Abwesend anwesend - Anwesend abwesend.
Noch mehr Weltbude von Gerhard Jaschke (2012,
Sonderzahl Verlag)
Besprechung
von Helmut Schönauer aus Rezensionen-online, 2012:

So wie innen und außen relative Begriffe sind, ist auch nicht eindeutig, was abwesend anwesend und was anwesend abwesend ist.

Für Gerhard Jaschke ist dieses Zucken zwischen anwesend und abwesend die Grundlage für Literatur und folglich auch des Lebens. Denn seine Literatur hat immer mit der Formung und Formulierung der Welt zu tun, weshalb die Bezeichnung Weltbude eine ziemlich gute Umschreibung für seine Bühne ist. Einerseits kleinkariert wie eine Kirchtagsbude, andererseits universell wie das Weltall selbst.

Die Weltbude ist vielleicht eine eigene Literaturgattung. Persönliche Schicksalsschläge des erzählenden Ich, Rezensionen, Kommentare zu Ausstellungen, Schlagzeilen zu Lyrik verdichtet, Stapel alter Notizen, Erinnerungsfetzen - alles ist wie ein reißfester Faden zusammengedreht, der ein Stück Kultur durch das Gelage der Zeit zieht.

Das erzählende Ich fragt sich nach einem Schlaganfall beklommen, was noch anwesend ist und was abwesend. Motorik, Sprachgefühl, Erinnerungen - vieles wird mit teils demütigenden Sätzen des Pflegepersonals durch Reha wieder in die Anwesenheit geholt.

"das hier sind lauter sadisten. es wundert mich nur eins, daß sie uns nicht gleich in der früh den krüppelfox auflegen. wie bin ich wo und wann warum?" (101)

Das Wühlen in alten Aufzeichnungen löst auch beim Aufzeichner selbst seltsame Gefühle aus, es scheint möglich, dass nicht nur die Schrift sondern auch der ursprüngliche Sinn abhaut, wenn der Text zu lange im Verborgenen gelagert wird.

Gegen die Abwesenheit des ehemals Anwesenden helfen skurrile Theorien, etwa die Zahl vierzig und ihr geheimer Sinn bei Musil. Und allemal einen Sinn stiften Schlagzeilen, die aus dem Gefüge gefallen sind, wie etwa "Auch Affen zahlen für Sex - Mit Fellpflege". (86)

Grandios in der Zerbrechlichkeit des Lebens liegen die Jaschke-Verse oft mit ausgestreckten Gliedern da. "vor dem erkalten // die vor sich hinsabbernden / und in ihre hosen tröpfelnden alten // hinter gittern // spielen kinder winters diebe. / viele kinder spielen diese spiele." (118)

Hier sind die Helden in einem seltsamen Licht versammelt, halb da, halb schon weg.

"was kuckst du, wenn du kackst?" (90) So ein Satz, ohne Vorder- und Hinterteil, verfolgt den Leser oft wochenlang.

Gerhard Jaschkes Weltbude ist ein intimes Tagebuch, das im Brausebad der Öffentlichkeit abgesprüht wird. Andererseits reißt der Autor triviale Sätze aus dem Besitz der Allgemeinheit und leibt sie sich persönlich und innigst ein. - Ein Stück Literaturgeschichte, angewandte Erzähltheorie, ein heftiges Werkzeug des Durchhaltens, ein Überlebenstext!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks-Medium]

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