Affäre halber Meter.
Erzählungen von Sabri Mussa (2005, Lenos Verlag - Übertragung Regina Karachouli).
Besprechung von Anton Thuswaldner in der Frankfurter Rundschau, 13.9.2005:

Der verwundete Macho
Der Ägypter Sabri Mussa scheitert als Erzähler auf der ganzen Linie

"Modern sein ist nicht leicht. So könnte man Affäre halber Meter resümieren." Wer derart uninspiriert über Literatur schreibt und auf engstem Raum mit der Grammatik kämpft, hat etwas zu verbergen. Mit Allerweltssätzen ist Literatur sowieso nicht beizukommen: "Schon zu Beginn seines Schaffens ist somit Sabri Mussas Hauptthema erkennbar: Der Mensch als solcher - mit seinen spezifisch menschlichen Eigenschaften, seinen Träumen und seinen Schwächen - hat Mühe, sich in den Ordnungssystemen zurechtzufinden, die ihn umgeben, mögen sie positiv oder negativ sein."

Diese Formulierungen hat sich Hartmut Fähndrich einfallen lassen, der Herausgeber des arabischen Literatur-Programms im Lenos Verlag, um ein Buch zu retten, das nicht zu retten ist. Die mit rund 70 Seiten längste und gewichtigste Erzählung in Affäre halber Meter, die dem Band den Titel gegeben hat, ist umständlich und ungelenk erzählt. Ganz am Anfang verrät der 1932 geborene, in Kairo lebende ägyptische Autor Sabri Mussa, worauf er hinaus will, die übrigen Seiten sind mit qualvoll durchschnittlicher Prosa gefüllt.

Ein Macho von heute erzählt. Er bedient sich der "modernen Methoden" mit dem Zweck, "eine beachtliche Zahl Frauen um mich zu scharen und mich ihrer zu erfreuen". Andererseits ist er konservativ genug, sich an keine dieser Frauen dauerhaft zu binden, weil sie, die sich ihm so willig hingeben, zu flatterhaft erscheinen. Aus diesem Konflikt gibt es keinen Ausweg, deshalb bleibt der arme Mann, wenn es um seine eigenen Angelegenheiten geht, allein und wird zum Jammerlappen. Das gibt Anlass für eine Suada aus Larmoyanz und Selbstmitleid. Ein erbärmlicher Charakter meldet sich zu Wort, ein Feigling und Schuft, der nach Mitleid heischt.

Seelenkitsch eines Egomanen

Das ist leider noch nicht alles. Der Erzähler in eigener Sache pflegt sich in einer poetisch überhöhten Sprache auszudrücken: "Dennoch lässt der Trauerbaum hin und wieder seine feuchten Blätter in meine müde Seele fallen." Nein, das wollen wir nicht als orientalisch blumige Metaphernsprache durchgehen lassen, das ist Seelenkitsch eines verwundeten Egomanen. Und dieser inflationäre Gebrauch billiger Adjektive: das Glück ist überströmend, Geschichte tausendjährig, Bauten uralt und Blumen sonnenüberflutet - alles zusammen hat Platz in einem einzigen Satz.

Die Diskrepanz zwischen modernen Anschauungen und der Macht der Konventionen ist ein Thema, über das zu erzählen eine lohnende Aufgabe wäre. Sabri Mussa bleibt alles schuldig. So wenig der Erzähler eine Identität bekommt, die über die Floskeln der Banalität hinausreichen, so wenig gesteht er den Frauen, die in seinem Leben eine Rolle spielten, eine zu. Frauen sind Gespielinnen, Unterpfand eines verheißenen Glücks. Dieser Erzähler hat nie das Zeug, über die eng gezogenen Grenzen seines Ichs hinauszusehen. Das Geheimnis der Liebe, jenes unberechenbare Phänomen, das Menschen dazu bringt, auf Würde, Schicklichkeit und Vernunft zu pfeifen, kommt in Mussas Prosa gerade so ins Bild, als würde sie durch ein umgedrehtes Fernglas ins Blickfeld geraten. Mit solch träger Achtlosigkeit ist selten über Liebe geschrieben worden.

Und doch ist diese Erzählung das wichtigste Stück im Buch. Den anderen Geschichten sollte man gar nicht erst seine Aufmerksamkeit zuteil werden lassen. Sie sind von schreckender Einfalt. Im Lenos Verlag finden sich hochkarätige Autoren aus den arabischen Ländern, man muss sie nur zu finden wissen.

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