Jörg Döring und Rolf Seubert gemeinsam mit dem Historiker Felix Römer den Fall mit penibler Genauigkeit und manchmal etwas umständlich untersucht - anhand von Militärakten, -karten und anderen Texten Anderschs. Fest steht danach eigentlich nur, dass Andersch sich im Datum vertan hat - oder es bewusst um einen Tag auf den 6. Juni vorverlegt hat, weil es sich m den Tag der alliierten Invasion in der Normandie handelte. Anders als beschrieben, könnte Andersch auch nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen Kameraden gefangen genommen worden sein. Ob sie desertierten oder nicht, wird sich letztlich nicht beweisen lassen, weil die Amerikaner keinen Unterschied zwischen Deserteuren und anderen Kriegsgefangenen machten. Und weil es unter deutschen Soldaten wie in der Öffentlichkeit überhaupt auch in der Nachkriegszeit noch als ehrenrührig galt, desertiert zu sein.

Mit seinem offensiven Bekenntnis zur Fahnenflucht, so die Schlussfolgerung der Autoren, hat Alfred Andersch allemal dafür gesorgt, dass sich das erst in den 70er-Jahren allmählich positiv wurde, zu wandeln begann.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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