Alberto
Caeiro.
Poesia-Poesie von Fernando
Pessoa (2004, Ammann, hrsg. von Fernando Cabral Martins und Richard Zenith - Übertragung Inés Koebel und Georg Rudolf
Lind).
Besprechung von Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau, 18.8.2001:
Ein moderner Hüter der Dinge
Die Entdeckung des großen Portugiesen
geht weiter: Fernando Pessoa hat in der Poesie Alberto Caeiros seinen Meister
gesehen
Der Dichter bleibt, zugegeben, eine blasse Figur,
ja sogar ein seltsamer Vogel. "Ich habe weder Ehrgeiz noch Wünsche. /
Dichter zu sein ist nicht mein Bestreben. / Es ist meine Art einsam zu
sein." Schreibt er. Und: Er habe keine Philosophie, sondern Sinne.
"Denn das Sonnenlicht taugt mehr als die Gedanken." Seine Verse sind
klar, ihre Botschaft scheint es nur zu sein. Denn je näher man den Versen
kommt, desto mehr rücken sie in die Ferne. Der Dichter vertritt starke,
eindeutige Ansichten und lässt sich doch nicht auf eine Formel zu bringen. Er
ist nicht schwer zu lesen, nur kaum zu begreifen.
"Heda, du Hüter der Herden, / Dort am Wegesrand, / Was sagt dir der
wehende Wind? // Dass er Wind ist und dass er weht, / Dass er schon vorher wehte
/ Und dass er auch künftig wehen wird. / Und was sagt er dir! // Noch so
manches mehr. / Er spricht mir von vielen anderen Dingen. / Von Erinnerung und
Sehnsucht / Und Dingen, die nie gewesen sind. // Du hast den Wind nie wehen gehört.
/ Der Wind erzählt nur vom Wind. / Was du ihn sagen hörtest, war Lüge. / Und
diese Lüge ist in dir."
Die ästhetische Theorie der Moderne hat in solchem Zusammenhang gern vom
Vorrang des Objekts gesprochen. Das mag zwar als Anhaltspunkt hilfreich sein,
doch weit kommt man damit nicht. Denn der Dichter denkt gar nicht daran, zu
argumentieren. Er will uns allenfalls aufs Glatteis seiner Gedanken führen.
Festhalten können wir uns zunächst an einigen grundsätzlichen Daten:
"Alberto Caeiro da Silva wurde am 16. April 1889 in Lissabon geboren und
starb dortselbst 1915 an Tuberkulose", so schreibt ein gewisser Ricardo
Reis in seinem Vorwort zu einer von ihm vorgeblich geplanten Ausgabe der
Gedichte Caeiros. Gelebt habe er, Caeiro, allerdings vorwiegend auf einem
Landgut im Ribatejo. Viel mehr ist über seine Lebensgeschichte nicht zu
erfahren. Das in der vorliegenden Ausgabe enthaltene Interview mit dem so früh
verstorbenen portugiesischen Dichter, vermutlich ebenfalls Ricardo Reis
zuzuschreiben, enthält weiter keinebiographischen Auskünfte, sondern nur noch
einige wiederum kryptisch-klare Aussagen. Er sei, sagt Caeiro, "weder
Materialist noch Deist noch sonst etwas. Ich bin ein Mensch, der eines Tages,
beim Fensteröffnen, etwas überaus Wichtiges entdeckt hat, nämlich, dass die
Natur existiert."
Mit dieser Entdeckung will er sogar die visuelle Klarheit der alten Griechen
noch überboten haben. Eine starke Behauptung, die sich aber tatsächlich bei
der Lektüre seiner Poesie nachvollziehen lässt. Caeiro hat übrigens seinem möglichen
Schüler und (zweifellos: ersten) Interpreten Ricardo Reis von seinen
Verstreuten Gedichten das vorletzte gewidmet. Es trägt keinen Titel und
beginnt mit dem Vers: "Auch ich verstehe mich auf Vermutungen." Neben
Reis hat sich nun auch noch ein Álvaro de Campos über den Dichter geäußert.
Von ihm stammen die "Aufzeichnungen zur Erinnerung an meinen Meister
Alberto Caeiro". Und, um dieses Spiel langsam zu Ende zu bringen, Fernando
Pessoa selbst, Portugals machtvoller Beitrag zur europäischen Moderne, nennt
Caeiro ebenfalls seinen Meister.
Es ist ersichtlich ein verwirrendes Spiel, dessen Nebengeräusche uns hier aus
der Tiefe des 19. Jahrhunderts entgegenschallen.
Rimbaud hatte einst mit der
Bemerkung "Ich ist ein anderer" die erste Karte gezogen. Pessoa, der
Portugiese, konnte ihn dann in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des
20. Jahrhunderts mühelos übertrumpfen. Schon seinen eigenen Namen konnte er
dabei wirkungsvoll ausspielen. Wie der Held der Homerschen
Odyssee im Kampf mit dem Kyklopen die Zweideutigkeit seines Namens nutzt und
sich Udeis, also Niemand nennt. Der Zwangscharakter bürgerlicher Subjektivität,
den eine nicht unumstrittene Deutung aus dieser Episode herausgelesen hatte,
wird von Pessoa, nomen est omen, listig angenommen.
Pessoa meint nämlich auf Portugiesisch soviel wie Person, Maske und Niemand,
nicht zuletzt sogar Fiktion. Mit Pessoa trat also eine Fiktion in die europäische
Literaturgeschichte ein und präsentierte seine Fiktion: nämlich die oben
namentlich genannten Herrschaften de Campos, Reis und Caeiro. Fiktive Gestalten
allesamt, das heißt seine so genannten Heteronyme. Gemeint sind damit die von
seinem eigenen Ich (Maske, Niemand, Fiktion) abgespaltene Dichtergestalten mit
nicht nur eigenständiger Persönlichkeit und einer auch ausgewiesenen
Lebensgeschichte, sondern auch mit einem erkennbar eigenen und ebenso erkennbar
eigensinnigen Werk.
Es ist, im Fall von Alberto Caeiro, ein überschaubar schmales Werk. Der Hüter
der Herden, ein Zyklus von 49 meist kurzen Gedichten, "Der verliebte
Hirte", nur eben acht eher sonderbare Gebilde, und dann, kaum mehr als
vierzig Druckseiten umfassend, "Verstreute Gedichte", einige
Fragmente, darunter die erstaunliche Bemerkung "Wer Blumen hat, braucht
Gott nicht", und einige Varianten. Dazu, wie angedeutet, das Vorwort von
Reis und die intellektuelle Physiognomie, die der heteronyme Kollege de Campos
entworfen hat. Das Ganze ist wohl eine moderne Antwort auf die Moderne, ebenso
widersprüchlich wie klar.
Es geht Caeiro nicht um vermeintliche Tiefe oder
gar mystisches Empfinden. "Die mystischen Dichter sind kranke Denker. / Und
die Denker sind Narren." Er versteht demgegenüber seine Gedanken als
Sinnesempfindungen. Er sagt: "Ich denke mit Augen und Ohren / Mit Händen
und Füßen / Mit Nase und Mund." Dabei sucht er durchaus nach "dem
Geheimnis der Dinge". Allerdings immer überzeugt davon, dass es auf der
Hand liegt.
"Es genügt nicht, das Fenster zu öffnen, / Um Felder und Fluß zu sehen.
/ Es genügt nicht, kein Blinder zu sein, / Um Bäume und Blumen zu sehen. / Man
darf auch keiner Philosophie anhängen. / Wo Philosophie ist, gibt es keine Bäume:
nur Ideen."
Caeiro unterläuft die Unterscheidung zwischen dem Schein und dem, was etwa
"Denkergedanken" hinter ihm ausmachen wollen. Die Dinge, wie er sie
sieht, sind als was sie scheinen. Sein Pan-Deismus basiert auf einer
Ding-Metaphysik, die in der modernen Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts noch
Schule machen sollte. Bald nach Pessoa kam schon der Franzose Francis Ponge und
feierte, nur scheinbar bescheiden, die Seife, und später dann den Kiefernwald.
Ponge arbeitete zwar mit anderen Mitteln, aber aus den gleichen Motiven heraus.
Motive, die noch in dem Zyklus der Langsamen Heimkehr Handkes spürbar
sind. Caeiros Hüter der Herden beharrt darauf, dass seine Gedanken
allesamt Sinnesempfindungen seien.
Und damit gibt er Pessoas Antwort auf die Umwertung aller Werte. Auf das, was
wir Moderne nennen. Er reagiert auch auf die Verwandlung des "ordinären
sinnlichen Dings", das sich, als Ware, gleichsam unter der Hand in ein
"sinnlich übersinnliches Ding" verwandelt hat. "Die bestürzende
Wirklichkeit der Dinge, / Ich entdecke sie täglich neu. / Jedes Ding ist, was
es ist, / und es ist mir schwer zu erklären, wie sehr mich das freut / Und wie
sehr mir's genug ist."
Mit dieser Insistenz trotzt er all den "metaphysischen Spitzfindigkeiten
und theologischen Mucken", die Marx den trivialen Dingen (die Warenform
angenommen haben) abgelesen hatte. In diesem Prozess ist alle Transzendenz
zerrieben worden. Caeiro glaubt nicht an Gott, sondern nur an "Mondschein,
Sonne und Blumen". Ihm geht es nicht um die Differenz zwischen Schein und
Wesen und auch nicht um irgendwelche Wahrheit(en), sondern, bescheiden und
anspruchsvoll zugleich, eben um die Dinge.
Dass der Wind nur Wind und nicht das Säuseln der Sehnsucht, dass der Stein nur
Stein und der Baum nur Baum sein soll, geht über eine bloß tautologische
Bestimmung hinaus. Pessoa, der in der Handelsmetropole Lissabon als
Handelskorrespondent gearbeitet hatte, erfuhr die Veränderung der Dinge
gleichsam am eigenen Leib. Illusionen hat er sich nicht gemacht. In seinem
Interview kommentiert Caeiro die auf ein Gedicht aus dem Hüter der Herden
gestützte Ansicht, er sei ein materialistischer Dichter, ziemlich schroff:
"Aber das ist ausgesprochen dumm. Etwas für abgefallene Priester".
Álvaro de Campos sieht darum in seinem Meister keinen Heiden, sondern überhaupt
das Heidentum. Er sei ein Heide, ebenso wie Ricardo Reis und auch António Mora
(ein weiteres Heteronym, dessen theologische Schriften im Herbst dieses Jahres
bei Ammann erscheinen werden). Anders gesagt, erkennen wir hier, in dieser
Insistenz auf dem Vorrang des Objekts bei gleichzeitigem Aufbrechen der
Subjektivität, ein zentrales Motiv der ästhetischen Theorie der Moderne
wieder. "Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf
allen Stufen an, und stets war die Lockung, es zu verlieren, mit der blinden
Entschlossenheit zu seiner Erhaltung gepaart."
Pessoa hat diese Einsicht vorweggenommen und in seiner Poesie aufgehoben. Das
bereits, glaubt Alberto Caeiro, der "Argonaut der wahren
Empfindungen", war sein Leben wert.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0804 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau