1.) - 3.)
Ach
Glück.
Roman von Monika
Maron (2007, S.
Fischer).
Besprechung von Ute Schwarzwald in der WAZ
vom 22.8.2007:
Ein entkoppelter Zug
"Sie war vierundfünfzig, und das, glaubte
sie, war ein Alter, in dem Frauen in den Augen der Männer, auch ihrer Ehemänner,
aufhörten, Frauen zu sein."
Glaubte Johanna wirklich. Und hätte beinahe nicht einmal mehr dagegen
aufbegehrt. Bis sie Bredow traf, den Hund. Und Igor, den Russen. Oder war es
umgekehrt? Auf alle Fälle ist eher der Hund als der Russe schuld daran, dass
jetzt Frühling ist und sie unterwegs nach Mexiko. Sie, die noch nie allein in
einem Flugzeug saß.
"Ach Glück" nennt Monika Maron ihren neuen Roman. Ein herrlicher
Titel für ein traurig-trotziges Buch, das die Geschichte um die Berliner
Autorin Johanna und ihren Mann, die Maron in "Endmoränen" begann,
weiter erzählt.
Einmal mehr beweist Maron darin, dass sich gerade hinter einfachen, klaren Sätzen
oft Tiefsinniges verbirgt. Die 66-Jährige erzählt leise und leicht. Und sie
benötigt nicht viele Worte. Weil sie sie gut wählt. Ein Begriff wie
"Restzeit" etwa, für die Zeit, die der 54-jährigen Johanna noch
bleibt, ist schwer zu toppen. Marons zweite Stärke (die nur selten zur Schwäche
wird, wenn sie zu genau, beinahe pingelig wird) ist ihre exzellente
Beobachtungsgabe. Grandios (und witzig) beispielsweise: ihre Schilderung des
Kampfs um die Armlehnen im Flugzeug.
18 Stunden ist Johanna unterwegs von Berlin nach Mexiko-City, wo sie eine
russische Prinzessin treffen und einen Parkplatzwächter suchen will. 18
Stunden, die den Rahmen dieses Romans bilden. Um Leben im Schwebezustand geht
es: Was war, ist vorbei, was wird, noch ungewiss. Doch Johanna sehnt es herbei,
das Neue, das Unbekannte, wünscht sich nichts mehr, als aus der
"Endlosschleife albtraumhafter Wiederholungen", zu der ihr Leben
geworden war, auszubrechen.
Während sie in der Luft ist, bekommt auch ihr Mann Achim, der pedantische
Kleist-Experte, keinen Boden unter die Füße. Dass ihn seine Frau verlassen könnte:
Diese Furcht hatte er vor zehn Jahren ad acta gelegt. Denn er hielt "die Möglichkeit,
ein anderer Mann könnte in ihr die Verkörperung seiner Sehnsüchte erkennen, für
ziemlich gering." Doch nun ist Johanna weg. Und er nicht sicher, dass sie
zurückkommt. Schließlich hat sie eine warme Jacke mitgenommen, obwohl doch Frühling
ist in Mexiko . . .
Ziel- und rastlos also streift Achim durch die Stadt. Halt sucht er bei Tochter
Laura, denen die Eltern vorkommen "wie ein entkoppelter Zug", bei
Maren, seiner Ex-Geliebten und - ausgerechnet - Igor, dem Nebenbuhler. Endlich
weckt der Achims Eifersucht, obwohl er Johanna sowenig liebt wie sie ihn.
Über den Wolken analysiert Johanna derweil, an welcher Kreuzung ihres Lebens
sie falsch abbog. Und kommt zu dem (unnötig) larmoyanten Schluss, dass es nicht
einmal eine Kreuzung gab, an der sie sich hätte falsch entscheiden können. An
Achim hasst sie mittlerweile alles: die Art, wie er an seinem Schreibtisch sitzt
"mit dem Rücken zur Welt"; wie er einen Apfel in hauchdünne
Scheibchen schneidet, "die kaum noch zu schmecken" sind; wie er die
Jacke über die Schultern hängt ("seine italienische Pose"). Das
letzte große Gefühl, das sie mit ihm teilte, sei der Triumph über den Fall
der Berliner Mauer gewesen, sagt Johanna, die wie Maron in der DDR aufwuchs.
Diese Passage ist eine der wenigen, an der Maron auf das Thema zurückkommt, das
"Endmoränen" beherrschte.
Die fremde Welt, in die Johanna damals aufzubrechen hatte, war der Westen. Sie
hat ihn gemeistert, diesen ersten Schritt. Nun wagt sie den zweiten. Wieder
wartet eine fremde Welt auf sie. Wenngleich diese wohl weniger in Südamerika,
denn in ihr selbst liegt. Das erste jedenfalls, was Johanna sieht, als sie
landet, ist das Wort "Exit".
Ob man dieses Buch lesen muss? Nein, vielleicht nicht. Aber womöglich hilft's.
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2.)
Ach
Glück.
Roman von Monika
Maron (2007, S.
Fischer).
Besprechung von Inge Rauh in den Nürnberger
Nachrichten vom 12.09.2007:
Ein Hund namens Bredow verändert das Leben
Melancholisch und komisch: «Ach Glück» von Monika Maron über die zerfallende
Beziehung eines Ehepaars
Von der lautlosen
Beziehungskrise eines Ehepaars im fortgeschrittenen Alter handelt Monika Marons
melancholischer Roman «Ach Glück». Er nimmt den Faden ihrer Geschichte aus «Endmoränen»
(2002) wieder auf.
Ach Glück. Das klingt mehr nach Seufzer als nach Jubel. Und selbst der Seufzer
gilt womöglich nur dem Hund Bredow, den Monika Marons Protagonistin Johanna
eines Tages ausgesetzt an einer Autobahnausfahrt fand. Seitdem ist im Berliner
Haushalt der freischaffenden Verfasserin von Biografien nichts mehr wie vorher.
Ehemann Achim, schon in DDR-Zeiten ein stiller Kleist-Forscher, erfährt nur
mehr geringe Beachtung. Die Gattin entdeckt ihre Beschützerinstinkte und ihre
fortgesetzte Sympathie für den russischen Galeristen Igor.
Unaufgeregt und mit feinem Sinn für tragikomische Töne schildert Maron den
fortschreitenden Verfall einer engen ehelichen Beziehung. Die Entfremdung wird
nur in Nebensächlichkeiten spürbar, und es ist der Mann, dessen Gefühle hier
zur Disposition stehen. Er fragt sich ratlos, was in Johanna gefahren ist, die
plötzlich eine Stelle in Igors Galerie annimmt und dort auf dessen alte
Freundin Natalia Timofejwna stößt. Die wiederum forscht in ihrer eigenen
Vergangenheit und reiste nach Mexiko.
Dorthin folgt ihr Johanna nach schönen, geistreichen Briefwechseln, die Monika
Maron kunstvoll gestaltet und somit einen bewusst altmodischen Touch in ihr
verzweigtes Drama bringt. Es ist – im Wortsinn – auf der einen Seite sehr
bodenständig und auf der anderen Seite ganz abgehoben. Im Parallelschnitt kann
man verfolgen, wie Achim und Johanna auseinanderdriften – sie im Flieger, er
an vertrautem Ort. Eingeblendet sind vor allem Achims Erinnerungen an frühere
Zeiten, an seinen Ehebruch und die schwierige Versöhnung, an ihr beschauliches
Leben mit Tochter Laura, die längst selbstständig ist.
Während nun Johanna im Flugzeug nach Mexiko sitzt, fährt ihr Mann ein bisschen
ziellos und ein bisschen einsam durch Berlin. Er war beim rituellen Abendessen
seines Chefs Professor Kreihuber. Listig und mit ironischen Seitenhieben erzählt
Maron von einer eitlen Gesprächsrunde der Geisteswissenschaftler, in der Achim
immer besonders leidet. Nach der Abreise seiner Frau hat er im Café Einstein
gefrühstückt, ist später zum Kleist-Grab gefahren und besuchte leicht
verzweifelt Tochter Laura. Plötzlich wird ihm der eigene Schreibtisch daheim
fremd. Interessanterweise haben diese männlichen Perspektiven im Buch mehr Schärfe
als die Sicht Johannas, die noch mal was Neues ausprobieren will in ihren Fünfzigern.
Den Aufbruch verdankt sie dem Zufallshund Bredow, der ihr
einfach aus unerschöpflicher Liebe und Anhänglichkeit folgt. So jedenfalls
erklärt sie sich die unverhofften Veränderungen in einem eingefahrenen Leben,
von dem man sich mit der Zeit nicht mehr viel erhoffte. Die Roman-Johanna
befindet sich da vielleicht im Einklang mit ihrer Erfinderin: «Ach Glück» hat
die Widmung «Für B».
Und wo bleibt nun das Glück? In einer Unterhaltung zwischen Igor und Achim sagt
der Russe, ihm fehle der Ehrgeiz und das Talent, «das Glück eines anderen zu
sein». Resignation schwingt mit und das Gefühl von etwas Unabänderlichem. Aber
in dem Moment, da Johanna in Mexiko City landet, könnte sich das Schicksal doch
noch wenden. Unter den Wartenden entdeckt sie den roten Hut der Natalia
Timfojewna, womit Marons Geschichte endet. Oder nicht? Es sieht nach Fortsetzung
aus.
Die komplette Besprechung von
Inge Rauh mit Abb. finden Sie unter ![]()
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3.)
Ach
Glück.
Roman von Monika
Maron (2007, S.
Fischer).
Besprechung von Daniela
Strigl in Der Standard, Wien vom
17.11.2007:
Zu Tode verehrt
Monika Maron erzählt in ihrem neuen Roman
die Geschichte eines Paares und einer Krise nach der Krise
Monika Maron erzählt in Ach Glück eine mögliche Fortsetzung ihres vortrefflichen Romans Endmoränen (2002), es geht quasi um die Krise nach der Krise, die Eheleute Johanna und Achim haben sich noch ein bisschen weiter voneinander entfernt, er, der Kleist-Spezialist, und sie, die Expertin für historische Biografien, haben mit dem Arbeiter- und Bauernstaat, der über Nacht "als lächerliche Missgestalt von der Weltbühne gejagt" worden war, den gemeinsamen Feind verloren.
Johanna, die in dieser Beziehung zur zentrifugalen Kraft wird, hält den Triumph darüber für das "letzte große Gefühl", das sie miteinander geteilt hätten. Und was sie an ihrem Gatten - "ein moderner Kentaur, halb Schreibtisch, halb Mann" - früher als eine Form des Widerstands geschätzt hat, die Fähigkeit, der Welt den Rücken zuzukehren, das empfindet sie jetzt als zutiefst kränkende Vernachlässigung.
In einem solchen Stadium der Zerrüttung wird auch das Unschuldigste zum Ärgernis, auf das die Genervte allergisch reagiert. Zum Beispiel Achims Marotte, seine Schinkenbrote mit den Jahren in immer kleinere Quadrate zu zerschneiden, seine Äpfel in immer dünnere Scheiben zu zerschnipseln - Johanna ist so weit, das als "Berufskrankheit" zu interpretieren: "Schließlich verfuhr er mit dem Prinzen von Homburg oder Penthesilea nicht anders als mit dem Schinkenbrot und dem Apfel. Alles wurde in seine kleinsten Teile zerlegt, in Szenen, Sätze, Wörter, Silben, Buchstaben, (...) bis das Werk enthäutet, ausgeblutet und skelettiert unter dem Halogenkegel auf seinem Schreibtisch lag, zu Tode verehrt von Doktor Achim Märtin."
Vermutlich ist dieser Roman das ideale Geschenk für befreundete Literaturwissenschafter und andere weltflüchtige Geistesmenschen, denen man immer schon mit dem Zaunpfahl winken wollte. Dosierte Verletzungen
Man sieht jedenfalls: Monika Maron beherrscht nach wie vor die Kunst, eine Geschichte bis in ihre Mikrobestandteile mit Leben und Anschaulichkeit zu erfüllen und die Bleigewichte des Themas durch ihren so gar nicht versöhnlichen Humor gleichsam aufzufangen. Die Autorin hat ein feines Gespür für das, was sich zwischen einander Nahestehenden abspielt, für dosierte Verletzungen, Anhänglichkeiten, halb ausgesprochene Wahrheiten und Kräfteverschiebungen und für das Gefühl des Abgenutzten, das sich "wie Mehltau" über den Alltag legt. Dabei ist sie keineswegs blind für die sozialen Makrostrukturen, für die Zeitläufte, die zum Beispiel einen unterbelichteten Westprofessor zum Vorgesetzten des ungleich begabteren Achim Märtin gemacht haben.
Woran mag es liegen, dass einen dennoch der Verdacht beschleicht, dieser Roman könnte, bei aller handwerklichen Souveränität, eine Verlegenheitslösung sein, ein etwas weniger gehaltvoller Aufguss der Endmoränen? Vielleicht kommt es daher, dass die Protagonistin mit ihrer geradezu penetranten Liebesideologie und ihrer Verdammungswut als Charakter bis zum Schluss unnahbar und verschattet bleibt, der in Ungnade gefallene Achim hingegen bald unsere ganze Sympathie hat. An der Konstruktion des Romans ist nichts auszusetzen: Maron erzählt die Geschichte abwechselnd aus der männlichen und der weiblichen Perspektive. Der Gegenwartsrahmen ist durch jene zwölf Stunden vorgegeben, die der Flug nach Mexiko dauert: Achim hat Johanna zum Flughafen gebracht und lässt sich, als leicht konfuser Strohwitwer, durch Berlin treiben. Johanna sitzt neben einem dicken Mexikaner und staunt über die eigene Courage. Beide haben ausgiebig Gelegenheit zu Rückblenden und Reflexionen. Zum Beispiel über die Rolle des Hundes, den Johanna eines Tages auf einem Autobahnparkplatz aufgelesen und gegen den Willen ihres Mannes behalten hat. Auflösungsprozesse
War er der Katalysator, der den Auflösungsprozess der Ehe eingeleitet hat? Während sie die bedingungslose Liebe des Tieres genießt, fühlt er sich in einer demütigenden Ménage à trois gefangen. Oder hat alles mit dem arroganten Russen Igor begonnen, in dessen Galerie Johanna ein paarmal in der Woche ausgeholfen hat und der sie behandelt, "als sei sie eine Frau". Er hat auch die Brieffreundschaft mit jener russischen Aristokratin gestiftet, die Johanna nun nach Mexico City eingeladen hat.
Dass Monika Maron ihre Heldin nicht beim Erkunden des fremden Landes vorführt, dass wir nur aus den Briefen der alten Dame, die dort nach einer verschollenen Freundin sucht, einiges Wenige über Mexiko erfahren, ist eine originelle Lösung: Enthusiasmierte Reiseberichte von daheim unter Stagnation leidenden Menschen gibt es bekanntlich zuhauf. Dennoch ist der Schluss - Johanna betritt mexikanischen Boden - unbefriedigend. So reizvoll ein offenes Ende sein kann, hier wirkt es willkürlich: Man hat den Eindruck, die Autorin würde ihre ratlosen Figuren, ihrerseits ratlos, auf halbem Wege im Stich lassen.
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