Aleph von Paulo Coelho, 2011, Diogenes1.) - 2.)

Aleph.
Roman von Paulo Coelho, (2011, Diogenes - Übertragung Maralde Meyer-Minnemann).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 2.1.2012:

Paulo Coelho: "Routine muss nicht sein"
Probiere dich aus. Erobere dein Reich, in dem Routine herrscht, zurück: Mit 200.000 Exemplaren startet "Aleph", die nächste Entdeckungsreise des Brasilianers.

Aleph ist der erste Buchstabe im hebräischen Alphabet. Der Anfang. "Der Mensch, der seinen Atem empfindet" (Rudolf Steiner).

Und "der gegenwärtige Augenblick" (Paulo Coelho).

Der Roman "Aleph" ist autobiografisch. Der 64-jährige Brasilianer, dessen spirituelle Botschaften in 135 Millionen verkauften Büchern transportiert werden (allein 45 Millionen Mal ging sein "Alchimist" weg) fuhr mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Alles war routiniert in seinem so erfolgreichen Leben, er lebte nicht mehr im Hier und Jetzt – er musste neu aufbrechen, er brauchte Fremde.

... und im Zug sitzt jetzt auch sein neuer Held, ein Autor, also er. Er lernt eine Geigerin kennen, der’s genauso geht wie ihm. In der folgenden Liebesgeschichte erkennt er, was er falsch gemacht hat. Er kehrt an seinen Anfang zurück, um Fehler gutzumachen.

Paulo Coelho gibt zurzeit keine Interviews. Aber er hat gewissermaßen mit sich selbst eines gemacht, das der Diogenes Verlag, Sant Jordi Asociados (Barcelona) und Amazon Kindle dem KURIER zur Verfügung stellen. Maralde Meyer-Minnemann hat übersetzt.

Wie kam es zu Ihrer letzten "Pilgerfahrt" und zu Ihrem Roman Aleph?
Jeder muss hin und wieder seine Komfortzone verlassen. Spiritualität besteht nicht nur aus Beten und Meditieren. Man muss handeln.

Viele Menschen begrüßen die Vorstellung von einer zweiten Chance. Was hat Sie dazu gebracht, Ihre zu nutzen?
Kleine Entscheidungen können große Folgen haben. Als Schriftsteller muss ich oft eine zweite, dritte oder sogar elfte Chance ergreifen, bis ich dorthin gelange, wohin ich will.

Aber was würden Sie zu jemandem sagen, der eine zweite Chance ergreifen will, aber nicht über das dafür nötige Selbstvertrauen verfügt?
Vergessen Sie nicht: Sie können Ihre Zeit verkaufen, sie aber nicht zurückkaufen.

Eine der Botschaften in "Aleph" ist, dass alles, was wir in der Gegenwart tun, unsere Zukunft beeinflusst. Hat es in Ihrem Leben einen Wendepunkt gegeben, an dem Sie gemerkt haben, dass Ihr Handeln in der Gegenwart für Ihre Zukunft bestimmend ist?
Jeder Augenblick im Leben ist ein Wendepunkt. An jedem Tag gibt es einen Augenblick, in dem du alles verändern kannst – das Problem ist nur, dass wir Angst haben, diesen Augenblick zu erkennen.

Können Sie erklären, was "Aleph" bedeutet?
Aleph ist JETZT. Der gegenwärtige Augenblick, der die ganze Vergangenheit und seine Auswirkungen auf die Zukunft enthält.

Sie schreiben, dass die Routine Ihr Gefühl für die Sinnhaftigkeit Ihres Tuns vermindert hat. Für die meisten Menschen ist Routine unvermeidlich. Wie können wir verhindern, dass Routine unser Leben bestimmt?
Routine muss nicht sein. Wenn wir vom Leben begeistert sind, drängt es uns, besser zu werden, als wir es jetzt sind. Und dann werden wir es auch.

Sie sind ein großer Verfechter des digitalen und Online-Publishing. Glauben Sie, dass Sie auf diesem Wege viele neue Leser gewinnen?
Nicht nur das. Es erlaubt beispielsweise auch, dass ein brasilianischer Leser, der in den USA lebt, "Aleph" oder jedes andere meiner Bücher in seiner Muttersprache lesen kann. Wir Schriftsteller müssen uns bewusst sein, dass digitales und Online-Publishing unsere Art zu schreiben verändern wird.

Kritik: Ein Wiedergeborener

Das Leben ist eine Eisenbahn mit vielen Waggons. Man muss wechseln. Fremdes kennenlernen; und wachsen.

In "Aleph" sitzt Paulo Coelho deshalb in der Transsibirischen. Zwar hat er seine Heiligenbilder mit, aber trotzdem steckt er in der Sinnkrise. Außerdem wackelt das Wasser im Zahnputzbecher.

So schlecht ging es ihm angeblich 2006 wirklich: Das Spirituelle entglitt ... Da fiel ihm im Zug eine junge Geigerin um den Hals. Sie wollte Heilung. An wen hätte sie sich sonst wenden sollen? Er suchte ebenfalls Heilung. Sie blickten einander in die Augen und sahen das Universum inkl. eigener Vergangenheit.

Coelho entdeckte: Er hatte mit dieser Frau schon einmal etwas. Und zwar vor 500 Jahren. Auch wurde ihm bewusst: Einst hatte er, irgendwie logisch, als Mönch gelebt.

Mit gewohnt einfachen Worten kümmert sich der Autor um das Thema Wiedergeburt. Die poetischen Versuche ("Alles, was unsere Seele einmal berührt hat, wird für immer erinnert") sind besonders gelungen, wenn er andere zitiert ("Verbrauche deine Energien, und du wirst jung bleiben", Tao Te King).

Wahrlich nicht sein bestes Buch. Fans werden trotzdem seinen Waggon stürmen. Der Rest reist besser im Bus.

KURIER-Wertung: *** von *****

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]

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Aleph von Paulo Coelho, 2011, Diogenes2.)

Aleph.
Roman von Paulo Coelho, (2011, Diogenes - Übertragung Maralde Meyer-Minnemann).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 02.01.2012:

Paulo Coelhos neuer Roman „Aleph“ erhält den Kitsch am Leben
Paulo Coelho erlebt eine Sinnkrise sowie eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn – und entlarvt sich im Roman „Aleph“ endgültig als Literaturscharlatan. Die wesentliche Frage: Wie kommt es, dass ein seriöser Verlag wie Diogenes einen solchen Mist druckt?

Im Alter von 59 Jahren fühlt sich Paulo Coelho in seiner „spirituellen Entwicklung“ blockiert und unternimmt als Lockerungsübung eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Eine Star-Geigerin, die erst 21-jährige Türkin Hilal, drängelt sich in seinen Begleit-Tross: Sie fühlt sich auf magische Weise zu ihm hingezogen – und wer Coelho kennt, weiß, wie wörtlich das zu nehmen ist. Tatsächlich sind die beiden sich schon einmal begegnet. Nämlich 1492 im spanischen Córdoba, wo Coelho als Handlanger der Inquisition junge Mädchen gefoltert hat. Hilal starb damals auf dem Scheiterhaufen.

Schon die Romane des brasilianischen Bestsellerschreibers bersten ja schier vor lauter Magie-Geschwurbel, diese „zu hundert Prozent autobiografische“ Story zeigt nun auf geradezu erschütternde Weise: Paulo Coelho glaubt sich selbst ja wirklich.

Paulo Coelho hat seine Ehefrau "vor vielen Jahrhunderten kennengelernt"

Im titelgebenden „Aleph“ – „ein Punkt im Universum, in dem Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft aufgehoben sind“, der hier praktischerweise zwischen zwei Waggons der Transsib liegt – erfahren Paulo und Hilal, dass sie sich einst liebten. Zwar hat Paulo Coelho auch seine Ehefrau „vor vielen Jahrhunderten kennengelernt“, doch stellt ihn Hilal auf eine Probe des Begehrens.

Es ist schwer, über Glaubensfragen zu urteilen. Coelho aber vorzuwerfen ist, neben seinem schier unerträglich süßlich-kitschigen Stil, dass er seine sinnsuchenden Leser hemmungslos mit Reinkarnationen des Trivialen füttert. „Wir sind Seelen, die das Universum durchstreifen“, heißt es einmal – und dabei begegnen wir in Coelhos bedeutungsschwangerer Welt Schamanen am Baikalsee, Gebeten, die dem „Kosmos“ entspringen und jungen „Hexen“, die so dekorativ wie nackt auf Streckbänken herumliegen.

Die Sehnsucht nach Transzendenz in dieser kalten Welt

Wie kommt es nur, dass ein seriöser Verlag wie Diogenes solchen Mist druckt? Wie kommt es, dass dieses pseudo-magische Machwerk wieder zahlreiche Leser finden wird? Ja, wir sehnen uns nach Transzendenz in dieser kalten Welt, schon klar. Wir werden sie bei Paulo Coelho, diesem Scharlatan im Pelz des Literaten, aber sicher nicht finden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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