Achterbahn von Frido Mann, 2008, Rowohlt1.) - 2.)

Achterbahn.
Roman von Frido Mann (2008, Rowohlt).
Besprechung von Marlis Haase aus der NRZ vom 28.06.2008:

Im Schatten eines berühmten Manns

Echo, das Kind, ist der lieblichste und traurigste Eindruck, der einem Leser des großen Romans „Dr. Faustus" in Erinnerung bleibt. Thomas Mann hat diesen zauberhaften Jungen nicht frei erfunden: Frido, sein blondlockiges Enkelkind, Sohn von Michael, war das Vorbild. Der Dichter hat diesen Enkel sehr geliebt, und für Frido ist er eine der schönsten Erinnerungen an eine Kindheit, die ohne Großeltern äußerst einsam gewesen wäre.

Frido Mann hat nun seine Lebenserinnerungen geschrieben, für die der Titel „Achterbahn" noch untertrieben ist. Frido hat, wie viele Nachgeborene großer Dichter (man denke an Goethes einzigen Sohn August) seinen Lebensweg nur mit Mühe gefunden, mit Aus- und Umwegen, die schließlich bei einem Beruf endeten, der für die Familie Mann der einzig Mögliche zu sein scheint: Schriftsteller.

Er schreibt anders, weniger delikat

Allerdings haben Fridos Romane (Professor Parsifal, Brasa, Hexenkinder) nie das Maß an Aufmerksamkeit erreicht wie die seines Großvaters. Frido schreibt anders, schlichter, einfacher, manchmal simpel - und keineswegs mit jener delikaten Wortwahl, die seinen Großvater auszeichnete. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die mit den Romanen nicht gelang, schafft er nun mit seiner Autobiografie.

Aufgewachsen in Kalifornien, Land seiner lebenslangen Sehnsucht, kehrt Frido mit den Großeltern in die Schweiz zurück. Vater und Mutter sind mit ihren Ehestreitigkeiten und Karrieren beschäftigt, das Kind ist nicht besonders wichtig. Allerdings möchte der Vater, dass Frido Musiker wird. Der aber studiert katholische Theologie. Er heiratet eine Tochter Werner Heisenbergs, die er nur C. nennt, bekommt einen Sohn, lässt sich von C. scheiden, heiratet sie wieder.

Seelsorger in eigener Sache

Inzwischen wird er Psychotherapeut, betrachtet dies als eine Art säkularisierter Seelsorge. Er pendelt in die DDR und hält Vorlesungen – was ihm hier wie dort beträchtlichen Ärger einbringt –, richtet das Fach Gesprächspsychologie in Münster ein. Währenddessen nehmen seine Eltern einen kleinen Inder auf. Frido kümmert sich um krebskranke Kinder.

Schließlich siegt das Schreiben. Immerhin studiert Tabori sein Stück über Theresienstadt ein, Frido Mann wird ein Weltreisender in Sachen Kultur und „Weltethos" , reist nach Prag und Litauen, nach Brasilien und vermerkt mit fühlbarer Befriedigung, dass man ihn dort stärker würdigt als im Vaterland. Wie er auch im Prolog beschreibt, dass man bei einem Lübecker Thomas Mann-Festival den Enkel zu einem Vortrag einlädt und sonst nichts.

Enkel eines berühmten Manns – kein Kinderspiel. (NRZ)

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Achterbahn von Frido Mann, 2008, Rowohlt2.)

Achterbahn.
Roman von Frido Mann (2008, Rowohlt).
Besprechung von Andreas Röder im Münchner Merkur,11.8.2008:

Vom Teufel geholt

Mit „Achterbahn” legt Frido Mann eine Autobiografie vor, die jeden Kenner der Mann-Familie in ihren Bann zieht. Endlich etwas Neues aus dem Hause Mann, endlich ein Standpunkt und Blickwinkel, der so komplex ist, dass er das bloße biografische Interesse bei Weitem übersteigt.

Thomas Mann liebte seinen 1940 in Kalifornien geborenen Enkel abgöttisch. Aber die Tatsache, dass sein Großvater ihn als Nepomuk Schneidewein, genannt „Echo”, in „Doktor Faustus” konterfeite, empfand Frido zwar als „ehrenvoll” und doch zugleich als „verletzend”. Denn der vierjährige, im Roman als „Himmelsbote” apostrophierte Knabe wird „nach qualvoller Krankheit buchstäblich vom Teufel geholt”.

In Gesellschaft habe man ihn daraufhin mit „einem verwirrenden Gemisch aus Entsetzen, Mitleid, Bewunderung, Neid und Sensationslust” angegafft. Aber niemand aus dem engsten Familienkreis, nicht einmal die Großeltern, hatten mit dem verstörten Kind über dessen „doppeldeutige literarische Verewigung” gesprochen. Sein halbes Leben habe sich Frido Mann aufgrund dieser Ausgrenzung geweigert, die Werke seines „Opapa” zu lesen. Auf verschlungenen Wegen, mal raketengleich aufsteigend, mal haltlos in die Tiefe stürzend, erzählt „Achterbahn” davon, wie Frido Mann sehr spät, aber dafür umso intensiver zum geistigen Erbe seines Großvaters findet.

Exemplarisch auf diesem Lebensweg, ist eine Episode aus dem Juli 1967. Im Anschluss an die Besichtigung des Kölner Doms schrieb Frido Mann einen Brief an seine Schwiegereltern Elisabeth und Werner Heisenberg nach München. Darin schildert der Konvertit die Veränderungen des gotischen Raumgefüges beim Hören atonaler Orgelmusik: „Die innere erschaute Ordnung brach in sich zusammen (…) Die Spitzbögen waren nicht mehr ein Höhepunkt von nach oben verlaufenden Linien und Formen, sondern sie lagen irgendwo im Raum und vermittelten den Eindruck einer dramatischen Zuspitzung von irgendwelchen Linien an einem räumlich nicht mehr fixierbaren, nicht mehr gewussten Punkt...” Vollziehen sich nicht auch im „Doktor Faustus” die Katastrophe und der Zusammenbruch Adrian Leverkühns im Zuge der Berührung von atonaler Musik (Adorno/Schönberg) und altertümlicher Lebensform?

Noch mit 27 Jahren lebt der gebürtige US-Amerikaner und frisch examinierte Theologe sein „Echo-Schicksal”. Aber erst 2004, mit der Lektüre von Hans Küngs Aufsatz „Gefeiert - und auch gerechtfertigt? Thomas Mann und die Frage der Religion” erfährt der Enkel des bedeutendsten Vertreters der Mann-Dynastie, dass sein Großvater „vor dem Beginn seiner Arbeit am ‚Doktor Faustus’” erste Kontakte zur Unitarischen Kirche von Los Angeles aufgenommen hatte. Auch habe Thomas Mann - und nicht seine Eltern - erwirkt, dass alle vier Enkel in dieser nachreformatorischen Religionsgemeinschaft, die die Einheit Gottes betont, getauft werden. Über diese, „im strengen Sinn”, tief empfundene Religiosität seines Großvaters sei im Kreise der Familie nie etwas Bemerkenswertes geäußert worden, merkt Frido Mann dazu in „Achterbahn” an.

Jetzt endlich nach 60 Jahren kann Frido Mann fühlen, dass das Gebet „Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland”, mit dem die Erzählung des Serenus Zeitblom im „Doktor Faustus” endet, „etwas Neuartiges ausdrückt”.

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