Adam Haberberg von Yasmina Reza, 2005, HanserAdam Haberberg.
Roman von Yasmina Reza (2005, Hanser - Übertragung Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel).
Besprechung von Inge Rauh aus den Nürnberger Nachrichten vom 1.04.2005:

Panisch, einsam und in totaler Wut
Porträt eines Zeitgenossen: „Adam Haberberg“ von Erfolgsautorin Yasmina Reza

Könnte sein, dass Adam Haberberg ein egomanischer Flaneur ist, ohne Ziel, ohne Aufgabe, ohne Antrieb. Er lebt von der Einbildung, als Schriftsteller nur noch nicht entdeckt zu sein. Er gondelt durch den Tag, auch die Rolle des Hausmanns, verheiratet mit einer erfolgreichen Ingenieurin, missfällt ihm. Per Handy fragt er daheim nach, was die beiden Kinder in der Obhut ihrer Babysitterin treiben. Überhaupt das Handy: Selbst bedeutungsloseste Gespräche lenken ab.

Wer kennt das nicht, dieses absolute Blabla. Wo bist du, ich bin da, ja ganz prima, dann bis später. So ähnlich verfährt Haberberg, ein ausgebrannter Mann. Yasmina Reza, eine der meistgespielten Dramatikerinnen der Gegenwart, hat dieser Figur alles mitgegeben, was den modernen Menschen innerlich quält. Als Autorin ist die 47-jährige Französin Minimalistin, dadurch wurde sie berühmt. Sie arbeitet mit halben Sätzen, Andeutungen, Banalitäten, befasst sich akribisch mit Kleinigkeiten, die auf die Abgründe schließen lassen.

Die Kunst der „Kunst“

Yasmina Rezas Kunst besteht in der Reduktion, im Weglassen des großen Sujets. Ihre Komödie „Kunst“, in 36 Sprachen übersetzt, eroberte den Boulevard durch scheinbare Nichtigkeiten, die sich im Getue des aufgeklärten Zeitgenossen gut bemänteln lassen. Mit hingeworfenen Floskeln, die besagen, dass man mitreden kann. So etwas ist aber dem Adam Haberberg verhasst, er entzieht sich, wo er nur kann. Reza nimmt sich seiner in einer ernüchternden Weise an, in ihm stauen sich viele unausgesprochene Wahrheiten, der niemand - auch er nicht - gern zur Kenntnis nimmt.

Konstruiert wird eine kleine, zufällige Begegnung mit einer alten Bekannten. Marie-Thérèse und Adam gingen in dieselbe Klasse, nun taucht sie aus einem Andenkenladen auf und setzt sich neben ihm auf eine Bank. Man plaudert über dies und das, entsetzlich belanglos, und so teilt Autorin Reza es auch ohne die geringste Verzierung mit. Der Wiedererkennungseffekt ist groß. Aus der Sicht des zermürbten Titelhelden entwickelt sich ein halb vertrauliches, für ihn zunehmend peinigendes Tête à Tête, dem er sich aber widerstandslos ausliefert. Marie-Thérèse lädt den früheren Schulfreund zu sich nach Hause ein, macht ein Abendessen, er schaut sich abfällig in ihrer Wohnung um.

Haberbergs Reflexionen treffen auf Gesprächsfetzen, die Yasmina Reza einfach dazwischenfügt. So macht sie auf radikale Diskrepanzen aufmerksam und setzt Gedankengänge ihres Protagonisten frei. Was ein Mann so nie aussprechen würde und auch dem Therapeuten nie verriete, enthüllt die Figur des Haberberg. Die Schrecklichkeiten seiner Ehe, die schmerzhaften Kriege, die da geführt werden, die Verletzungen, die man sich zugefügt hat, bis jede Lust verging.

Vielleicht hat der Mensch ja dann bloß noch die Wahl, sich im Unglück einzurichten oder durch ein weiteres Unglück eine Art Katharsis zu erfahren. Haberberg leidet an einer Sehstörung des linken Auges, unvermittelt überfällt ihn die Angst, während er den Annäherungsversuchen von Marie-Thérèse ausweicht. Die Lage scheint absurd und komisch, und mit einer gewissen Gnadenlosigkeit spinnt Yasmina Reza das Rencontre fort. Es führt in die Jugend und gibt in idiotischen Erinnerungen viele Lächerlichkeiten preis; es provoziert und beschleunigt einen Entlarvungsprozess, der in totaler Wut endet.

Haberberg packt plötzlich eine unglaubliche Arroganz, die - sofern man ihm gefühlsmäßig folgen kann - sehr nachvollziehbar wird. Ein Mann auf der Flucht vor sich und den anderen möchte sich den Anmaßungen seiner Umgebung nicht aussetzen. Ob er dabei auch die eigenen Unfähigkeiten zu entdecken lernt, lässt Yasmina Reza raffiniert offen. Für ihren panischen Helden bewahrt sie ein paar launige Zynismen auf, die der Wahrheit oder dem, was man dafür hält, sehr nahe kommen könnten. Könnten. Hier herrscht der Konjunktiv! Ein bissiges Vergnügen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten