Adler und Engel von Juli Zeh, 2001, Schöfling1.) - 3.)

Adler und Engel.
Roman von Juli Zeh (2001, Schöffling).
Besprechung von Stephan Maus aus der Frankfurter Rundschau, 8.9.2001:

Im Rahmen des Lehrplans
Neues aus der Halbwelt: Juli Zehs staatlich geprüftes Roman-Debüt "Adler und Engel" über Kokser und Dealer, über das Lieben und Sterben zwischen Leipzig, Wien und dem Balkan.

Maximum Max, Max the Maximal, ist aufstrebender Jurist mit Kernkompetenz im undurchsichtigen Fachgebiet der Osterweiterung. Eines Tages unterbricht seine Freundin Jessie seinen 12-Stunden-Tag mit einem Anruf, es tut einen Knall im Hörer, und von da an hat Max ein Pfeifen im Ohr und ein Loch im Herzen. Jessie hat sich zum Ortstarif erschossen. Seit Jahren schon hat der Jurist sein Hirn zu maximalem Koksgenuss verdonnert. Nach Jessies Tod versinkt er nun vollends in Drogenwahn und Todessehnsucht und versucht sich das Hirn so taub zu schnupfen wie sein rechtes Ohr. Er zieht sich seine armlangen Lines auf jedem Klodeckel, darunter lauert schon der Orkus, in den er hinabzurauschen droht ohne Wiederkehr, der Deathsperado.

Bei all der Trauer verliert der Schwarzromantiker so sehr die Kontrolle über sein Leben, dass er in der Hörer-Talk-Sendung der Mitternachts-Plaudertasche Clara sein Leid dem gleichgültig schwingenden Äther klagt. Er entsorgt das Elend durch denselben Hörer, durch den es zu ihm kam. Clara ist hauptberuflich UkW-Zynikerin, studiert nebenberuflich Psychologie und verfasst ihre Diplomarbeit. Max wird ihr zur willkommenen Fallstudie: "Du wärst ein Thema für meine Diplomarbeit." So beginnt eine therapeutische Beziehung, in der er ihr seine Vergangenheit mit Jessie erzählt, während sie ihn wissenschaftlich vampirisiert. Immer wieder muss sich Clara Maxens Abenteuererzählung von ihrem Professor absegnen lassen: "Er will mehr von der Hintergrundgeschichte. Fräulein Müller, sagte er, Sie sind auf dem richtigen Weg." Groß ist in Adler und Engel die Aura der akademischen Leitbilder und das Charisma der Professoren. Die koks-coole Revolte vollzieht sich unter dem wachsamen Adlerauge der Vaterfiguren. Die Grundstimmung ist studentische Folgsamkeit.

Juli Zeh ist 1974 geboren und hat Europa- und Völkerrecht studiert. Wenn Stendhal auch im fortgeschrittenen Alter noch regelmäßig den napoleonischen Code Civil als Stilübung lesen musste, hat Zeh ihre Lektion schon früh gelernt: Ihre Sätze sind kurz, präzise und klar. Ihren Roman hat sie in gleichmäßige Kapitel zergliedert. Jedes davon ist wiederum in kurze Textportionen aufgeteilt, die jeweils sauber durch eine Leerzeile voneinander abgegrenzt werden. So soll noch jedem Absatz eine bedeutungsvolle Schwere verliehen werden, die oftmals in einem atmosphärischen Orgelpunkt am Ende jedes Absatzes ausklingt. Es entsteht der Eindruck, Zeh wollte jeden Moment im Leben ihres Erzählers mit der Intensität eines Paragraphen aus einem kosmischen Gesetzbuch versehen. Das verleiht ihrem Roman manchmal den wichtigtuerischen Gestus einer Prosa, die wegen maximaler Einarbeitung von holzfreien Weißflächen eigentlich als Poesie begriffen werden möchte.

Dabei hat der Roman das gar nicht nötig. Adler und Engel ist ein perfekt gebauter, spannungsgeladener Schmöker. Noch flotter erzählt, und du stirbst. Die schnell voranschreitende Handlung umspült lyrische Inseln, die Zeh mit ihrem bilderreichen Stil in den Erzählstrom setzt. Die am häufigsten verwendete rhetorische Figur ist dabei der Vergleich. Das obsessive Tertium Comparationis ist der tragende Pfeiler dieser Prosa. Wenn das Wörtchen "wie" nicht wäre, würden Adler und Engel abstürzen wie, wie, wie... Ikarus? Verglühende Meteoriten? Beim nächsten Roman sollte die vergleichswütige Juli Zeh die rhetorische Effektpedale vielleicht um ein, zwei Zusatzmodule erweitern. Trotz aller lyrischen Qualität poetelt es manchmal gar sehr in der Bilderwelt des Ich-Erzählers Max. Etwas zu oft greift er nach den Sternen, dem Mond und der Sonne, wodurch sich der Text zu astrologischer Dimension bläht, die ihn geradewegs in die verheerende Umlaufbahn des Kitschplaneten katapultiert.

Das Leitgestirn der Erzählung ist Max' Geliebte Jessie mit ihrem "unordentlich abstehenden gelben Haarkranz außen herum, der sie wie eine kleine Sonne aussehen ließ". Die Lebensbeichte von Max führt in die Abgründe eines Drogenringes mit Verflechtungen in die internationale Anwaltsszene und die UNO. Man bekommt den Eindruck, das Medellín-Kartell sei Kofi Annans Hoflieferant. Jessie ist die sympathisch verhaltensgestörte Tochter eines Drogenbosses, läuft am liebsten barfuß über den kochend heißen Asphalt des apokalyptisch brodelnden Wiens, transportiert mit schlafwandlerischer Unschuld zentnerweise synthetischen Flügelstaub aus dem zusammenbrechenden Albanien über die aufgewühlte Adria, betreibt mit Engelszungen Pendeldiplomatie für Arkan, den serbischen Säuberungs-Tiger, und wird dabei wahnsinniger und wahnsinniger. Sie versammelt immer mehr Traumata in ihrem kranken Oberstübchen, wo sie die ganze Zeit über als potentielle Suizidkandidatin in einem spinnenverwebten Winkel steht, unter dem schräg einfallenden Strahl der schwarzen Sonne der Melancholie, in der Linken eine Schlinge, in der Rechten einen wackeligen Stuhl.

Zeh gestaltet ihren Roman nach den erprobten Erzählmustern des Spannungsromans. Wird eine Rückblende adrenalinausschüttend inmitten einer Action-Szene platziert, schimmern diese Tricks der Thriller-Kunst etwas zu stark durch die Romantextur. Doch insgesamt verflicht die Autorin Max' therapeutisch-kathartischen Abstieg in die eigene Vergangenheit sehr geschickt mit einer Jagd nach einem echten Hitchcock'schen McGuffin: Nach Jessies Tod hat der orientierungslos taumelnde Ich-Erzähler das gesamte Kartell an den Hacken. Während der rauschhaften Odyssee ihrer Protagonisten verliert die Autorin jedoch niemals die Kontrolle über ihr beachtliches Textvolumen. Ihr Personalmanagement ist vorzüglich und ökonomisch. Noch jede Nebenfigur hat eine plotstützende Funktion. Symmetrisch gruppiert sich der Plot um das Beziehungsdreieck Max, Jessie und den gemeinsamen Freund Shershah, den schönen Perser: Max liebt Jessie, die dem Prinzen aus dem Orient verfallen ist, der im Höchstfall nur sich selbst ertragen kann. Die Dialoge sind mit sicherem Gehör dem aktuellen Gerede abgehorcht und zu pointierter Schlagfertigkeit gedrechselt. Nur hin und wieder kippen sie in allzu besinnliche Aphorismen um.

Jessie ist der Engel inmitten all der Adler und muss den ganzen Dreck der Welt auf ihren schmalen, beflügelten Schultern tragen. Max kämpft einen verzweifelten Kampf gegen ihren wachsenden Wahnsinn, der sich am besten mit verrückten und ein bisschen rührseligen Gedankenspielen besänftigen lässt, deren kindsköpfige Poesie etwas zu sehr an die skurrilen Geschichtchen von Janosch erinnern. Zeh kokettiert mit dem süß-tragischen Irrsinn der Kleinen.

Max weht in einem ständigen Koksnebel durch all die Intrigen des organisierten Verbrechens, versteht nur sehr wenig von den Schachzügen des Kartells, kommt aber trotz wachsender Todessehnsucht niemals zuschaden, als beschützte ihn die Drogenprinzessin auch noch nach ihrem Tod als Schutzengel. Zeh verarbeitet in den Verflechtungen der organisierten Kriminalität mindestens so viele zeitkritische Themen wie alle öffentlich-rechtlichen Fernsehspiele in einem Sendejahr. Das ist nicht schlimm. Nur eben ziemlich öffentlich-rechtlich.

Juli Zeh hat am Leipziger Institut für Literatur studiert, in dem arrivierte Schriftsteller ein krisensicheres Standbein als Schreiblehrkräfte gefunden haben. In Adler und Engel setzt sie alle in Leipzig wohl jemals formulierten Fabuliertheorien meisterhaft in die Praxis um. Dabei hat Zeh sich nicht vorgenommen, das Roman-Genre zu revolutionieren, sondern es für die makellose Umsetzung ihrer Storyline zu nutzen. Besonders mutig ist das nicht. Aber sehr lesbar. Genau aus diesem Grund hat ihr Buch das Zeug zum Bestseller.

Und in Leipzig scheint man zu wissen, wie sie produziert werden. Hier können sich literaturbegeisterte Schulabgänger nach den für den EU-Binnenmarkt adaptierten Maximen der amerikanischen Creative-Writing-Bewegung unterrichten lassen, deren kategorischer Imperativ meist lautet: Keine Experimente! Die wenigsten dieser diplomierten Autoren werden also überraschen. Willig studiert man bei einer Handvoll literarischer Platzhirsche, folgt dozil dem Dozenten, fabuliert über das zerfressene, unangepasste Koksgehirn am bröckeligen Rande der Gesellschaft, lernt dabei die verbraucherfreundlichen Kniffe des Metiers, greift in die Trickkiste der "Suspense-Meister" und lernt so "eine möglichst professionelle Schreibkompetenz", wie es in einer Instituts-Verlautbarung im Internet heißt.

Am Ende von Adler und Engel erhält die Vulgärpsychologin Clara ihre akademischen Weihen: Die Abenteuer von Max und Jessie waren überzeugend. Die schlagfertige, dialoggewandte Heldin dürfte ihre Diplomprüfung summa cum laude bestanden haben. Juli Zeh ihr Leipziger Diplom wohl auch. Im Wintersemester 2001/2002 ist sie Gastdozentin im Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wo sie ein studienbegleitendes Werkstattseminar zu dem unübersichtlichen Themenkonnex Textintention und Erzählperspektive veranstaltet. Adler oder Engel? Engel.

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Adler und Engel von Juli Zeh, 2001, Schöfling2.)

Adler und Engel.
Roman von Juli Zeh (2001, Schöffling).
Besprechung von Claudia Kramatscheck aus der Wochenzeitung, Zürich, 4.10.2001:

Julia Schoch, Malin Schwerdtfeger und Juli Zeh: Drei Debüts, die den Untergang des sozialistischen Ostens verhandeln.

Die Grenzen sind gefallen. Zwischen Ost und West, Sozialismus und Kapitalismus. Und doch leben sie fort – etwa als äussere Koordinaten der Innenräume all jener, die aus dem geschichtlich-geografischen Entweder-oder entlassen sind in eine vermeintlich grössere, freiere Welt.
Auch in Julia Schochs Debütband «Der Körper des Salamanders» bildet «der Osten» den Echoraum ihrer Figuren, an dessen Existenz sich ihre individuellen Existenzen entscheiden. Und das in einem wortwörtlichen Sinn – denn Schoch dreht die Zeit ein wenig zurück, noch gibt es die Grenze, noch die DDR, und dann schon gibt es den Übergang – und doch hallt dieser Osten wie von merkwürdig fern nach, denn nichts sind diese neun Erzählungen weniger als fiktive Wiederbelebungen dessen, was einmal Osten war. Zwischen den Zeilen ist er Bedingung, ohne die die Geschichten nicht wären, was sie sind: abgründige, sich letzten Gewissheiten entziehende Reflexionen über die gesellschaftliche Verfasstheit des Menschen, das Gewicht der Geschichte, das den Körper des Einzelnen beschwert.
Das Schwarze Meer und Rumänien, die Havelseen und das Donaudelta; eine stillgelegte Fischfabrik, der Ruderverein Dynamo, ein verfallendes Lichtspielhaus – dies sind die Plätze und Orte, an die Schoch uns entführt. Merkwürdig karg wirken sie – und wagemutig «unsexy» auch in ihrer Sprödheit, mit der Schoch selbst diese realen Eckdaten wie nur versehentlich in den Text einstreut. Man ist versucht zu sagen: Territorien der Unbehaustheit. Schochs Figuren blicken uns aus diesen ihren Welten so fremd wie eigensinnig an. Doch dem, was sich da im Negativ ihrer Augen als die Kontur des Ostens flüchtig abzeichnet, dem eignet etwas nicht Bezähmbares, etwas hartnäckig Unbeirrbares noch da, wo sich Scheitern abzuzeichnen droht.
Von solchem Widersinn, der Entschiedenheit, sich nicht vereinnahmen zu lassen, erzählen Schochs Figuren mit leisen Bewegungen, aber zäh. Herr Quantitschek etwa, der als Ober entlassen wird, weil er von alten Gepflogenheiten – die weisse Serviette überm Arm und Geschmeidigkeit statt Eile – nicht lassen will, und heimlich in seinem Zimmer ein Flugzeug konstruiert, mit dem er davonfliegen wird an jenen Ort tief im Osten, an dem man sich an Spieleabenden mit Reiseberichten die Zeit vertreibt; Kaatsch, der den alten Charme des Lichtspielhauses Aurora bewahren will und die Modernisierung sabotiert, indem er neue Filme in falscher Reihenfolge abspielt; oder jenes Mädchen der titelgebenden Erzählung, die ihrem Hass auf den kalten Drill des Wassers, dem sie als Steuerfrau im Ruderboot ausgesetzt ist, eines Tages durch eine gezielte Manipulation des Bootes ein Ende bereitet.
Entschwinden, Abtauchen in ein Eigenes, und sei es nur auf das Eiland der Fantasterei – dies scheint der Traum, der die Schoch’schen Figuren beseelt. Fremd sind sie, sowohl im Alten wie im Neuen, das ihre eigene Existenz mit den Riesenschritten der Geschichte dann überholt. Fremd scheinen sie sich selbst, immer nur wie Gäste im eigenen Dasein, das sie teils mimen wie Schauspieler: «Wie Frischverliebte» heisst das Spiel, das Crohn und seine Begleiterin während ihrer Reise in das vom Umsturz erschütterte Rumänien betreiben. So wird die Mimikry, scheint es, ihnen zur eigentlichen Heimat. Denn was ist Heimat in einem Land, aus dem man nur hofft zu entkommen? Und was, wenn die Vorzeichen der Geschichte sich ändern und man der eigenen beraubt wird? Wie zurückkehren in etwas, das nie mehr das sein wird, was es war? Und kann man etwas verlassen, was es nicht mehr gibt? «Ich hatte mit einemmal gar keine Hoffnung mehr, woanders anzukommen als in Europa. ( … ) Dass jeder Weggang mich nur wieder herankommen liesse», gesteht die Erzählerin in «Im Delta». Ist dies Freiheit oder der Fluch eines unentrinnbaren Dazwischen? Behutsam, indirekt und wie im Verborgenen erzählt Schoch somit von der Freiheit des Menschen, von der sie weiss, dass sie eher unbequeme Frage ist denn schnelle Antworten bereithält. – Sartre, auf diesen Namen tauft der junge Soldat jenen Vogel, den er dem Mädchen schenkt in seiner letzten Nacht, die er noch lebt.
«Wie soll man einen Menschen erzählen?», fragt sich die junge Erzählerin in «Cinema Aurora». Schoch, 1974 geboren, weiss bereits jetzt von der Beredsamkeit auch des Unausgesprochenen. Sie schreibt vom Menschen, indem sie die Möglichkeiten seiner Existenz in den Bedingungen seiner gesellschaftlichen Wirklichkeit schildert. Die Fesseln dieser Wirklichkeit spiegeln sich als Wünsche in den Augen von Schochs Figuren. Während sie nach Freiheit trachten, wissen sie, dass diese die Voraussetzung, aber nicht alleiniger Garant ist für das menschliche Glück.

Deutsch lernen von Mainzelmännern

Von einer Existenz im Dazwischen weiss auch Sonja, die so quirlige wie amüsant unerschrockene Erzählerin in Schwerdtfegers Roman «Café Saratoga», zu berichten. Denn immer schon scheinen sie und ihre ältere Schwester Majka gezwungen gewesen, sich zu entscheiden: entweder/oder. Entweder Parteinahme für ihren Vater Tata oder Solidarität mit ihrer Mutter Lilka; entweder das Leben auf der polnischen Halbinsel Hel oder der Neuanfang im gelobten (Deutsch-)Land namens Bundes, das wenige Jahre später der Wiedervereinigung anheimfallen wird … Und nicht zuletzt die Anstrengung, sich von einem Kind in eine Frau zu verwandeln.
Trickreich beginnt der Roman mit einem Ende, das ein Neuanfang ist: Denn Sonja ist gerade dabei, mit ihrer kränkelnden Mutter und ihrer besten Freundin Jane die Grenze zu überschreiten und zurückzukehren von Bundes nach Hel, in jenes Land ihrer Sehnsucht, das einst der Mittelpunkt im Kosmos ihrer Kindheit war. Hel, das waren die Sommermonate, «perfekte Tage», Wasser und Sonne, Ausflüge in die Umgebung. Vor allem aber war Hel geprägt durch die Umtriebe im Café Saratoga, das Tata von der – als Nazihure verschrienen – Tante Apolonia erworben hatte. Tata hofft, «Biznes» zu machen: Geld einzutreiben – für den Grenzübertritt nach Bundes, den Übergang in ein besseres Leben: «die nächsthöhere Dimension». Erst einmal aber spielt das Leben im Café: Die Kellnerinnen in hochhackigen Schuhen kommen und gehen wie Eintagsfliegen, und die Mädchen staunen über die Gespräche der Erwachsenen, die wie Bocian – der ungestüme «Rock ’n’ Rocian» – Anzüglichkeiten austeilen oder aber auf Polen, Nazis und Kaschuben gleichermassen schimpfen. Gekonnt spielt Schwerdtfeger in ihrer kräftigen Figurenzeichnung auch mit den Klischees polnischer und deutscher Mentalität: Tata ist ein Prachtexemplar jener barbarisch grundierten Lebensfröhlichkeit, wie man sie sich gemeinhin vorstellt in der Verbindung von Bauernschläue und bacchantischer Vitalität. Nichts ist ihm so heilig wie der Leib und die Liebe, und darin ist er so stürmisch wie rücksichtslos; seine Frau nennt er «kosmische Sekretärin», die Scheidung ignoriert er geflissentlich, und kaum kann er erwarten, dass seine Töchter Frauen werden. Denn «wenn die Drüsen deiner Kinder reifen, breitet sich dein Same aus». Kurz: ein charmanter Eroberer, dem sich auch die Lesenden nicht erwehren können. Und so unverblümt, wie die heranwachsende Sonja von der Sexualität erzählt, flicht Schwerdtfeger auch Versatzstücke der deutsch-polnischen Geschichte ganz wie nebenbei ein, die sich unter dem Blick des jungen Mädchens ins Anekdotische verkehren und doch unüberhörbar den Basso continuo des Romans abgeben.
Es ist dieser vermeintlich unschuldige, doch entlarvende Blick des Kindes, der als Tonfall besticht, begleitet von Schwerdtfegers Gabe zur Beobachtung des grossen Ganzen im Reflex des Kleinen, Alltäglichen. Der Humor der Heranwachsenden wird zum Brennglas, mit dem die Autorin die Welt befragt und das Wesen der Dinge herausdestilliert. Wie Alice hinter den Spiegeln enthüllen sich Sonja daher auch die Eigenheiten jener fremden Welt namens Bundes, in die der Vater die Familie eines Tages endgültig mit sich nimmt. «Fluchttiere», die sie nunmehr sind, verleiht ihnen der Aussenseiterblick die Macht der Tragikomik: Deutsch lernen sie von den Schlümpfen und vom «Mainzelmännchengesang», Basteln und Gruppengespräche scheinen der Inbegriff des Deutschen. Das Ankommen bleibt ebenso aus, wie die Erinnerung an Hel immer ferner rückt. Die Mutter liegt nur noch im Bett, Majka verkriecht sich im Haus, und auch Sonja ist erst wieder im Hier und Jetzt, als sie der so spontanen wie neugierigen Jane begegnet, die Sonja mit ihren vielen Fragen die Gegenwart – und die Vergangenheit – zurückgibt. Doch unaufhörlich zerfällt der Familienkosmos im neuen Land. Majka beschliesst, nie mehr zu lieben, um nie mehr zu verlieren; Tata gründet eine neue Familie; die Mutter sehnt sich nach dem einstmals verhassten Hel. Bewusst lässt Schwerdtfeger es offen, ob Tatas Lebenstraum für lächerlich zu erklären ist, als sich dann auch noch im Jahre 1989 die Grenzen öffnen. Was ist verloren, was ist gewonnen? Verlust jedenfalls – davon erzählt Schwerdtfeger so leichtfüssig wie tiefsinnig – scheint das schmerzliche Signum der Freiheit: jenes Rechts, aber auch der Pflicht, sich zu entscheiden. Sonja wird sich für die Sehnsucht nach ihrer Heimat entscheiden. Sie packt ihre Koffer, ihre Mutter, Jane und sich ins Auto und fährt gen Hel. Es ist ein Grenzübertritt im wahrsten Sinne des Wortes: ins Land der Erwachsenen, aber auch in das Land der Liebe, des Frauseins. Das nämlich wartet an der Grenze auf sie, in der Figur jenes Lastwagenfahrers, dem sie sich in einer kurzen Rast hingeben wird.

Weltpolitik und Liebeshandel

Polen, aber auch der Balkan, Wien und Leipzig – dies sind die geografischen Pfeiler des so düsteren wie rauschhaften ersten Romans «Adler und Engel» der ebenfalls 1974 geborenen Juli Zeh. Er ist ein Trip in die Hölle des Menschen(un)möglichen, der nicht nur von bedingungsloser, an die Grenze der persönlichen Auflösung gehender Liebe erzählt. Wovon er vor allem zu erzählen weiss, sind die schmutzig-kalten Politgeschäfte, die der Westen im Namen des Friedens mit jenem Projektionsfeld namens «Osten» zu betreiben weiss, indem er dies Territorium als Müllhalde der eigenen Staatssicherheit aufrechterhält. Und er zeigt, wie eng sich die Schlinge des Politischen um den Hals des Einzelnen legen kann, wähnt er sein privates Leben noch so fern von dessen Geschichte.
Auch Max, Zehs Erzähler, wird schmerzhaft eines Besseren belehrt. Nunmehr Anwalt in der Wiener Kanzlei von Rufus, einem «Spezialisten im Europäischen und Internationalen Recht», hatte Max vor zwölf Jahren einen Trip als Drogenkurier nach Italien absolviert: gemeinsam mit Jessie und Shershah, die er beide aus seiner Zeit im Internat kannte. Und nun steht Jessie vor seiner Tür und bittet ihn um Hilfe, da sie glaubt, verfolgt zu werden. Für Max wird sein Ja zu einem Übergang in eine Welt voller Abgründe, in der alle Gewissheiten enden. Denn Jessie wird sich erschiessen in jener Wohnung in Leipzig, wohin Max versetzt worden ist in Fragen der EU-Osterweiterung. Ihr Tod zwingt Max, zurückzukehren in ihre Welt, zurückzukehren auch nach Wien, wo alles seinen Anfang nahm. Denn hier erhielten sie einst auch ihre Ware von Jessies Vater Herbert, einem der wichtigsten Dealer in ganz Europa. Und nach und nach kommt Max in Wien mithilfe der jungen Radiomoderatorin Clara, die seine Geschichte auf Tonband aufzeichnet, der Wahrheit auf die Spur und ahnt, wie eng sich Recht und Unrecht, hehre Politik und menschenverachtendes Geschäft verzahnen. Denn Herbert erweist sich als Lieferant für jenen Drogenschmuggel im Balkan, in dem bosnische Kriegsgefangene zur Finanzierung des Krieges als Kuriere abgerichtet werden. «Drugs for Guns» lautet die Devise. Max erkennt, dass auch er seinen Job bei Rufus allein Herbert verdankt und in Leipzig zu nichts anderem diente als der Vorbereitung neuer Drogenrouten – nach Polen. Gekonnt flicht Zeh Weltpolitik und Liebeshandel, das Grauen und die Hingabe in ihrem so opulenten wie halluzinogenen Roman.

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Adler und Engel von Juli Zeh, 2001, Schöfling3.)

Adler und Engel.
Roman von Juli Zeh (2001, Schöffling).
Besprechung von Matthias Kehle:

Adler und Engel

Jungautoren sind gefragt wie nie zuvor, vor allem Autorinnen, und so gab es eine Weile eine Schwemme von "Girlie-Literatur". Der Debutroman der 27-jährigen Juli Zeh fällt aus dem Rahmen der unbeschwerten Erstlinge junger Frauen, denn es ist ein monumentaler, sinnlicher und poetischer Roman, so düster und irritierend er auch ist.
Max - Mitte 30 - wartet auf den Tod: Er versucht mittels Drogen und Alkohol seinen Körper zu ruinieren. Aus Langeweile ruft er bei einer Radiosendung an, deren Moderatorin Clara Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten sucht. Max kommt auf Sendung, und kurz darauf steht Clara vor seiner Tür, denn der ehemalige Starjurist hat eine Menge zu erzählen. Die abgebrühte Psychologiestudentin und Moderatorin nimmt Max als Studienobjekt und zeichnet seine Geschichte auf, die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Freundin sich erschossen hat, während sie mit ihm telefonierte. Jessie war die Tochter eines mächtigen Drogenbosses, der im Bosnienkrieg seine Geschäfte machte und mit Max' ehemaligem Chef Rufus befreundet war. Dieser wiederum arbeitet in Wien für die UNO Resolutionen und Verträge aus, steuerte unter anderem den Balkankrieg und die Drogengeschäfte, ohne dass sein Angestellter Max wusste, dass er selbst an den Strängen der Weltpolitik zieht.
Juli Zeh hat Europa- und Völkerrecht studiert und sich einen gewaltigen Stoff gewählt. Völkermord, Vergewaltigung, Drogengeschäfte - daran zerbrechen Jessie und Max, und Clara zeichnet die Geschichte auf. Spannend und detailreich erzählt Juli Zeh die haarsträubende Geschichte, so detailreich, dass man geneigt ist zu glauben, sie wolle damit den Wahrheitsgehalt ihres Stoffes unterstreichen. So bestand Max seine Aufnahmeprüfung bei Rufus, weil er wusste, warum die deutsche Politik in vielen Fragen den Interessen Ghanas nahe steht: "Das liegt an der alphabetischen Sitzordnung in Versammlungen und Arbeitsgruppen der internationalen Organisationen... Germany sitzt immer neben Ghana..., so dass die Delegierten sich persönlich kennen. Sie leihen sich gegenseitig Stifte aus und bringen einander Kaffee."
"Adler und Engel" ist ein irritierendes Mosaik aus Anti-Beziehungsgeschichten, das ein beschädigtes Europa der Gegenwart zeigt. Der dickleibige Krimi birgt einen Abgrund neben dem nächsten, jeder nutzt den anderen für seine Interessen aus, für Mitleid oder gar Menschlichkeit findet sich kaum Platz.

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