a komma punkt - Ernst Jandl von Klaus Siblewski, 2000, Luchterhand1.) - 2.)

a komma punkt - Ernst Jandl.
Texte und Bilder von Klaus Siblewski (2000, Luchterhand).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 24.2.2001:

Sechsjährig, in kurzer Hose
Ein Fotoband über Ernst Jandl

Ein Buch über Ernst Jandl - müsste es nicht eine ganz besondere Form finden? Müsste es nicht Jandl, dem Sprachschöpfer, dem Sprachzertrümmerer folgen und die gewohnte Ästhetik rigoros in Frage stellen? Klaus Siblewski tut all das nicht. Und es ist gut so.

Das Buch ist schwer und groß wie ein Straßenatlas. Es ist ein Wegweiser durch Jandls Leben, ein Fotoband, der dem Dichter folgt auf die Wiesen der Kindheit, in die Jazzkeller der späteren Jahre. Ein schönes Buch.

Der Autor versagt sich eigene literarische Ambitionen; mit liebevoller Sachlichkeit blättert er dies Leben auf, das weniger ungewöhnlich war, als wilde Verse und Leseauftritte vermuten lassen. Der Deutschlehrer Dr. Jandl rang sein Leben lang mit Gedichten, litt, wenn die Kunst sich ihm versagte, lebte getrennt, aber in großer Gemeinsamkeit mit der Dichterin Friederike Mayröcker. War ein Mann voller Mut, sich Neuem hinzugeben.

Siblewski hat das Bekannte gebündelt, mit Fotos versehen, in Päckchen gefasst. Ernst Jandl und die Familie - und der Krieg - und die Musik - das ist gut gemeint, es erschwert aber das Verständnis, wenn das Leben immer wieder unter einem neuen Aspekt aufgerollt wird.

Schön sind die Fotos. Natürlich kann man fragen, ob man Genaueres wissen muss über Luise Rappel, die Mutter; ob es nicht genügt zu erfahren, dass ihr früher Tod für Jandl der Beginn des Schreibens war. Und doch sieht man sie gern an, das Foto von der 22-Jährigen mit der Riesenschleife im Haar, das Bild von dem sechsjährigen Ernst in der kurzen Hose. Das Private, es ist das Interessante.

Es gibt kein Vorwort, kein Nachwort. Nur ein bizarres Interview mit Jandl über das Älterwerden, in dem vor allem klar wird, dass er sich nicht ausfragen, nicht festlegen lässt.

Der Einband ist Jandls würdig. Unter durchscheinendem Papier ein Foto: Eine Pistole in der Hand, um den Hals einen Orden, zielt er dem Leser spöttisch lächelnd ins Herz.

Ein Buch für Liebhaber des wunderbaren Autors.

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a komma punkt - Ernst Jandl von Klaus Siblewski, 2000, Luchterhand2.)

a komma punkt - Ernst Jandl.
Texte und Bilder von Klaus Siblewski (2000, Luchterhand).
Besprechung von O.P. Zier aus Rezensionen-online *LuK*:

Ernst Jandl, ein Nachruf
Sein Leben in Texten und Bildern

Es sollte ein Geburtstagsgeschenk für Ernst Jandl werden, dieses von seinem langjährigen Lektor Klaus Siblewski herausgegebene großformatige Bild- und Textbuch mit dem Titel »a komma punkt«. Doch der kurz vor Vollendung seines 75. Lebensjahres verstorbene Ernst Jandl durfte das Werk, das ihm als Dokumentation seines Schriftstellerlebens zweifelsohne große Genugtuung bereitet hätte, nicht mehr persönlich in Empfang nehmen.

Dies ist um so trauriger, da das Buch penibel Jandls Weg als Autor festhält. Und der war äußerst schwierig. Es ist schroffe Ablehnung, die dem jungen Englischprofessor an einem Wiener Gymnasium im Literaturbetriebs-Mief der fünfziger Jahre entgegenschlägt, als er seine ersten Versuche unternimmt, als Lyriker Fuß zu fassen.

Ernst Jandl, äußerlich zeitlebens konventionell und angepaßt wirkend, strebt früh nach Absicherung durch einen Brotberuf: »Daß ich derart zielstrebig auf einen Beruf hinarbeitete, ist wohl auch typisch für die Art von kleinbürgerlicher Familie in beengten Verhältnissen, in der ich aufwuchs. Es gab in ihr weder den Leichtsinn des sich Treibenlassens von Tag zu Tag, nicht die Unbekümmertheit eines Lebens von der Hand in den Mund, wie es sozial tiefer möglich gewesen wäre, noch gab es das Vertrauen des sozial Höhergestellten in die eigene Substanz.« Ernst Jandl scheint über eine der Ausübung der Lehrtätigkeit entgegenkommende Arbeitsweise als Gedichteschreiber zu verfügen: »Nach regem, starkem und inspiriertem Beginn«, schreibt Siblewski, »nehmen seine Einfälle, sobald er eine Schreibmethode lang genug praktiziert hat, ab und erweisen sich als weniger tragfähig.« Dennoch kommt es, wie es eigentlich kommen mußte: Jandl leidet mehr und mehr unter seiner parallel zur dichterischen Arbeit geführten brotberuflichen Tätigkeit als Lehrer. Es folgen später Karenzierungen. Doch bis es so weit ist, gerät Ernst Jandl nach einigen wenigen Publikationen in Zeitschriften in eine absolute Isolation und »braucht keine Versuche zu unternehmen, Anschluß an einen Verlag, an den Rundfunk oder an Zeitungen in Österreich suchen zu wollen; literarisch gilt er als Unperson, und wer sich mit ihm einläßt, läuft Gefahr, genauso eingeschätzt zu werden«.

Ernst Jandl unternimmt verzweifelte Versuche, in Deutschland einen Verlag zu finden – anfangs widerfährt ihm dieselbe Ablehnung wie in Österreich, wo er sich immerhin öffentlich sagen lassen mußte, er sei ein »Verderber der Jugend«. Tragischer noch: Selbst jene, denen er sich zugehörig fühlt, strafen ihn mit Mißachtung – Achleitner etwa sind Jandls Texte »nichts als unterhaltsame Kleinkunst«, man beteiligt ihn nicht an Veranstaltungen. Später wird Ernst Jandl bitter resümieren: »Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir vier, Mayröcker, Artmann, Rühm und ich, den inneren Kern jeder progressiven Literaturgruppierung in Wien bilden müssen.« Doch es ging ganz und gar nicht nach ihm! Helmut Heißenbüttel wird schließlich zu einer treibenden Kraft werden, ebenso wie der Verleger und Autor Otto F. Walter. Diesen beiden ist es zu danken, daß »Laut und Luise« in Buchform erscheinen kann – und damit ist die Isolation durchbrochen. Ernst Jandl hat nun auch Gelegenheit, sich als exzellenter Vortragskünstler seiner eigenen Gedichte zu betätigen. »Durch Lesungen kommt er zu Büchern, und durch Lesungen kann er seine Bücher – als sie dann endlich publiziert sind – einem größeren Kreis von Interessenten nahebringen.« Aber es bedarf eines Klaus Wagenbachs, um das eigentlich für jeden, der Jandl lesen gehört hat, auf der Hand Liegende zu bewerkstelligen, nämlich eine Sprechplatte zu produzieren. Damit ist Ernst Jandls Weg zu einer erstaunlichen Popularität endgültig vorgegeben.

Und Jandl, der – im Gegensatz etwa zu seiner langjährigen Gefährtin Friederike Mayröcker – immer etwas für gut gemachte Unterhaltungsliteratur übrig gehabt hat, kann, zumindest über seine Leseauftritte, ein Publikum begeistern, das weit über jenes hinausreicht, das sich für das interessiert, was gemeinhin unter »experimenteller Literatur« firmiert.

Auch das literarische Leben hat sich längst gewandelt in Österreich – die Gedichte des seinerzeitigen »Jugendverderbers« Jandl sind rasch Schulstoff geworden. Und er selbst wird nunmehr zum Preisgekrönten, zum vielfach Ausgezeichneten und Geehrten. Und der so lange Geächtete genießt diese Art der öffentlichen Anerkennung (bleibt aber dennoch immer Melancholiker).

Ernst Jandl, der jungen KollegInnen frei von Dünkeln begegnet ist – einzig konzentriert auf die Arbeit –, hat sich auch zeit seines Autorenlebens durch ein hohes Maß an Solidarität anderen SchriftstellerInnen gegenüber ausgezeichnet. Die Gründung der »Grazer Autorenversammlung«, deren langjähriger Präsident er war, ist längst Teil der österreichischen Literaturgeschichte.

Aber in diesem Buch lassen sich auch Entdeckungen machen – wer z. B. hat wirklich gewußt, daß Ernst Jandl als junger Mittelschulprofessor sich dadurch ein Zubrot zu verdienen trachtete, daß er unter Pseudonym zwei Groschenromane veröffentlicht hat? »Durch Leid zum Glück«, heißt ein Werk, das der über Arthur Schnitzler Dissertierende gegen ein Honorar von öS 300,– verfaßte. Ein Vergnügen sind fraglos die relativ wenig bekannten Zeichnungen von Ernst Jandl, die sich durch große Vitalität auszeichnen.

In dieser reich bebilderten Lebens- und Werkgeschichte Ernst Jandls spiegelt sich natürlich auch das literarische Geschehen seiner Zeit. Und es ist die penibel ausgeführte Darstellung einer erstaunlichen literarischen Karriere, die von absoluter Ablehnung zu geradezu volkstümlicher Popularität geführt hat.

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