Adzio und Tadzio.
Essay von Gilbert Adair (2002, Edition Epoca - Übertragung Thomas Schlachter).
Besprechung von Ursula März in der Frankfurter Rundschau, 1.3.2003:

Kleiner Grenzverkehr
Gilbert Adair auf den Spuren von "Adzio und Tadzio"

Als der Regisseur Lucchino Visconti Ende der 60er Jahre wochenlang durch Europa reiste, um einen Darsteller für die Rolle des schönen Jungen in dem geplanten Film Tod in Venedig zu suchen, der seinem Ideal entsprach, hielt er sich einige Zeit auch in Polen auf. Er ließ sich scharenweise Nachwuchsschauspieler, Statisten, ja ganze Schulklassen vorführen, aber er vermied die Begegnung mit jenem Mann, die, so würde man vermuten, am nächsten gelegen hätte; mit Wladyslaw Moes, einem damals schon älteren Herrn, der niemand anderer war als der wahre Tadzio, das reale Vorbild des literarischen Protagonisten in der 1913 erschienenen Novelle von Thomas Mann. Visconti wollte ihn nicht sehen. Denn er konnte eine Störung seines Bildes durch die historische Realität nicht gebrauchen. Die Realität, auf die er sich bezog und verließ, bestand aus Buchstaben. Im Jahre 1911 hielt sich Wladyslaw, der den Spitznamen "Adzio" besaß, mit seiner Familie am Lido in Venedig auf. Nicht bemerkend, dass ein deutscher Schriftsteller sich in seinem Umfeld aufhielt, der seinen Anblick für die Phantasie verwendete. Nicht ahnend, dass sich von seiner Person ein paar Jahre später eine der berühmtesten Figurenlegenden des 20. Jahrhunderts, Tadzio, ableiten würden. Diese Überlagerung, ja Ersetzung der Wirklichkeit durch Fiktionen ist es, was den britischen Schriftsteller und Essayisten Gilbert Adair interessiert und zu dem ebenso schmalen wie komplex angelegten Bändchen Adzio und Tadzio inspirierte. Historisch hat er zu dem Fall nichts Neues zu sagen. Die Biographie jenes Wladyslaws Moes, die Umstände seines Venedig-Urlaubs sind ausgiebig erforscht. Die Abweichungen zwischen der literarischen Bearbeitung in der Mann'schen Novelle und dem empirischen Material sind von der Mann-Philologie bis ins letzte Detail aufgelistet worden. Der reale Adzio (Wladyslaw) beispielsweise war am Lido erst elf Jahre alt, also ein Kind und vorpubertär. Thomas Mann aber spricht von einem 14-jährigen mit langen blonden Locken, die Wladyslaw nicht besaß. Er hatte einen dunklen Pagenkopf. Die langen blonden Locken besaß indes Björn Andresen, der schwedische Darsteller des Tadzio, für den sich Visconti schlagartig entschied, als er ihn zum ersten Mal sah. Seine filmische Erscheinung überlagert seit 1971, seit Viscontis Film existiert, ein für allemal die Beschreibung Thomas Manns. Wer den Titel Tod in Venedig hört, sieht reflexhaft die Engel in gestreiftem Badeanzug vor sich, den die Filmkamera an den Lido malte.

Die Entstehung dieser Metageschichte der Künste zeichnet Adair nach. Der kleine Grenzverkehr zwischen Wirklichkeit und Fiktion ist eine Art Steckenpferd Gilbert Adairs. Auch in die Handlungen seiner Romane mischen sich häufig Werke der bildenden oder der literarischen Kunst ein. Aber kaum eine andere Figur wie die des Tadzio ist so sehr nach Adairs Geschmack. Kaum eine andere ist so stark zur Chiffre geworden, die den Status einer Art Quasirealität einnimmt, auf die sich immer neue Adaptionen, Fiktionen und Ideen beziehen; eine Fortsetzungsgeschichte, an der Adair selbst mitgearbeitet hat. Sein Roman Liebestod auf Long Island ist eine ziemlich direkte Adaption des Tod in Venedig. In Adzio und Tadzio zeigt er sich von seiner besten Seite als Essayist. Ein Theoretiker, der nicht nur theoretisiert, sondern in Erzählungen und Episoden darstellt, klug, charmant, überaus gut lesbar und kleinen Klatschereien nicht abgeneigt.

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