Afterdark.
Roman von Haruki Murakami (2005, DuMont - Übertragung Ursula Gräfe).
Besprechung von Martin Droschke aus den Nürnberger Nachrichten vom 21.12.2005:

Ein Drehbuch für das Kino im Kopf
Haruki Murakamis Roman „Afterdark“ dürfte manche Erwartung enttäuschen

Es gehört zum Schicksal der großen Schriftsteller, dass sie die an sie gestellten Erwartungen bisweilen enttäuschen müssen. Denn selbst die besten ihres Fachs können nicht mit jedem Buch die Wünsche ihrer Fans erfüllen - und wollen es oft auch gar nicht. „Afterdark“, der jüngste Roman des japanischen Kultautors Haruki Murakami, wird, was die Resonanz bei den Lesern angeht, ganz sicher nicht mit jenen Vorgängern gleichziehen, die weltweit die Bestsellerlisten gestürmt haben.

Denn der Geschichte einer Nacht in Tokyo, in der sich die Wege einer Hand voll Menschen kreuzen und zu einem Krimi verweben, fehlt genau das, wofür der 1949 geborene Starautor so geliebt wird. Spätestens seit „Gefährliche Geliebte“ (2000) steht der Name Murakami für einen Schöpfer großer metaphysischer Welten, die irgendwo zwischen Realität und Traum liegen, und in deren enormer räumlicher Tiefe man sich verliert, sobald man sie betritt. „Afterdark“ hingegen entfaltet bewusst keine Sogwirkung, zieht nicht hinein.

Typische Geschichte

Dieses Mal muss sich der Leser seine Bilder im Kopf selbst anfertigen. Während Murakami seine Stoffe bislang immer in opulente, meist über mehrere Hundert Seiten wuchernde Epen verpackt hat, lebt „Afterdark“ von Sparsamkeit im Umgang mit Sprache und Ausstattung. Nur die Geschichte ist typisch: ein weiterer Anlauf auf der Suche nach den irrationalen Gesetzen, die für das Werden und Vergehen von Bekanntschaften, Freundschaften und Beziehungen verantwortlich sind. Wie so oft, treffen Fremde aufeinander, nur um herauszufinden, dass bereits eine Verbindung zwischen ihnen besteht.

Der Kultstatus des Japaners lässt leicht vergessen, dass sich Murakami noch vor kommerziellem Erfolg die Modernisierung des Genres Romans auf die Fahnen geschrieben hat. Dass er sich in „Afterdark“ so eng wie noch nie an das Kino anlehnt und den Anspruch der Literatur als Vorbild aller erzählenden Formate zugunsten einer Multimedialität aufgibt, folgt diesem Programm. Der neue Roman ist ein avantgardistischer Versuch, das gute alte Buch fit zu machen für ein Zeitalter, in dem es mit Medien konkurrieren muss, die ihm in Sachen Interaktivität um Längen voraus sind. Mit den Worten eines Cineasten gesprochen, hat Murakami bislang großes Erzählkino veröffentlicht.

„Afterdark“ aber ist nicht mehr als ein Story-Bord, ein Drehbuch für einen Episodenfilm, das lediglich die Kulissen und den in einzelne Szenen aufgesplitteten Plot vorgibt. Und natürlich die Charaktere: den Musiker Takahashi, die 19-jährige Mari, das Personal eines Stundenhotels, eine chinesische Prostituierte und einen Computertechniker, der seine dunkle Seite auslebt. Darüber hinaus ist für jede Szene die Position der Kamera festgelegt, der Blickwinkel, aus dem heraus sich der Leser seinen eigenen Film drehen muss. „Es ist dunkel im Zimmer. Aber unsere Augen gewöhnen sich allmählich daran. Im Bett schläft eine Frau. (. . .) Wir betrachten sie.“ Ergebnis dieses Versuchs, einen Roman mit Interaktion anzureichern, ist ein Buch, bei dem Lektüre nicht Konsumieren bedeutet, sondern ein Rollenspiel auslöst, bei dem man zum Regisseur wird. Das ist neu. Das ist spannend - aber auch ungewohnt und vor allem: anstrengend. Eingefleischten Fans wird „Afterdark“ deshalb zunächst wie eine verkrampfte Etüde vorkommen, die der Japaner zwischen zwei große Projekte eingeschoben hat, um nicht aus der Übung zu kommen.

Der Liebesbeweis wird einem Stammpublikum diesmal verweigert, das sich so gern in den schon fertig eingerichteten Welten des Meisters tummelt. Vorsicht also, denn eine falsche Erwartung könnte in eine herbe Enttäuschung münden.

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