A Coney Island of the Mind/A Far Rockaway of the Heart.
Gedichte von Lawrence Ferlinghetti (2005, Luchterhand - Übertragung Klaus Berr).
Besprechung von Stefana Sabin in Neue Zürcher Zeitung vom 14.07.2005:

Die Gegenwart ist ein Zufallsereignis
Prosaische Verse, jazziger Rhythmus – Gedichte von Lawrence Ferlinghetti

Die Beat-Generation gehört zu den legendären Gruppen in der amerikanischen Kulturgeschichte: In Dichtung, Musik und Kunst artikulierte sie das Unbehagen an der selbstzufriedenen Borniertheit einer Gesellschaft, die sich im Wohlstand eingerichtet hatte. Zugleich aber markierte die Beat-Generation die Verlagerung des kulturellen Zentrums von der Ost- an die Westküste. Denn im Kielwasser der San-Francisco-Renaissance um Kenneth Rexroth kamen in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts Dichter und Künstler in die nordkalifornische Stadt, und indem sie ihre Ateliers öffneten und ihre Gedichte öffentlich vortrugen, versuchten sie ein breites Publikum jenseits des Bildungsbürgertums zu erreichen. Tatsächlich wurde die Beat-Generation zu einer populären Bewegung, deren Treffpunkt nicht zufällig ein Buchladen war, der nur Taschenbücher verkaufte: der «City Lights Bookstore». Der Laden, der 1955 von Lawrence Ferlinghetti gegründet und nach dem Filmtitel von Charlie Chaplin benannt worden war, existiert noch immer, ein inzwischen heiliger Ort amerikanischer Literaturgeschichte! Ferlinghetti, 1919 in New York geboren, hatte als Soldat im Zweiten Weltkrieg zu den Truppen gehört, die Paris befreit hatten, und war kurz danach als Student nach Paris zurückgekehrt, wo er an der Sorbonne mit einer Studie über die Symbolik der Grossstadt in der modernen Lyrik einen Doktortitel erwarb – mit dem «City Lights Bookstore» und der Taschenbuchreihe «Pocket Poets» wurde er selber Teil einer Grossstadt-Tradition der modernen Lyrik.

Im Schatten der Weggefährten

Mit der «Pocket Poets Series» wollte Ferlinghetti dem Publikum eine unkonventionelle, subversive Lyrik zugänglich machen. Schon der vierte Band dieser Reihe, Allen Ginsbergs Gedicht «Howl», wurde bei seinem Erscheinen 1956 unter dem Vorwurf der Obszönität beschlagnahmt und erst nach einem aufsehenerregenden Prozess freigegeben – der kleine schwarzweisse Band hat sich als Longseller etabliert und wird bis heute nachgedruckt. Daneben wurde Ferlinghettis eigener Gedichtband «A Coney Island of the Mind» von 1958 ein anhaltender Erfolg; vierzig Jahre später knüpfte Ferlinghetti an den verbrämt autobiografischen Gestus dieser Gedichte an und deklarierte den Band «A Far Rockaway of the Heart» 1997 als Fortsetzung. Die Titel weisen auf die Gegend hin, wo Ferlinghetti aufgewachsen ist: Coney Island ist der Rummelplatz von New York, und Far Rockaway ist eine New Yorker Vorstadt am atlantischen Strand. Aber die lokale Verankerung fungiert nur als Ausgangspunkt für die gesellschaftskritische Haltung, die ins Allgemeingültige zielt.

Im deutschsprachigen Raum ist Ferlinghetti, anders als seine Beat-Kollegen Allen Ginsberg, Jack Kerouac oder Richard Brautigan, wenig bekannt. Erst 2001 erschien eine zweisprachige Ausgabe von «A Coney Island of the Mind / Ein Coney Island des Bewusstseins». In seiner Übertragung vollzog Alexander Schmitz eine sprachliche Gratwanderung zwischen Wiedergabe und Nachahmung, versuchte die literarischen und zeitpolitischen Anspielungen in Anmerkungen aufzulösen und die literaturhistorische Bedeutung Ferlinghettis in seinem Nachwort nachvollziehbar zu machen. Jetzt sind Ferlinghettis beide Gedichtzyklen in einem Band zusammengefasst und in der Übersetzung von Klaus Berr ohne jeden Kommentar erschienen. Da Ferlinghettis Gedichte Prosagedichte sind, unterliegt die Übersetzung weniger formalen, aber umso mehr inhaltlichen Zwängen: Die semantische Ladung der Sprachbilder versucht Schmitz durch eine poetischere Wortwahl und Berr durch eine saloppere Ausdrucksweise zu vermitteln.

Ferlinghettis freie Verse, die aus langen, aber parataktischen Sätzen bestehen, wollen einen jazzähnlichen Rhythmus nachempfinden, und der Verdruss über den Konsumismus der Wohlstandsgesellschaft findet zu einer umgangssprachlichen Diktion. «The poet», heisst es schon zu Beginn von «Coney Island», «like an acrobat climbs on rime to a high wire of his own making» – der Dichter, übersetzt Berr, ist «wie ein Akrobat / er klettert auf Reimen / zu einem selbstgemachten Drahtseil». Die Gefährdung des Dichters reflektiert zurück auf eine Gesellschaft, in der das Individuum zugunsten des Kollektivs ignoriert wird. Ferlinghetti beschreibt «gepeinigte Bürger in lackierten Wagen» und beklagt eine Welt, die «vorbeirast in einem Geschwätz aus Verspätung und Asphalt». Immer wieder geht die Darstellung einer Alltagsszenerie ins Surrealistische über, wird eine private Befindlichkeit auf die Realität übertragen oder die Erinnerung als Gegengewicht zur Gegenwart nostalgisch beschworen. «Die Gegenwart ist ein Zufallsereignis», heisst es in einem späten Gedicht, «das sich unendlich / in die Zukunft erstreckt / Und zu ihr wird / Die Gegenwart ist ein Stück Zeit.»

Mit Walt Whitman teilt Ferlinghetti den Glauben an den gegenwärtigen Augenblick und an die Erneuerungskraft des Visionären, aber als Beat-Poet leiht er der eigenen Erfahrung Allgemeingültigkeit und klagt die Gesellschaft an, die Anpassung statt individueller Verwirklichung fordert. Dabei ist der Protest empathisch abgemildert – Ferlinghetti pflegt weder die provokative Übertreibung von Ginsberg noch die anarchische Wut von Kerouac, sondern kombiniert sozialkritische mit autobiografischen Momenten zu einer Alltagslyrik, die von einer pessimistischen Weltsicht geprägt ist. Aber diesem Pessimismus haftet eine gewisse Naivität an, die durch die ungelenke Mischung aus literarischen Zitaten, umgangssprachlichen Ausdrücken und lyrischen Bildern noch verstärkt wird.

Folklore statt Literatur

An der Sprache, die besonders veraltet wirkt, mehr noch als am programmatischen Ernst liegt es, wenn weder die Sozialkritik noch die lyrische Invokation greifen – vielleicht deshalb wirken die Übersetzungen frischer als das Original! Anders als die Popmusik oder die Malerei der fünfziger und sechziger Jahre, die immer noch das Lebensgefühl der Bohème heraufzubeschwören vermögen, hat die Literatur der Beat-Generation ihre Aktualität und Suggestivkraft verloren. Ihren Poeten ist es nicht gelungen, die Authentizität des Augenblicks in eine dauerhafte sprachästhetische Form zu fassen und aus der Stimmung ihrer Zeit eine zeitlose (Protest-)Haltung zu formulieren. Ihre sozialkritische Energie erschöpft sich in sprachlichem Manierismus, und ihre kulturpolitische Empörung transzendiert nicht die Banalität der Bilder. Ferlinghetti wollte die Lyrik zu ihren orphischen Ursprüngen zurückführen und sie von den gattungsspezifischen Formzwängen befreien; er wollte seine Gedichte als mündliche Literatur verstanden wissen – heute erscheinen sie eher als Teil der amerikanischen Folklore denn als Teil der amerikanischen Literatur.

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