Verabredungen/Afspraken, Gedichte/Gedichten von Katharina Bauer, Bianca Boer, Thomas Kade, Els Moors,Ralf Thenior, Tsead Bruinja, Ellen Widmaier, Menno Wigmann (2014, Literair Productiehuis Wintertuin, Nijmegen).Afspraken/Verabredungen.
Gedichte/Gedichten von
Bianca Boer, Els Moors, Tsead Bruinja, Menno Wigman (2012, roterfadenlyrik Edition Haus Nottbeck - Übertragung Katharina Bauer, Thomas Kade, Ralf Thenior, Ellen Widmaier).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, April/September 2014:

Unterhaltsam wird einleitend von der Entstehung des vorliegenden Buches erzählt, welches ein literarisches Projekt vorstellt, das nichts zu wünschen übrig lässt und die Rezeption durch viele interessierte Leser verdient hat.

Vorweg geschickt: Zur Genauigkeit und Qualität der jeweiligen Übersetzungen kann ich nichts sagen, da ich des Niederländischen leider nicht mächtig bin. Aber berichten kann ich von einer äußerst beeindruckenden Lektüre, weil ich einerseits das Schaffen von Dichtern kennen lernen durfte, die ich bisher noch nicht kannte und andererseits mit Lyrik vom Feinsten beschenkt worden bin, die sowohl in ihrer Vielfältigkeit als auch durch ihre Kunst zu überzeugen weiß: bedeutende moderne europäische Literatur.

Mit sicherem Gespür für Poesie kommen die Gedichte von Bianca Boer, die 1976 in Groningen geboren wurde und in Rotterdam lebt, sanft und verhalten daher, verschwiegen, aber nicht schweigsam. Ideen- und bilderreich erzählen sie von der Sicht auf die Welt, vom Lieben, Leben und Sterben, von Menschen und ihren Eigenarten, von Erinnerungen, die in Häusern wohnen, von Zirkus und Verabredungen mit zarter Ironie, die lächeln macht: „ich ruf dich nächste Woche an wegen der Löcher in deinen Ohren/ die ich mit dem Locher mache das ist für mich kein Problem.“ (S. 11)

Leise, denke ich, ist ihr laut genug und macht ihre Lyrik umso eindringlicher: „Rechtmäßiger Eigentümer// auf dem Dachboden des Bestatters liegen/ Kisten voll letzter Erinnerungen/ Hinterbliebene wissen von nichts“. (S. 29)

Das Skurrile und Absurde im Leben macht sie augenzwinkernd zum Thema: „im Schatten der Wohnung/ läuft eine Katze, die schon zwei Jahre tot ist“. (S. 17) Oder in ihrem Gedicht „Wash-o-matic“: „die Mädchen tragen ihre letzten Klamotten auf links/ waschen Papiertaschentücher aus Löchern/ sie drehen sich wie weiße Fische vorm Glas“. (S. 35)

Berührt, getröstet liest man die Gedichte von Bianca Boer wie moderne Märchen mit tiefem Wahrheitsgehalt, beeindruckt von ihrer Gabe, den Leser mit ihrer verdichteten Sprache dahin zu führen, dass er meint, auf sich selber zu blicken: „das ist der Mann der sich selbst spielt Schaffner und Maschinist ist/ durch ein kaltes Pfeifchen quietscht mit einem Spiegelei winkt die Türen schließt“. (S. 37)

Bianca Boers Sprache ist klar, eingängig, unmittelbar, aber gespickt mit Widerhaken, subtilen Verschiebungen und Brüchen – "die Wörter spielen Verstecken", ordnen sich neu und treffen präzise ins Ziel einer pointierten, oft lakonischen letzten Zeile, die den Text zugleich abschließt und öffnet – "wir reden noch drüber dann tschüss". (S. 11)

Tsead Bruinja, 1974 in Rinsumageest geboren und in Amsterdam lebend, schreibt nicht nur handwerklich starke Gedichte von erster Liebe, Kindern, Tieren, Abenteuern, Politik, er versteht auch etwas davon: „Möbelmacher//…draußen wartet die welt/ nicht auf deine worte denkst du// draußen wartet die welt/ auf deine hände“. (S. 63)

Seine Gedichte kommen mir vor wie Parabeln, formal und sprachlich mit Könnerschaft gestaltet, die vom Sinn und Unsinn des Lebens erzählen, präzise, berührend und nachvollziehbar. Sie scheuen keine Vergleiche, auch keine mit der Politik, kühne Ideen, nach seinem Motto, welches er folgendermaßen formuliert: „geh weg/ lass liegen/ nimm auf“. (S. 61)

So schreibt er z. B. über die Atomkatastrophe in Japan: „ich denke an die lecken atomkraftwerke/ in japan// soll es darüber etwas sagen?/ muss ich dieses gedicht da/ hinbiegen?“ (S. 54)

Ich frage mich, ob dieser Dichter ein trauriger Optimist oder ein fröhlicher Pessimist ist: „und ich schaute auf// kenne jetzt die eisengerüste zwischen den lampen/ die schwarze decke und die amsterdamer grachten/ wo du mir eine ehrliche und grausame frage stelltest/ über die bejahung des lebens“. (S. 50)

Tsead Bruinja beschäftigen die existentiellen Fragen: „welche hände starteten die maschine/ die die bretter sägte für dein bett// wer brachte den baum pflanzte ihn/ wer kam ihn holen“. (S. 68)

Er macht uns nichts vor, betreibt „Make-up Entfernung“, findet starke, unverbrauchte Bilder und manchmal in der Liebe Trost: „die äpfel// die feinen hellen härchen auf ihrer gänsehaut// die nacht zwischen ihren brüsten/ und das buch in ihrem schoß“. (S. 41)

Bruinjas Lyrik ist thematisch vielfältig, den zeitgenössischen Lebenswelten zugewandt, mit einem ausgeprägt rhythmischen, sehr musikalischen Duktus.

Wenn ich die Gedichte von Els Moors, geboren 1976, lese, denke ich, dass sie der reine Wahnsinn ohne jede negative Attitüde sind. Ich lese formal und inhaltlich sorgfältig gestaltete Gedichte von großer Wucht und Kraft mit dem Eindruck, dass sie den Leser verschlingen oder um den Verstand bringen könnten.

„Der Tag ist ein lachsrosa Knopf“ hat sie ihre Gedichtauswahl für diese Anthologie tituliert und erzählt mit geradezu schwarzem Humor und einem bösen, sezierenden Blick aus dem täglichen Leben von unglaublichen Menschen in einer unglaublichen Welt: „Oh Wasser bricht/ wenn Tante Ursula/ Gans essen kommt“ (S. 89) oder „Dörfer sind voll mit Häusern und Bäumen/ während Löffel gegen Töpfe klappern gegen Wände“. (S. 89)

Was wir Liebe nennen, reduziert sich in den Versen der Dichterin zu triebgesteuerter Sexualität:

„abgehauen im Winter ganz krank vom Rost auf den Mauern in Luik/ ich konnte meine Hand um deinen Penis legen// langsam Hand“. (S. 83)

Als Frau geboren, wird das lyrische Ich hin- und hergerissen zwischen einem selbstbestimmten Leben und der Lust, sich dem Mann sexuell zu unterwerfen, dem Mann, der ein Macho ist, aber notwendig für erotische Abenteuer, in denen, so spüre ich als Leser, auch Gewalt als Stimulans nicht ausgeschlossen werden möchte: „genauso wie die vier Jungs da lief ich/ mit nacktem Oberkörper/ und trug das Gummiboot/ in der Mitte// ich war eine Sklavin auf der Galeere/ aber ich sang“. (S.107)

Der Mensch als Bestie. Das klingt nach sadomasochistischem Treiben und Tun und ist es sicher auch, eine Position, die die Dichterin einnimmt, um die Welt zu verstehen und zu überwinden, alltäglich wahrgenommene Beobachtungen, zu Versen verdichtet wie diesen: „ der Tbc-Patient und sein fiebriger Leib/ in einer Hütte mit festgestampftem Erdboden/ und ein Notizblock auf den Knien rosa Pfefferkörner/ das hitzige Fleisch von den Wörtern in einer Dachkammer“. (S. 91)

Alles in allem eine ungewöhnliche Mischung von surrealem Bilderreichtum, krass realistischen Erzählfragmenten, filmischen Elementen, schnellem Wechsel des Blickwinkels, Heran- und Wegzoomen. Diese Dichtung ist unnachahmlich, beunruhigend und betörend zugleich, eine von der man, selbst gegen den eigenen Willen, nicht lassen möchte und kann.

„Kaspar Hauser und andere Gedichte“, nennt Menno Wigman, geboren 1966, seinen Beitrag zur vorliegenden Anthologie. Mitreißend sind seine schnörkellosen, geradlinigen und lebensnahen Gedichte, sehr menschlich und intensiv, zum Beispiel „Zimmer 421“: „Meine Mutter geht kaputt. Sie hat eine Kammer/ - noch keine Kiste -, wo sie ihren Stuhl bepisst/ und stetig ihren Tag absitzt.“ (S. 119)

Es sind die Themen und Situationen unserer Zeit, die den Dichter umtreiben und beschäftigen: die Großstadt, Migranten, Ausländerfeindlichkeit, Atomreaktoren, Lesemüdigkeit, Rausch und Überdruss, das Altern, Entfremdung, Lieblosigkeit. Da steht ein x-beliebiger Mann in der Schlange vor der Kasse im Supermarkt: „In die Reihe, dann nach Hause, Türmatte, Eisschrank, // Couch und Ofen, später wieder dieser Schlaf./ Fast fürchte ich, dass es dich gar nicht gibt.“ (S. 123) Den Inhalten seiner Verse wie zum Trotz klingen diese melodiös wie eine Musik, es sind Kompositionen aus 5-hebigen Jamben und assonanzenreichen Halbreimen. So nimmt uns der Dichter mit auf seine Reise durch diese Welt, durch den Tag, zuweilen selbstironisch und lakonisch: „Und ich, ein weißer Mann, // ni Dieu, ni maître, zäh und ohne Hoffnung“. (S. 125)

Er beschwört die Erde, nicht streng mit uns zu sein, wenn wir, gestorben, ihr neu anvertraut werden: „Fremde Ansicht schlich sich in den Kopf, die Zunge/ wurde scharf, es hausten Fäuste in den Fingern, / die Hand befeuchtete Brot, Geld, Ehre, Sex, Licht.“ (S. 135)

Auch das Dichten wird zum Thema des Dichters. Er klagt: „… seit einem Monat/ - oder sind es drei - glaube ich, dass Poesie/ keine Form von Nächstenliebe ist. Eher eine Krankheit“. (S. 137) Und er zeigt „Mitleid mit dem Leser“: „Ein Buch? Von vorn bis hinten? Mir fehlt die Kraft.“ (S. 141)

„Promesse de bonheur“ (Wigman hat französische Dichter ins Niederländische übertragen) beschließt die Sammlung mit einem Glücksversprechen oder zumindest dem Wunsch eines Liebenden: „Ich in ihrem Bett und sie, die aus der Dusche steigt./ So wie sie läuft, wie sie nackt durchs Zimmer läuft,/ so sollen nun die Tage laufen.“ (S. 147)

Das sind großartige Gedichte ohne Pathos, direkt und offen, mit klaren Worten, eindringlich und kunstvoll arrangiert, Gedichte, wie der Mensch sie wünscht und braucht. 

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