Aglaja Rewkinas letzte Liebe.
Roman von Wladimir Woinowitsch (2002, Berlin - Übertragung Alfred Frank).
Besprechung von Caroline Schramm in der Frankfurter Rundschau, 16.11.2002:
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Ach, Väterchen Stalin
Wladimir Woinowitsch erzählt Aglaja Rewkinas letzte Liebe

Wie erzählt man die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert? Die Geschichte der Stalinzeit, des Tauwetters, der Breschnewschen Stagnation und der Perestrojka? Wladimir Woinowitsch, der nach einigen Jahren des Münchener Exils Anfang der Neunziger wieder nach Russland zurückkehrte und dort für Aglaja Rewkinas letzte Liebe den Staatspreis für Literatur erhielt, entschied sich für die Form der satirischen "Monumentalpropaganda" (so der Originaltitel im Russischen): für den in seiner Naivität grotesk verzerrenden und trotzdem um Aufrichtigkeit bemühten Blick der Provinzgenossin Aglaja Rewkina. In ihrer Wahrnehmung finden sich nicht nur die Ereignisse und der ganze Schrecken der Kriegs- und Nachkriegsjahre, sondern vor allem auch die Vertrautheiten des Alltags wieder. Als satirischer Schreiber kann Woinowitsch zugleich voller Teilnahme und voller Distanz schreiben und schafft es, mit ironischer Empathie ein ganzes Panorama russischer Lebenswelt zu entwerfen.

Aglaja ist eine Schwarz-Weiß-Figur, eine überzeugte Stalinistin, und den Idealen der Stalinzeit bleibt sie treu - auch nach dem XX. Parteitag, mit dem ihre Sorgen beginnen. Sie bekämpft und boykottiert die veränderte Welt, in die sich die Parteigenossen durch die Tauwetter-Kampagnen gestellt sehen, deklariert jede kritische Distanz zu Stalin als Verrat und gerät angesichts der offiziellen Parteilinie immer mehr in die Defensive. In ihrem Amt als Heimleiterin degradiert und zunehmend isoliert, versteigt sie sich zu einem heroischen Akt der Heldenrettung, indem sie die ehemals verehrte und jetzt geschmähte Statue Stalins zu sich ins Zimmer holt, nachdem diese von ihrem bisherigen Standort entfernt werden sollte. Fortan lebt sie zurückgezogen mit Stalin, beobachtet seinen Gesichtsausdruck und spricht mit ihm. Gemeinsam mit diesem Idol überlebt sie alle Phasen der nachstalinischen Geschichte, bis hin zu Breschnew und Gorbatschow.

Woinowitsch ist ein Meister der Sprache, aber er ist, zum Leid seiner Übersetzer und eines nicht russischsprachigen Lesers, fast unübersetzbar. Die ganze Fülle der russischen Idiomatik, der Slangausdrücke und Regionalismen, das ganze kunterbunten Durcheinander von Parteikauderwelsch und energiegeladener Umgangssprache bleibt selbst bei einem so stilsicheren Übersetzer wie Alfred Frank zwangsläufig auf der Strecke. Die satirische Überzeichnung der Figuren ist so stark, dass eine Identifikation mit all den Gewinnern und Verlierern der wechselhaften Schicksalsschläge der russischen Geschichte nicht denkbar ist. Intendiert ist eine Identifikation dennoch, aber - und das macht den Erfolg und den Reiz des Buches für den russischen Leser aus - mit der Sprache selbst.

Aglajas letzte Liebe, so könnte man sagen, gilt nicht nur Stalin, sondern der auch der in ihm verkörperten Sprache einer ganzen Epoche und mehrerer Generationen, die sich in unterschiedlicher Weise mit ihr identifizierten oder sich von ihr distanzierten - die sie sprachen, verleugneten, bekämpften, ironisierten. Im verspielten Zitieren, Simulieren, Verspotten und Karikieren all der Formulierungen, die längst Klischees geworden sind und die dennoch für den Sowjetbürger zum Vertrautesten überhaupt gehören, wandert Woinowitsch gewissermaßen durch die verschiedensten Bereiche der sowjetischen Provinz-Gesellschaft, belauscht die Parteitreuen ebenso wie die Dissidenten, lässt die einfachen Leute ebenso zu Wort kommen wie die Intellektuellen der Hauptstadt. Die Sprache dieses Buches ist der Spiegel, in den Woinowitsch den Leser blicken lässt und in dem dieser seine eigene Geschichte wiedererkennen kann.

Was aber tut jemand, der diese Sprache nicht kennt? Dem weder der Parteijargon noch die saftige Umgangssprache vertraut ist? Ihm fehlt der Resonanzboden, es gibt keine emotionale Befindlichkeit, auf die Woinowitsch mit seiner furiosen Prosa zurückgreifen kann, und ohne diese fehlt der letzten Liebe Aglaja Rewkinas gewissermaßen ihr Fundament. Es kommt, was satirisch ist, gestelzt daher, während Umgangssprachliches zur Platitüde wird. Fast betreten verfolgt man das Terminologie-gespickte Palavern der lokalen Parteigrößen, und was lustig gemeint sein könnte, versandet in einer gewollten Flapsigkeit.

Woinowitsch erzählt eine große Geschichte aus dem Blickwinkel dessen, der ihre Sprache spricht. Wer das Russische nicht kennt, fühlt sich draußen, außen vor, sprachlich ausgeschlossen, und kann nur mit Bedauern erahnen, welches Vergnügen Aglaja Rewkinas letzte Liebe im Original für den Leser bereithalten muss.

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