Ach du bist Daniel.
Erzählungen von Hanna Krall (2002, Verlag Neue Kritik - Übertragung Roswitha Matwin-Buschmann).
Besprechung von Yaak Karsunke in der Frankfurter Rundschau, 26.10.2002:

Erschöpfte Chronistin
Keine Kommentar, keine Nutzanwendung, keine Moral: Hanna Kralls Buch "Ach du bist Daniel" trägt unerbittlich Rouge auf

In einer Gruppe polnischer Juden, die sich während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg in einem Bunker versteckt hielt, befand sich auch eine Frau, die seit Jahren nicht mehr laufen konnte. Ihre Leidensgenossen hatten deshalb ihren Sessel mit in den Unterschlupf geschafft. "Sie saß nur in diesem Sessel, zuerst zu Hause, dann im Versteck. Ihr Mann musste im Versteck ständig husten, was die Aufmerksamkeit der Deutschen auf das Versteck hätte ziehen können. Also haben die anderen, die sich da versteckten, ihren Mann erwürgt. In diesem Moment gewann sie die Kontrolle über ihre Beine zurück, stand auf und holte die Deutschen."

Seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten sammelt Hanna Krall - die diese Begebenheit im Frühjahr dieses Jahres in einem Gespräch dem polnischen Publizisten Wojciech Tochman erzählt hat - solche Geschichten aus der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung ihres Volkes, und über die bis heute nachwirkenden Folgen für die Opfer und ihre Nachkommen. In ihrem jüngsten, soeben auf Deutsch erschienen Buch Ach du bist Daniel begegnen wir einer jungen Malerin, die die Schreckensszenen des Warschauer Ghettos in Aquarellen festhält und eine SS-Selektion nur überlebt, weil sie "ein gesundes Aussehen: Mund und Wangen getönt mit Rote-Rüben-Saft" aufweist. Sechzig Jahre später - in denen sie keinen Pinsel mehr angerührt hat - holt sie während einer Unterhaltung mit Hanna Krall ihren Lippenstift hervor und schminkt sich, ohne in einen Spiegel zu sehen, "einen grellroten Fleck" ins Gesicht. "Beruhigt, dass sie ein gesundes Aussehen hat, steckt sie den Lippenstift weg" und setzt das Gespräch fort.

Hanna Krall konzentriert diese Geschichte auf zweieinhalb Seiten in dem für sie charakteristischen Stil. Kein Kommentar, keine Nutzanwendung, keine (Schluss-)Moral - ohne Sentimentalität oder Pathos erfüllt sie lakonisch die selbstauferlegte Chronistenpflicht. In Ach du bist Daniel lässt sie erstmals erkennen, wie sehr diese Aufgabe sie belastet und wohl auch erschöpft hat.

Sie schildert Menschen, die zu ihr kommen, um ihr das eigene Schicksal oder das ihrer umgebrachten Verwandten zu erzählen - damit sie darüber schreiben oder - besonders den Jüngeren - helfen soll, das Geschehene zu verstehen oder zu bewältigen. Zunehmend fühlt sich die Autorin von diesen Ansprüchen überfordert: so gut sie ihre Besucher versteht, verweigert sie sich doch jenen, die "denken, ich weiß Bescheid. So viele Geschichten habe ich aufgeschrieben, also weiß ich Bescheid und werde ihnen gleich erklären", was geschah und warum es geschehen konnte.

Eine weitere Schwierigkeit hat die Autorin in dem Gespräch mit Wojciech Tochman benannt: "Die Menschen, über die ich damals und später geschrieben habe, sind heute alt, haben Schlaganfälle erlitten, leiden an Alzheimer oder es gibt sie gar nicht mehr. Dank ihrer Erinnerungen waren meine Reportagen relativ vollständige, volle Gefäße. Die Kinder von ,Jenen' erinnern nur noch Bruchstücke", die sich nicht mehr zu erzählbaren Geschichten fügen lassen.

"Ich möchte die Lücken nicht durch Vermutungen und Phantasien ergänzen, ich darf das nicht tun". So reihen einige Texte des neuen Bandes Fragmente aneinander, Reste von Biographien - vergleichbar jenen Scherben-Häufchen, die in archäologischen Museen von vergangenen Kulturen und Katastrophen zeugen.

Andere Arbeiten sind Nachträge zu früheren Reportagen. In Tanz auf fremder Hochzeit (deutsch 1993) stand die Geschichte eines deutschen Offiziers, der zufällig Zeuge einer "Aktion" der SS wird, der die gesamte jüdische Bevölkerung der polnischen Stadt Dubno zum Opfer fällt und der sich daraufhin an den Vorbereitungen eines Attentats auf Hitler beteiligt. In Ach du bist Daniel schildert Hanna Krall nun ihren Besuch bei diesem ehemaligen Wehrmachtsmajor - und die empörte Reaktion ihrer deutschen Verlegerin, die als "rebellische Achtundsechzigerin" den Major verachtet: Man kann der eigenen Verstörung auch durch schnelle Verurteilung auszuweichen versuchen . . .

Bei einem Besuch im links-alternativen Milieu von Berlin-Kreuzberg entdeckt der urteilslos genaue Blick Hanna Kralls die Spuren der Nazi-Vergangenheit selbst bei Menschen, deren Lebensentwürfe als Gegenbilder zu den Biographien der Eltern gedacht und verwirklicht wurden. Der Boden, auf dem wir alle leben, ist immer noch vermint, mit Splittern und Scherben durchsetzt. Es liegt an uns, ob wir aufmerksam genug sind, das zu bemerken, und ob wir den Mut aufbringen, es zu bedenken. Mit den Worten zweier Zaddikim aus der Zeit der polnischen Teilungen, ob wir fähig sind, auf unsere Seelen zu hören.

Die Geister der beiden hocken im Geäst des Gartens der polnischen Botschaft in Israel. Dort "sagt Pinchas von Korzec, der Mensch wird von seiner Seele belehrt. Es gibt keinen Menschen, den seine Seele nicht unablässig belehrte. Warum hört dann der Mensch nicht auf sie? sinniert Nachman von Horodenka. Nun, die Seele belehrt ihn unablässig, aber sie sagt alles nur einmal und wiederholt es nicht mehr." Vielleicht ist es auch die Angst vor Wiederholung, die Hanna Krall erschöpft.

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