Aké, Jahre
der Kindheit.
Roman von Wole
Soyinka (2003, Ammann - Übertragung Inge Uffelmann).
Besprechung von Dirk Naguschewski in der Frankfurter Rundschau, 21.8.2003:
Als der Nigerianer Chinua
Achebe mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2002 ausgezeichnet
wurde, war dies auch eine Ehrung der Literaturen Afrikas. Jetzt wurden zwei
Klassiker der Weltliteratur aus Afrika wieder aufgelegt: Aké, Jahre der
Kindheit, die autobiographischen Erinnerungen von Achebes Landsmann Wole
Soyinka, und ein früher Roman des im vorvergangenen Jahr verstorbenen Mongo
Beti, Besuch in Kala oder Wie ich eine Braut einfing.
Mongo Beti, 1932 in
Kamerun geboren, war Zeit seines Lebens ein politisch engagierter
Schriftsteller. Schon zu Kolonialzeiten schrieb er gegen die Fremdherrschaft der
weißen Kolonisatoren an, nach der Unabhängigkeit seines Landes griff er ebenso
vehement den Machtmissbrauch der eigenen Herrscher an und bezahlte dafür mit
einem langjährigen Exil in Frankreich. Dieses ursprünglich im Jahre 1957 unter
dem Titel Mission terminée (wörtlich: "Auftrag erledigt")
erschienene Frühwerk fügt sich vordergründig ein in die Tradition des
Schelmenromans. Beti erzählt darin die Geschichte des Beinahe-Abiturienten
Jean-Marie Medza, der von den Männern seines Heimatdorfes beauftragt wird, die
davongelaufene Frau eines der ihren zurückzuholen. Der Auftrag wird von ihm
nicht nur erfolgreich ausgeführt, ihm gelingt es sogar en passant und letztlich
gegen seinen Willen, eine eigene Frau zu finden.
Unter der pikaresken, nur vordergründig naiven Oberfläche schwelen Konflikte,
die den inneren Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft existenziell bedrohen. Sie
zeigen sich vor allem in der von gegenseitigem Unverständnis geprägten
Beziehung des jungen Mannes, der eigentlich nur auf Besuch ist, um sich von den
Strapazen der nicht bestandenen Prüfungen zu erholen, zu seinem Vater. Die
Sitten und Gebräuche der Leute von Kala, von Beti liebevoll-launig als Groteske
geschildert, erscheinen dem entfremdeten Städter als hoffnungslos rückständig.
Beti ist der herausragende Vertreter der kamerunischen Literatur, doch schon
seit Jahren sind von ihm in Deutschland nur wenige Titel lieferbar. Insofern ist
es zu begrüßen, dass diese kurzweilige Geschichte vom Erwachsenwerden, auch
wenn es sich nicht um ein Hauptwerk handelt, wieder aufgelegt wurde. Die
aufwendige sprachliche Bearbeitung der alten Übersetzung von Werner von Grünau
(1963) durch Gudrun Honke ist allerdings unbefriedigend: Da wird zwar ohne Not
ein "Ich kann nichts dafür" zu "Ich kann nichts dazu" geändert,
doch dass "petite amie" im Französischen keine "kleine"
Freundin ist, sondern einfach nur "Freundin" heißt, scheint sie nicht
zu bemerkt zu haben. Da fehlt sogar das wichtige, dem Prolog vorangestellte
Bekenntnis des Chronisten zur Wirklichkeitstreue. Das ist bedauerlich, denn
Mongo Beti ist literarhistorisch hochgebildet und sein Französisch zeichnet
sich durch den bewussten Gebrauch eines reichen Vokabulars aus. Ausgerechnet
seine souveräne Sprachgestaltung wird in der Übersetzung einer vereinfachenden
Instant-Verständlichkeit geopfert. Hier hätte mit mehr Anspruch überarbeitet
werden müssen. Dass die Deutsche Bibliothek den Roman der Sachgruppe
"Kinder- und Jugendliteratur" zuordnet, gewinnt angesichts dieser Versäumnisse
bedauerlicherweise an Plausibilität.
Soyinkas Englisch zeichnet sich ebenfalls durch höchste Komplexität aus, nicht
ganz zu Unrecht wird ihm von afrikanischen Kritikern zuweilen vorgeworfen, dass
seine Sprache ans Unverständliche grenze und nur einer viel zu schmalen
Bildungselite zugänglich sei. Die Kindheitserinnerungen des
Literaturnobelpreisträgers von 1986 gehören gleichwohl zu den Klassikern der
modernen afrikanischen Literatur. Auf der im letzten Jahr von Experten veröffentlichten
Liste der "Top 100" erscheint dieser erste, 1981 veröffentlichte Teil
der mittlerweile dreibändigen Autobiographie gar in den "Top 12". In
Deutschland hat dieses Buch schon mehrere Taschenbuchauflagen erlebt.
Soyinka erzählt aus Sicht eines arrivierten Schriftstellers des politisch unabhängigen
Nigerias die ersten elf Jahre seines Lebens, die in die Zeit der kolonialen
Beherrschung durch die Engländer fallen. Seine Aufzeichnungen beginnen mit der
dichten Beschreibung seines Geburtsorts und enden mit dem Abwurf der Atombombe
auf Hiroshima und Nagasaki - und der Aussicht auf das erste Paar Schuhe. Doch
die weltpolitischen Ereignisse sind für den kleinen Wole nur ein Streif am
Horizont, seine Welt besteht vor allem aus den Menschen, die seiner Familie
zugerechnet werden, und den Geistern, die das Leben der Gemeinschaft prägen,
auch wenn diese bereits zum christlichen Glauben übergetreten ist. Das
Pfarreigelände, auf dem er unter wahrlich privilegierten Umständen als Sohn
des Schulrektors aufwächst, ist der Mikrokosmos, den der frühreife Junge
Schritt für Schritt für sich entdeckt, bis es ihn unweigerlich in die Schule
zieht, wo er seine Mitschüler schnell hinter sich lassen wird. Soyinka hat
seine sinnlich und intellektuell anregenden Erinnerungen eher assoziativ als
chronologisch arrangiert; die ihn umgebenden Personen wechseln häufig, je nach
der sozialen Rolle, die sie gerade einnehmen, ihren Namen, was den Leser anfänglich
irritieren mag. Gewöhnt man sich aber an das Impressionistische seines Stils
und den Überschwang an Details, so lässt sich der frühe Erinnerungsraum des
heute einflussreichsten Intellektuellen Afrikas bis in seine kleinsten Verästelungen
erkunden. Denn obwohl dieser kleine Flecken des von ihm beschriebenen großen
Kontinents bereits kolonisiert und christianisiert ist, gibt es Erfahrungswelten
nachzufühlen, die auf mythischen Vorstellungen gründen, die auf die Zeit vor
der Inbesitznahme des Landes durch die Europäer zurückweisen. Und bei aller
persönlichen Nostalgie ist Soyinka klug genug, diese nicht als vermeintlich
paradiesische Urszene zu beschwören.
Die Übersetzerin Inge Uffelmann hat die barocke Wortgewalt Soyinkas manches Mal
durch kleinere Wort-Streichungen einzudämmen versucht, orientiert sich aber
ansonsten weitgehend am Original. Die durchgesehene Neuausgabe beschränkt sich
somit auf kleinere Präzisierungen. Die ausführlichen Anmerkungen und das
Glossar am Ende des Buches veranschaulichen hingegen eine der
Hauptschwierigkeiten, mit der afrikanische Literatur auf dem deutschen Buchmarkt
zu kämpfen hat.
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