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A Coney Island of the Mind/Ein Coney Island des Bewusstseins.
Gedichte von Lawrence Ferlinghetti (2001, Stadtlichter Presse, zweisprachig - Übertragung Alexander Schmitz).
Besprechung von Stefana Sabin in Neue Zürcher Zeitung vom 14.07.2005:

Die Gegenwart ist ein Zufallsereignis
Prosaische Verse, jazziger Rhythmus – Gedichte von Lawrence Ferlinghetti

Die Beat-Generation gehört zu den legendären Gruppen in der amerikanischen Kulturgeschichte: In Dichtung, Musik und Kunst artikulierte sie das Unbehagen an der selbstzufriedenen Borniertheit einer Gesellschaft, die sich im Wohlstand eingerichtet hatte. Zugleich aber markierte die Beat-Generation die Verlagerung des kulturellen Zentrums von der Ost- an die Westküste. Denn im Kielwasser der San-Francisco-Renaissance um Kenneth Rexroth kamen in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts Dichter und Künstler in die nordkalifornische Stadt, und indem sie ihre Ateliers öffneten und ihre Gedichte öffentlich vortrugen, versuchten sie ein breites Publikum jenseits des Bildungsbürgertums zu erreichen. Tatsächlich wurde die Beat-Generation zu einer populären Bewegung, deren Treffpunkt nicht zufällig ein Buchladen war, der nur Taschenbücher verkaufte: der «City Lights Bookstore». Der Laden, der 1955 von Lawrence Ferlinghetti gegründet und nach dem Filmtitel von Charlie Chaplin benannt worden war, existiert noch immer, ein inzwischen heiliger Ort amerikanischer Literaturgeschichte! Ferlinghetti, 1919 in New York geboren, hatte als Soldat im Zweiten Weltkrieg zu den Truppen gehört, die Paris befreit hatten, und war kurz danach als Student nach Paris zurückgekehrt, wo er an der Sorbonne mit einer Studie über die Symbolik der Grossstadt in der modernen Lyrik einen Doktortitel erwarb – mit dem «City Lights Bookstore» und der Taschenbuchreihe «Pocket Poets» wurde er selber Teil einer Grossstadt-Tradition der modernen Lyrik.

Im Schatten der Weggefährten

Mit der «Pocket Poets Series» wollte Ferlinghetti dem Publikum eine unkonventionelle, subversive Lyrik zugänglich machen. Schon der vierte Band dieser Reihe, Allen Ginsbergs Gedicht «Howl», wurde bei seinem Erscheinen 1956 unter dem Vorwurf der Obszönität beschlagnahmt und erst nach einem aufsehenerregenden Prozess freigegeben – der kleine schwarzweisse Band hat sich als Longseller etabliert und wird bis heute nachgedruckt. Daneben wurde Ferlinghettis eigener Gedichtband «A Coney Island of the Mind» von 1958 ein anhaltender Erfolg; vierzig Jahre später knüpfte Ferlinghetti an den verbrämt autobiografischen Gestus dieser Gedichte an und deklarierte den Band «A Far Rockaway of the Heart» 1997 als Fortsetzung. Die Titel weisen auf die Gegend hin, wo Ferlinghetti aufgewachsen ist: Coney Island ist der Rummelplatz von New York, und Far Rockaway ist eine New Yorker Vorstadt am atlantischen Strand. Aber die lokale Verankerung fungiert nur als Ausgangspunkt für die gesellschaftskritische Haltung, die ins Allgemeingültige zielt.

Im deutschsprachigen Raum ist Ferlinghetti, anders als seine Beat-Kollegen Allen Ginsberg, Jack Kerouac oder Richard Brautigan, wenig bekannt. Erst 2001 erschien eine zweisprachige Ausgabe von «A Coney Island of the Mind / Ein Coney Island des Bewusstseins». In seiner Übertragung vollzog Alexander Schmitz eine sprachliche Gratwanderung zwischen Wiedergabe und Nachahmung, versuchte die literarischen und zeitpolitischen Anspielungen in Anmerkungen aufzulösen und die literaturhistorische Bedeutung Ferlinghettis in seinem Nachwort nachvollziehbar zu machen. Jetzt sind Ferlinghettis beide Gedichtzyklen in einem Band zusammengefasst und in der Übersetzung von Klaus Berr ohne jeden Kommentar erschienen. Da Ferlinghettis Gedichte Prosagedichte sind, unterliegt die Übersetzung weniger formalen, aber umso mehr inhaltlichen Zwängen: Die semantische Ladung der Sprachbilder versucht Schmitz durch eine poetischere Wortwahl und Berr durch eine saloppere Ausdrucksweise zu vermitteln.

Ferlinghettis freie Verse, die aus langen, aber parataktischen Sätzen bestehen, wollen einen jazzähnlichen Rhythmus nachempfinden, und der Verdruss über den Konsumismus der Wohlstandsgesellschaft findet zu einer umgangssprachlichen Diktion. «The poet», heisst es schon zu Beginn von «Coney Island», «like an acrobat climbs on rime to a high wire of his own making» – der Dichter, übersetzt Berr, ist «wie ein Akrobat / er klettert auf Reimen / zu einem selbstgemachten Drahtseil». Die Gefährdung des Dichters reflektiert zurück auf eine Gesellschaft, in der das Individuum zugunsten des Kollektivs ignoriert wird. Ferlinghetti beschreibt «gepeinigte Bürger in lackierten Wagen» und beklagt eine Welt, die «vorbeirast in einem Geschwätz aus Verspätung und Asphalt». Immer wieder geht die Darstellung einer Alltagsszenerie ins Surrealistische über, wird eine private Befindlichkeit auf die Realität übertragen oder die Erinnerung als Gegengewicht zur Gegenwart nostalgisch beschworen. «Die Gegenwart ist ein Zufallsereignis», heisst es in einem späten Gedicht, «das sich unendlich / in die Zukunft erstreckt / Und zu ihr wird / Die Gegenwart ist ein Stück Zeit.»

Mit Walt Whitman teilt Ferlinghetti den Glauben an den gegenwärtigen Augenblick und an die Erneuerungskraft des Visionären, aber als Beat-Poet leiht er der eigenen Erfahrung Allgemeingültigkeit und klagt die Gesellschaft an, die Anpassung statt individueller Verwirklichung fordert. Dabei ist der Protest empathisch abgemildert – Ferlinghetti pflegt weder die provokative Übertreibung von Ginsberg noch die anarchische Wut von Kerouac, sondern kombiniert sozialkritische mit autobiografischen Momenten zu einer Alltagslyrik, die von einer pessimistischen Weltsicht geprägt ist. Aber diesem Pessimismus haftet eine gewisse Naivität an, die durch die ungelenke Mischung aus literarischen Zitaten, umgangssprachlichen Ausdrücken und lyrischen Bildern noch verstärkt wird.

Folklore statt Literatur

An der Sprache, die besonders veraltet wirkt, mehr noch als am programmatischen Ernst liegt es, wenn weder die Sozialkritik noch die lyrische Invokation greifen – vielleicht deshalb wirken die Übersetzungen frischer als das Original! Anders als die Popmusik oder die Malerei der fünfziger und sechziger Jahre, die immer noch das Lebensgefühl der Bohème heraufzubeschwören vermögen, hat die Literatur der Beat-Generation ihre Aktualität und Suggestivkraft verloren. Ihren Poeten ist es nicht gelungen, die Authentizität des Augenblicks in eine dauerhafte sprachästhetische Form zu fassen und aus der Stimmung ihrer Zeit eine zeitlose (Protest-)Haltung zu formulieren. Ihre sozialkritische Energie erschöpft sich in sprachlichem Manierismus, und ihre kulturpolitische Empörung transzendiert nicht die Banalität der Bilder. Ferlinghetti wollte die Lyrik zu ihren orphischen Ursprüngen zurückführen und sie von den gattungsspezifischen Formzwängen befreien; er wollte seine Gedichte als mündliche Literatur verstanden wissen – heute erscheinen sie eher als Teil der amerikanischen Folklore denn als Teil der amerikanischen Literatur.

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2.)

A Coney Island of the Mind/Ein Coney Island des Bewusstseins.
Gedichte von Lawrence Ferlinghetti (2001, Stadtlichter Presse, zweisprachig - Übertragung Alexander Schmitz)
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 28.07.2005:

Ekstasen, Urgeräusche
Lawrence Ferlinghetti, einer der Vater der Beat Generation, in einer wunderschönen Gedichtausgabe

Das Zitat, mit dem der Luchterhand Literaturverlag für den Gedichtband von Lawrence Ferlinghetti wirbt, ist ebenso zutreffend wie irreführend: "Fuck Art, Let's Dance!" vermittelt einen guten Eindruck von der unbekümmerten, auch provokanten Frische dieser Verse, ihrem mitreißenden Rhythmus, suggeriert aber gleichzeitig eine Kunst-Ferne (wo nicht gar -Feindschaft), die nichts von der hohen ästhetischen Qualität dieser Wortkaskaden auch nur ahnen lässt. Ferlinghettis graziöse Gebilde sind durchtränkt von Kunstkenntnis und -bewusstsein, werden aber von dem in ihnen steckenden kulturellen Reichtum an keiner Stelle beschwert: Sie bleiben in jeder Wendung leicht und tänzerisch frei.

"Lass dieses Pferd nicht / diese Violine fressen / rief Chagalls Mutter / Aber er / malte einfach / immer weiter / und wurde berühmt", heißt es in A Coney Island of the Mind, einer Folge von 29 Gedichten, die in den USA seit ihrem ersten Erscheinen mehr als eine halbe Million Käufer fand und ihrem Verfasser zu Weltruhm verhalf. Zum Glück schrieb auch Ferlinghetti immer weiter; fast vierzig Jahre nach seinem ersten großen Erfolg überraschte und beschenkte er seine Leser mit den Ergebnissen eines "Poesieanfalls", den hundert Gedichten des Bandes A Far Rockaway of the Heart. Beide Sammlungen, ergänzt um andere Arbeiten des Autors, enthält diese Auswahl.

Der 1919 in Yonkers im Staate New York geborene Ferlinghetti gilt als einer der Väter der "Beat-Generation", deren Bücher er in seiner 1951 gegründeten City Lights Press herausbrachte (die Veröffentlichung von Allen Ginsberg Howl trug ihm 1956 einen spektakulären Zensurprozess ein). Anders als die von ihm geförderten Jungen Wilden der US-Literatur hat der Nachkomme französischer, portugiesischer und italienischer Einwanderer, der Teile seiner Kindheit in Frankreich verbracht und später an der Sorbonne studiert hat, immer den Kontakt zur europäischen Kunst und Literatur gepflegt; promoviert hat er über Jacques Prévert, dessen Gedichte er auch übersetzt hat.

Die Sprache, ein Instrument

Anklänge an Préverts zu Teilen surreal gefärbten Chanson-Ton gibt es auch in Ferlinghettis eigenen Gedichten, die Musikalität des Amerikaners ist freilich deutlich vom Jazz geprägt. Eine Reihe von Texten hat er explizit für Lesungen mit Jazzbegleitung geschrieben und möchte sie als oral messages verstanden wissen, was den - vorzüglichen - Übersetzer Klaus Berr dazu veranlasst hat, diese Beispiele gesprochener Poesie nicht ins Deutsche zu übertragen. Die Begründung, die er dafür gibt, überzeugt nur zu Teilen: Klaus Reichert hat 1961 (für eine von Gregory Corso und Walter Höllerer herausgegebene Anthologie) eine durchaus adäquate deutsche Fassung des rhythmisch pulsierenden Gedichts über einen dahin trottenden Hund vorgelegt… Aber der des Englischen (halbwegs) kundige Leser findet hier immerhin sieben Originaltexte.

Auch ohne musikalische Begleitung entwickelt Ferlinghettis Lyrik den drive eines Jazzkonzerts, in dem vielstimmig Themen vorgestellt, variiert und wiederholt werden. Der Autor spielt die Sprache wie ein Musiker sein Instrument, und er spielt mit ihr wie ein Kind mit einem Ball oder einem Kreisel. Er führt seine Leser durch eine Welt voller zauberischer Entdeckungen und Einfälle, in der wir etwa im Golden Gate Park jener Frau mit einer Weintraube begegnen, deren Beeren sie einzeln "verteilte / an verschiedene Eichhörnchen / als wäre jede / ein kleiner Witz", wohingegen andernorts "sechshundertdreiundvierzig Delegierte / einer Überbevölkerungskonferenz" zu erkennen sind, "die dem Papst den Rücken kehren / der sich weigert ein Kondom zu tragen" - Zeilen, denen der jüngste römische Frühling langwährende Aktualität verliehen hat. "Eine Grille irgendwo / zieht ihre Uhr auf", und Narziss trägt noch immer "einen kleinen Handspiegel bei sich / nur für den Fall dass es kein Wasser gäbe".

Ein wenig ähnelt der Verfasser Pablo Neruda, der ihm als "dieser chilenische Allesfresser der Poesie" gilt, der in seinen Canto General "alles hineinpacken / und nichts herausnehmen wollte". Einmal erteilt er sich selber den Ratschlag: "So miete ein Museum / und sieh dich selbst in Spiegeln - / In jedem Raum eine Ausstellung / einer anderen Phase deines Lebens / mit all deinen Gestalten und Gesichtern" - so ungefähr ist A Far Rockaway of the Heart aufgebaut, als Welt- und Erinnerungsreise durch die eigenen Gedanken und Gefühle, manchmal sprunghaft, manchmal meditativ. Adam, weiß Ferlinghetti, war sprachlos, als er seinen ersten Sonnenaufgang erlebte, den er nur mit einem "Urgeräusch der Ekstase" begrüßen konnte: "Und er hatte kein Wort dafür / bis er viel später biss / in den großen Apfel der Erkenntnis / mit seinen wundersamen / Wörterkernen". Ferlinghetti hat sie gesammelt und schon vor Jahrzehnten ausgesät. Nun tragen sie Früchte.

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