Adolf H. Zwei Leben.
Roman von Eric-Emmanuel Schmitt (2007, Ammann - Übertragung
Klaus Laabs).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 7.02.2008:

Deutschland, eine Männeroper
Morgen erscheint der neue Roman von Eric-Emmanuel Schmitt: "Adolf H. Zwei Leben" - eine Selbstdisqualifikation.

Haben Verlage nicht auch die Pflicht, Autoren vor sich selbst zu schützen? Vor ihren Verstiegenheiten, ihrem Egozentrismus oder ihrem Abheben aus der Realität. Gerade die erfolgreichen? So einer ist Eric-Emmanuel Schmitt, ein Franzose von Ende Vierzig, der die Ich-liebe-Euch-doch-alle-Pose liebt. Ihm ist die Welt aber noch nicht gut genug, und so verabreicht er ihr leichte Erbauungsbücher. Seit seine Ringparabel um "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" mit Omar Sharif in die Kinos kam, kennt sein Erfolg keine Grenzen mehr. Schmitt greift nach den höchsten Themen und verhackstückt sie küchenpsychologisch. Nach Jesus hat er sich nun Hitler vorgenommen. Und als wäre ein Roman-Ziegelstein von fast 500 Seiten nicht genug, folgt dem beflissenen Opus noch ein Arbeitsjournal des Autors. Wenigstens das hätte der Verlag seinem Goldesel ersparen müssen. Es ist eines der unbescheidensten Dokumente schriftstellerischer Selbstdisqualifikation. Ja, die Buchwelt ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Aber so was? "Das Buch befiehlt. Ich werde gehorchen", "den ganzen Tag geweint beim Schreiben", "man sollte auf mich hören", "Diderot, du gibst mir doch recht, nicht wahr?"Also erfahren wir, dass der Schreibdienst über das Monstrum schlechthin nicht irgendwo endete, sondern "im Flugzeug ... mitten über dem Atlantik", und nicht irgendwie, sondern mit tränenverschleierten Augen. Genug. Schmitt will unbedingt an das Gute in uns allen glauben und konstruiert darum neben den historischen einen Alternativ-Hitler, zum gegenläufigen Doppelporträt, einen Hitler, der 1908 die Aufnahmeprüfung an der Wiener Kunstakademie bestand, einen, den gleiche Voraussetzungen zu einem ganz anderen werden ließen: der in der Kunst reüssiert, bei Freud auf der Couch liegt, von Andre? Breton zu den Surrealisten gerufen wird, eine Jüdin liebt und seine Professur in Berlin auch und seine Bilderbuchenkel in Santa Monica sowieso. Im absehbaren Wechsel schieben sich Fakten und Fiktionen ineinander, verzahnen sich unheilbringender Fanatiker und geläuterter Künstler, Böse und gut, Heil und Heilung.

Die Banalisierung des Grauens

Die Banalisierung des Grauens: Helge Schneider und Walter Moers wollten lustig sein und waren es vielleicht auch. Eric-Emmanuel Schmitt ist es nicht. Er ist ein beflissener Kunsthandwerker, dem Details gelingen, die großen Konstruktionen jedoch ins Triviale wegkippen. Deswegen auch handelt er den Zweiten Weltkrieg ebenso im Zeitraffer ab, wie er alles Personal in Reichskanzlei und Führerbunker von Eva Braun über Speer, Goebbels, Himmler und so fort zu Pappkameraden in wankenden Kulissen macht. Die Musikmaschinen dröhnen Wagner dazu. Deutschland, eine Männeroper. Warum wurde der Schmitt-Hitler so und der echte anders? Schmitt leitet es aus gegensätzlichen sexuellen Erfahrungen ab. Zwischen dem Verlangen alternder Zimmerwirtinnen und der Angst vor sexuellen Kontakten auf Augenhöhe werden sie so oder anders ins Leben gestoßen. So einfach geht das, wenn Eric-Emmanuel Schmitt erzählt. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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