Achtung:Stufe.
Gedichte von Ewa Lipska (2005, Droschl - Übertragung Doreen Daume).
Besprechung von
czz in Neue Zürcher Zeitung vom 18.06.2005:

Lyrischer Entsafter

Dem Strom der Zeit gültige Momente abtrotzen: Dem alten und immer neuen Begehren der Poesie verschreibt sich die polnische Lyrikerin Ewa Lipska in der Sammlung «Achtung: Stufe». Am Wort ist ein empfindendes Ego, welches bangt, hasst, hofft und – erfreulich uncool – sehnend liebt. Ohne Scheu vor dem Profanen, frei von Berührungsängsten bei tradierten Bildern, erteilen Lipskas Kantilenen Einladungen zum Anempfinden. In Persiflage auf allfällige Anmutungen eines «weiblichen» Schreibens zieht Lipska technische Haushaltgeräte heran, um die unzeitgemässe Hoffnung auf die Absolutionskraft der Poesie zu formulieren: «Der leichtsinnige Entsafter / presst schüchterne Bekenntnisse aus.» Weit lässt die Übersetzerin Doreen Daume die freien Verse schwingen, zwinkert vielleicht unmerklich, wo die Sehnsucht der Autorin allzu gerne zum Horizont von Sonnenuntergängen schweift. Im Kontrast dazu steht Lipskas skeptisches Notat über die Ereignisse des 11. September als dezidierte Stellungnahme gegen die Goldschmieden der Ästhetisierung: «Juweliere werden sorgfältig die Fakten schleifen. / Die entsprechende Form. Der entsprechende Glanz. / Der präzise Schmuck der Katastrophe. // Natürlich werden sich alle in Druck begeben. // Und nur mein Schneider / mit dem ich / mittels Flachstich / leise spreche sagt / die Welt sei aufgetrennt.» Mit diesem «Leisesprechen» boykottiert Ewa Lipska das allseits bereite Gerede und erinnert an die melodische Melancholie von Billie Holidays Kurt-Weill-Interpretation: «Speak low when you speak, love / (. . .) Time is so old and love so brief.»

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