Älter Werden von Silvia Bovenschen, 2006, S. Fischer1.) - 2.)

Älter werden.
Notizen von Silvia Bovenschen (2006, S. Fischer).
Besprechung von
Andrea Köhler in Neue Zürcher Zeitung vom 24.10.2006:

Das Gedächtnis der Gefühle
Jenseits des Methusalem-Komplotts – Silvia Bovenschen über das Älterwerden

Wann fängt das Alter an, ein Problem zu werden? Wann streift uns erstmals die Einsicht, dass die Zeit an uns ihren Raubbau beginnt und das Bild, das wir von uns selber haben, zunehmend in die Vergangenheit rutscht? Eines Tages, so will es die Literatur, wacht man auf und liegt plötzlich da, «ohne sich erheben zu können, entblösst jeder Waffe und jeden Muts für den neuen Tag». Mit diesem Sturz ins Bodenlose aber kommt etwas anderes, Neues: die Fähigkeit, sich zu erinnern. Man «erinnert sich nicht wie bisher, unverhofft oder weil man es wünschte, an dies und jenes, sondern mit einem schmerzhaften Zwang an all seine Jahre, flächige und tiefe und alle Orte, die man eingenommen hat in den Jahren». Ist das so?

Das fünfundvierzigste Jahr?

Nein, so kommt es nicht, das Alter. Nicht so über Nacht, mit einem Schock, wie Ingeborg Bachmann das in ihrer parabelhaften Erzählung «Das dreissigste Jahr» beschrieben hat. Vermutlich, weil das dreissigste Jahr, selbst wenn das Gefühl sich einstellt, mit einem Bein schon im Grabe zu stehen, nicht «alt» genannt werden kann. Wohl wahr, die Optionen sind kleiner geworden. Schon hat man einen Weg eingeschlagen, von dem so leicht nicht mehr abzukommen sein wird. Doch das Gefühl, alt zu werden, stellt sich – obschon wir vom Älterwerden ja nie suspendiert sind – gemeinhin erst später, sagen wir: ab Mitte vierzig ein. Und wann beginnt das Gefühl, nun sei man alt?

«Älter werden» heisst das Buch der Literaturwissenschafterin Silvia Bovenschen, deren Essays über Mode und Feminismus, Freundschaft und «Spielformen der Idiosynkrasie» zu den herausragenden intellektuellen Erkundungen deutscher Sprache gehören. Klug, eigenwillig und von jener Lebenseinsicht geprägt, die durch die Schule einer unheilbaren Krankheit gegangen ist, hat ihr Denken vor allem zwei Tugenden ausgeprägt: Neugier und Unbestechlichkeit. Dem entspricht im schriftlichen Gestus unsentimentale Präzision und stilistischer Takt.

«Einst» sollte das Buch ursprünglich heissen. Das klingt nostalgisch, ist es aber nicht. Bovenschens Notizen zum Älterwerden kommen lakonisch, ja fast lapidar daher. Die Essayistin hat hier den «Schutz des Begriffsnetzes» und das Genre verlassen und ihre Beobachtungen in Form von Aufzeichnungen niedergelegt, ohne jedoch ins Aphoristische zu verfallen. Keine «Maximen und Reflexionen», auch keine «Minima Moralia» (Adorno, bei dem sie studiert hat, kommt aber vor) und auch kein bestsellerträchtiger Nachklapp zum sogenannten «Methusalem-Komplott», sondern rhythmisch sortierte, subjektive Gedanken und Impressionen. Roland Barthes' Erinnerungs-Kaleidoskop «Über mich selbst» dürfte Pate gestanden haben. Unter wechselnden Überschriften werden Lebensmuster versammelt, Glücksmomente beschworen, wird Verschwundenes noch einmal sichtbar gemacht. Der assoziative Erzählgestus entspricht dem Modus, in dem die Erinnerung uns die Vergangenheit wieder zurückgibt. Wir blättern in einem imaginären Fotoalbum, bei dem die Chronologie – das Altern in der Zeit – ausser acht gelassen wurde.

Altern ist schmerzhaft, nicht nur, weil das Wissen, «dass die Zukunft kürzer sein wird als die Vergangenheit», an der Gegenwart nagt. Die Verluste summieren sich, auch die des Gedächtnisses. Am untrüglichsten noch erinnert sich das Gefühl. Da war etwas – mit dieser Person, dieser Begebenheit, dieser Sache –, und es war nicht gut. Die Veränderungen des Körpers, die Einbussen der erotischen Anziehungskraft antizipieren wir, lange bevor es andere tun. «Ganz unmöglich ist es, über die Ungerechtigkeit der Lebensalter hinwegzukommen», schrieb Elias Canetti. Noch schwieriger ist es, nicht über die Ungerechtigkeiten der geschlechtsspezifischen Alters-Einschätzung erbost zu sein. Ältere Frauen sind älter als ältere Männer – zumindest steht ihnen weniger zu.

Ab wann ist man alt? Silvia Bovenschen ist gerade einmal sechzig, auch wenn ihre Krankheit – multiple Sklerose – sie früher als andere mit den Gebrechen des Alters, dem Verlust der Gehfähigkeit etwa oder der Todesnähe, bekannt gemacht hat. Was die Krankheit ihr nicht gestattet – und was so viele Alte gern ausprägen –, ist Larmoyanz und Rechthaberei. An einer Stelle berichtet sie von einem Freund, der, ebenfalls unheilbar krank, richtig gute Behinderten-Witze erfand. Ein dem Leiden abgetrotzter Humor prägt auch diese Notizen.

Älter werden heisst auch: Es mehren sich die Toten unter den Bekannten. Was bleibt im Gedächtnis? Lächerliches, nagende Peinlichkeiten zum Beispiel. Was erinnern die andern von uns? Oft Unmassgebliches. («Du trugst damals immer einen kirschroten Lippenstift.») Was macht uns aus? Frühe Leidenschaften zum Beispiel. Das hungrige Lesen etwa, dessen Suchtcharakter «etwas durchaus Liederliches hatte». Daraus macht man am besten eine Profession. Auch wenn der Brotberuf (Professorin für Literaturwissenschaft) dann am wenigsten das ist, was einen am Ende ausgemacht haben wird.

Zeitgeschichtliche Signatur

Es ist ein weitgehend unverstelltes «Ich», das hier «aus dem Nähkästchen plaudert» – wie man einst, zu der Zeit, als Silvia Bovenschen anfing, älter zu werden, gesagt hätte. (Auch solche verschwindenden Wörter gehören zum Älterwerden.) Doch nichts Exhibitionistisches haftet ihren Erzählungen an. Nicht nur das Alter – auch ein Zeitalter wird besichtigt. Dabei zählt – wie in aller guten Literatur – nicht das Allgemeine, sondern die im Detail beglaubigte zeitgeschichtliche Signatur.

Verlorene Gesten zum Beispiel: Das Nesteln am Strumpfhalter in einem Hauseingang – war es nicht irgendwie typisch für die «verdrehte Verschämung der fünfziger Jahre»? So vieles ist in kurzer Zeit aus unserm Leben verschwunden – durchaus nicht immer zum Schlechten. Wie die «narrativen Übereinkünfte» der deutschen Kriegsgenerationen zum Beispiel, die stereotypen Erzählungen von Bombennächten und Stalingrad mit ihrer «diffusen Schuldsuggestion» an die Nachgeborenen, die es so unverdient besser hatten. Das ist für die nächste Generation schon eine unvorstellbare Ewigkeit her. Doch sind es ja gerade diese Unvorstellbarkeiten, die unser Älterwerden in einen Bezugsrahmen setzen.

Gibt es Gewinne? Nutzlose Selbstquälereien dürften geringer werden, je älter man wird. Die «Glücks-Liste», die hier aufgemacht wird, aber zeigt, dass alle Bilanzen – ebenso wie die Frage nach den Versäumnissen – nur im jeweiligen lebensgeschichtlichen Augenblick Gültigkeit haben. Das Glück ist das Andere zur verstreichenden Zeit, das Gegenteil des Älterwerdens – in jedem Alter – mithin. Die Auswahl unsrer Erinnerungen aber «folgt in jeder Altersstufe irgendwelchen Eitelkeits-Kriterien».

Das mag sein. Und doch trügt das Bestreben, das Leben rückblickend in eine «hellere Erzählung zu bringen», nicht über die eitelkeitsresistenten Prozesse des Alterns hinweg. Das Alter ist ein Kampf, den man, anders als die demographischen Unkenrufe uns suggerieren, weniger gegen Jüngere als mit sich selber führt. Da nützt auch die ganze Krankenkassen-Rhetorik von «fitten Senioren» nichts. Zugleich wächst das Bewusstsein für die Kostbarkeit des Lebendigseins – für «die gebrechliche Einrichtung der Welt», wie das bei Kleist heisst. Man darf das als einen Gewinn verbuchen, an dem die Lektüre solch einsichtskluger Bücher einen entschiedenen Anteil hat.

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Älter Werden von Silvia Bovenschen, 2006, S. Fischer2.)

Älter werden.
Notizen von Silvia Bovenschen (2006, S. Fischer).
Besprechung von Gabriele Doblhammer aus Rezensionen-online *bn*, 2006:

Persönliche und anregende Gedanken über das Älterwerden. (DR)

Die Autorin reflektiert in ihrem Buch unter anderem die Entstehung desselben und berichtet, dass ihr mehrmals vom Titel "Älter werden" abgeraten wurde - der Leserkreis würde sich unweigerlich auf die ältere Generation beschränken. Als Enddreißigerin bin ich nun zum Zwecke einer Rezension an dieses Buch geraten und stelle fest, dass ich es nach der Lektüre des Titels wohl nicht gekauft hätte, es nach der Lektüre des Textes aber hochinteressant finde. Es handelt sich um sehr persönliche und berührende Texte zu den unterschiedlichsten Themen, Erinnerungen an Erlebnisse der Kindheit und Jugend.

Mit großer Aufmerksamkeit reflektiert sie ihre Erinnerungen: War ich als Kind in einer bestimmten Situation glücklich oder will ich mich nur heute darin als glückliches Kind sehen? Verträgt sich das, was öffentlich über die zurückliegenden Zeiten verlautbart wird, mit den privaten Rückblicken? Warum hatten wir als Kinder kein Interesse an den notorischen Erzählungen der 1950er Jahre vom vergangenen Krieg? Leichtfüßig geschrieben enthält dieses Buch viele anregende Gedanken und hält auch mehrmaliger Lektüre stand.

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