Adressbuch von Richard Swartz, 2005, HanserAdressbuch.
Geschichten aus dem finsteren Herzen Europas von Richard Swartz (2005, Hanser - Übertragung Verena Reichel).
Besprechung von
Jörg Plath in Neue Zürcher Zeitung vom 22.06.2005:

Geheimniskrämer
Richard Swartz blättert im «Adressbuch»

Der Schwede Richard Swartz ist Osteuropa mit Haut und Haaren verfallen, und seine so skeptischen wie genau beobachtenden Reportagen über diesen von Krisen geschüttelten und von Hoffnungen lebenden Landstrich gehören zu den besten ihrer Art. Er liebt jedoch auch die dort geschriebene Literatur, ganz besonders ihren Hang zum Geheimnis, zum Unaussprechlichen, Metaphysischen, und zwar so sehr, dass er sich mit dem Osteuropa-Journalismus nicht zufrieden gibt: Er möchte auch Literat in osteuropäischer Tradition sein. Sein neues Buch «Adressbuch» verspricht im Untertitel sieben «Geschichten aus dem finsteren Herzen Europas», und das Vorwort verrät, dass sie von Erinnerungen handeln, die «uns für immer festhalten: mit Klauen, die sie in unser Fleisch geschlagen haben, Klauen, aus denen sich niemand befreien kann». Swartz erzählt also Fiktionen mit autobiografischem Kern, und dass er Intensität durch Wiederholung herzustellen sucht, weiss man nun auch schon.

In allen Erzählungen aus den Zeiten des Eisernen Vorhangs bleibt etwas ungenannt: In «Abenteuer in der Lederbranche» ist es der heraufziehende Bankrott des schwedischen Grossvaters; in «Das Herz der Finsternis» der offenbar fremdenfeindliche Ausspruch eines Prager Universitätsrektors; in «In der Fremde» sind es die Worte eines Kantors aus dem rumänischen Sibiu. Das ziemlich ostentativ Unausgesprochene ist der Anlass des Erzählens, und um dessen Bedeutung zu erweisen, zieht Swartz alle Register. Sein Erzähler umkreist es, häuft dabei immer neue Ergänzungen und Korrekturen aufeinander und greift gern zu Wiederholungen, so dass eine Wiener Wurst auf gleich drei Seiten zu ausführlichster Darstellung gelangt. Am ehesten beeindruckt noch die Erzählung «Böhmen am Meer» mit ihrer Schlusspointe: Ein in Österreich lebender Sudetendeutscher parodiert hasserfüllt einen Tschechen, doch der Erzähler kann keinen Unterschied zwischen beiden erkennen. In der Regel aber wirkt «Adressbuch» nur literarisch überinstrumentiert, denn das Unausgesprochene ist für den Leser kein Geheimnis. Es liegt auf der Hand. Richard Swartz treibt umständlich Geheimniskrämerei.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0705 LYRIKwelt © NZZ