Achtzehn
Pasteten.
Gedichte von Jan
Wagner (2007, Berlin Verlag).
Besprechung von Christoph Pollmann aus dem titel-magazin,
2007:
So viele Himmel
Die NZZ schrieb: „Jan Wagner ist
bekannt für seine souffleeleichten Sonette und vertrackten Sestinen, er
beherrscht das Rantum, das wir zuletzt vielleicht bei Baudelaire
und Oskar Pastior
gelesen haben.“ Moment mal! Pantum, Sestine, Sonett? Da drängt sich doch der
Verdacht auf, es bei Jan Wagner mit einem zeitverirrten Schöngeist zu tun zu
haben, der verfallene Kirchtürme besteigt und lustvoll über die Körper alter
Glocken streift. Was soll da also schon herauskommen - außer Epigonentum? Und
vor allem, wen interessiert´s in einer Zeit, wo Poesie schon lange
basisdemokratisch auf Slams ausgefochten wird?
Aber dann kommt plötzlich alles ganz anders... Man
liest die ersten Worte, das erste Gedicht und fühlt sich nostalgisch berührt
von Bildinventar und Rhythmik, wird im Weitergehen allmählich der überzeitlichen
Dialogkraft der Gebilde immer stärker gewahr, um dann am Ende, nach dreimaliger
Wiederholung des Leseganges vielleicht, die zerbrechliche Reimkomposition zu
erkennen. Das eigentliche Wunder dieser Wortkunst – es beginnt jedes Gebilde
in poetischem Sinne zu schwingen, wird also neben Sinn- oder Bildträger auch
wieder ganz Klangkörper. Zunächst folgt man beim Lesen vielleicht der
„Story“, wie sie sich nicht selten anbietet, dann ergibt man sich dem
Rhythmus, dann erst den leisen Halbreimen, schließlich aber dem Gesamtklang.
Was daraus resultiert, ist die Komplettheit des Anerzählten, das Ganze als
Fragment, die Genauigkeit der Skizze. In diesem Sinne ist Jan Wagner also –
das wird er sicher nicht gerne hören – ein lyrischer Erzieher seiner
Generation. Und das nicht zuletzt deswegen, weil er immer zu sagen scheint: Seht
her, Kollegen, es sind so viele traditionelle Formen der Lyrik noch gar nicht in
all ihrer Tiefe ausgeschöpft. Warum sich also ins rein Experimentelle stürzen
(und dort eventuell verlieren?), wenn noch so viel ungenutztes Angebot vorhanden
ist, durch das wir in Dialog mit unseren Vorschreibern treten können?
Vom Geschmack der Worte
„Himmel“ ist Jan Wagners liebstes Wort, wie es scheint. Schon sein erster
Band – daran sei hier erinnert - trug den Titel Probebohrung im Himmel.
Und viele Himmel zieht er hier vor uns auf, wie ein Bühnenbild beinahe.
Angelika Overath
sagte, dass Wagners Gedichte im Buch der Welt lesen und es fortschreiben. Wagner
stellt sich demnach gerne, ja ganz selbstverständlich, in eine schreibende
Ahnenreihe. Und das kann ja nur der, der sich seine Ahnen auch einmal genauer
besehen hat.
Dabei ist Wagner aber nie ein Verwalter des erfochtenen Kulturgutes seiner
Vordichter, auch ist er kein Nachdichter im Sinne eines Epigonen. Jan Wagner
kostet die Worte vielmehr aus, als würde er sie das erste Mal hören, schreibt
die entzückte Overath weiter. Und das ist der Schlüssel! Es ist die
Begeisterung für das dichterisch schon Erstrittene, für die Bandbreite der Möglichkeiten,
die die Lyrik dem jungen Dichter bereitstellt. Und Wagner ist so gewitzt und
gebildet, sich der breitbrüstigen Pose des Fortfegens scheinbar überkommenen
Materials, die stets in so revolutionärer Attraktion daherkommt, einfach zu
enthalten.
Harald Hartung von der FAZ würdigte (allerdings etwas zu feuilletonesk in
Anspielung auf den Titel) Achtzehn Pasteten als "Musterbuch
sprachlicher Haute Cuisine" und vergisst dabei nicht, Wagner auch für
seine doch sehr "eigenständigen Kreationen" zu loben. Die Achtzehn
Pasteten waren übrigens ein Hochzeitsessen, das ein gewisser Sir William Penn
entsprechend der Zahl seiner Ehejahre auftragen ließ – was aber auch nur
soweit wichtig ist, als dass wir es hier mit Genuss in Form von Ehrung zu tun
haben, was man nach der Lektüre einiger Gedichte aber ohnehin längst ahnte.[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe
I Buchbestellung
1207 LYRIKwelt
- das LiteraturPortal im Internet! © titel-magazin