ach du je von Nora Gomringer, 2015, Verlag der gesunde Menschenversandach du je.
Sprechtexte von Nora Gomringer (
2015, Verlag Der gesunde Menschenversand/edition spoken script).
Besprechung von Michael Starcke für LYRIKwelt.de, August 2015:

An wen denkt mein Herz, wenn es nicht mehr schlägt
In der „edition spoken script“, informiert der Verlag den Leser, erscheinen Texte, die zunächst fürs Vortragen geschrieben wurden oder sich am mündlichen Erzählen orientieren.

Unter dem Titel „ach du je“ hat er jetzt Sprechtexte der Dichterin Nora Gomringer veröffentlicht, ein Feuerwerk an Einfällen und Sprachformen, die das „Laut! Lesen!“ zu einem eindringlichen Hör- und Gefühlserlebnis machen, wie es eindringlicher nicht sein kann und den Angesprochenen wie märchenhaft verzaubert, aber auch irgendwie betroffen und nachdenklich zurücklässt.

Dass die Dichterin diese Texte, die sicher keiner Schublade zuordnen lassen, die Elemente konkreter Poesie, der Pop-Art, politischer Lyrik, Formen des Hörspiels und der Musik beinhalten, schriftlich fixiert hat, mag einzig daran liegen, eine Art Merkzettel für die Rezitatoren in der Hand zu haben. Diese Texte müssen laut vorgetragen werden, weil sie das Gegenüber brauchen, das auf sie reagiert und sie dadurch vervollkommnet, weil es sich angesprochen, provoziert, ertappt, verstanden oder missverstanden fühlt.

Diese Texte bringen etwas Neues, Unverbrauchtes ins Denken und Fühlen und in unsere moderne und vernetzte Sprache, obwohl sie die uralten Themen der Dichter ansprechen, Liebe und Leben, Leben und Tod und immer wieder und wieder die Liebe.

Die Dichterin nutzt für ihre Beobachtungen, Gedanken und Botschaften die Möglichkeiten moderner Kommunikation SMS-Nachrichten über WhatsApp oder sonstige Anbieter. Oder über das Projekt einer Oper oder mit Hilfe eines „Hörstück(es) aus Fragmenten, zusammengesetzt eine herrliche Tasse Tee“.

Diese Texte sprengen alle Grenzen literarischer Genres.

Bedingt durch den Vortrag der Rezitatoren, der Erzähl-, Mann-, Frau-, und Kinderstimmen ist ihnen leise nicht laut genug, auch dort nicht, wo es um Intimes geht, um das Erforschen der Liebe zum Beispiel, um Neurosen, Psychosen, das Karussell der Gefühle, incl. Wut, Ohnmacht, Verzweiflung.

Diese Texte bilden einen dramatischen Querschnitt modernen Lebens ab, sind manchmal, wie es scheint, der Welt der Märchen entlehnt, sind manchmal fast lyrisch, dann wieder sezierend und turbulent böse, spötteln, fragen, erforschen.

„Eigentlich will man ja ganz andere Sachen schreiben/ Von Weltende und Meteoriten und vom Handlungsbedarf JETZT und vom eigenen Wundsein.“

Diese Texte sind fragil wie die Menschen und ihre Emotionen, die in ihnen zur Sprache kommen. Sie sind Handlungsrahmen, Magie und Diskurs. Es geht in ihnen um Familien, um Schicksale, um „Mutters Gehirn“, um „Es ist alles eitel“, um Menschen, die, ihrer Rolle entblößt, nicht wer wissen, wer sie sind und wo sie stehen oder aber danach suchen, wo sie hingehören.

Es sind Texte, die vermitteln, „das Leben buchstabiert sich selbst“ oder „Wichtig ist, dass wir hinschauen, wenn wir wollen, das nichts passiert.“ Oder „Das Maschinelle ist das Atemholen der Welt.“ Oder „In der Sehnsucht zu leben, ist das einzige Leben für einen, der schreibt.“

Diese Texte hinterfragen die menschliche Existenz, erinnern an filmische Sequenzen oder Selbstgespräche, traurig, heiter und immer selbstironisch.

In seinem Nachwort schreibt Paul-Henri Campbell: „Während die Kombattanten vergangener Epochen und ihre heutigen Epigonen Poesie als gewaltsamen Überzeugungsakt praktizieren, ist das Reizvolle an Gomringers Sprechtexten, dass sie die Zuhörer nicht nötigen Komplizen zu sein, sondern mit ihnen einen Resonanzraum teilen.“

Ich, der ich mich als „heutigen Epigonen“ wähne, würde Nora Gomringer gerne einmal persönlich begegnen, um ihr das Wasser zu reichen.

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