Abweg von Andreas Höfele, 2008, Weissbooks1.) - 3.)

Abweg.
Eine Erzählung von Andreas Höfele (2008, Weissbooks).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 11.3.2008:

Schleichende Verwandlung
Von der Uni in die Drückerkolonne: Andreas Höfeles erzählt über das Krankheitsbild eines Selbst- und Weltverlustes. Es ist ein schmales, aufgeladenes und durchaus nicht harmlosen Buch.

Andreas Höfeles Erzählung "Abweg" entwickelt schon nach kurzer Zeit einen Sog und eine innere Spannung. Was treibt Wieland an? Was ist das für ein Mensch? Einer, der ohne großes Aufheben sein Leben als Universitätsdozent und Familienvater hinwirft und sich nahezu bruchlos in eine Drückerkolonne einfügt, mit der er in Kleinstädten arglosen Senioren Zeitschriftenabonnements aufschwätzt und nebenbei noch die Wohnung leer räumt.

In kleinen Dosen schafft Höfele ein Bild seines Protagonisten und der Zeit, in der er lebt: Wir schreiben das Jahr 1979 (soeben sind die amerikanischen Geiseln aus der Botschaft in Teheran frei gekommen), und in Wielands Welt ist gar nichts mehr in Ordnung - die Beziehung zu seiner Frau hat sich in Desinteresse aufgelöst, nach einem mysteriösen Herzstillstand hat Wieland eine selbst diagnostizierte Angstneurose entwickelt; die psychische Behandlung erscheint ihm sinnlos. Kurz: Er steht vor dem Zusammenbruch. Also Flucht, Flucht von allem. Die Szenen in der Drückerkolonne haben etwas zugleich Komisches und Beklemmendes.

Wieland, der nun nicht mehr Wieland heißt, sich seinen neuen Namen jedoch nicht merken kann, wird einem Brutalotyp namens Schneitzer zugeteilt. Eines Tages kommen sie in die Wohnung einer Frau, die Wieland bekannt vorkommt, eine Bekannte aus Studienzeiten, Sponti-Umfeld. Schneitzer durchforstet, wie üblich, die Wohnung und kommt mit einer Handvoll Waffen zurück; die Frau zückt ebenfalls eine Waffe und erschießt Schneitzer.

So ging es zu im Deutschland des Jahres 1979, als jeder Drücker genauso gut ein getarnter Bulle hätte sein können. Oder man stellt sich vor, dass es so hätte zugehen können. Eine einschneidende Begebenheit, die am Rande etwas von der gesellschaftlichen Stimmungslage erzählt.

An den Beginn seines Zustandes kann Wieland sich im Nachhinein nicht mehr erinnern; daraus schließt er, "dass es sich um ein allmähliches Heraufziehen, eine schleichende, zunächst unmerkliche Verwandlung gehandelt haben musste, die ihm erst zu Bewusstsein kam, als sie vollzogen war; wie wenn an einem Sommertag in einem bis zuletzt noch heiteren Himmel plötzlich eine Gewitterwand dasteht."

Es ist das Krankheitsbild eines Selbst- und Weltverlustes, das in "Abweg" zu Literatur geworden ist; zu einem schmalen, aufgeladenen und durchaus nicht harmlosen Buch, an dessen Ende, man darf es verraten, der Protagonist endlich Erleichterung spürt. Allerdings nicht die Art von Erleichterung, die man mit ihm teilen möchte.

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Abweg von Andreas Höfele, 2008, Weissbooks2.)

Abweg.
Eine Erzählung von Andreas Höfele (2008, Weissbook
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus der Neue Zürcher Zeitung, 24.04.2008:

Sehstörungen und Argusaugen
Andreas Höfeles Erzählung «Abweg»

«There's a stranger in the house no one will ever see / But everybody says he looks like me», heisst es mit schwarzer Paradoxie in einem Song des britischen Sängers Elvis Costello. Als den Anglistikdozenten Wieland eines Abends beim Blick in die eigene erleuchtete Wohnung ebendieses Gefühl einer tödlichen Selbstentfremdung überfällt, spürt er eine «unendliche Erleichterung». Die Situation markiert eine Station seines «Abwegs», wie der Titel des neuen Buchs von Andreas Höfele lautet. 1997 erschien – nach drei Romanen bei Piper und einem Kriminalroman im Hamburger Kellner-Verlag – sein letztes Buch bei Suhrkamp, ein Historiengemälde aus dem Elisabethanischen Zeitalter. Jetzt schliesst Höfele an die ersten beiden Romane «Das Tal» (1975) und «Die Heimsuchung des Assistenten Jung» (1978) an, und das nicht nur in der düsteren, psychodramatischen Thematik: Die Erzählung kehrt in die Zeit ihrer Entstehung, die paranoiden späten siebziger Jahre, zurück.

Im obskuren Untergrund

Der Blick ins Innere, der dem Protagonisten einen Fremden im Kreis seiner Familie zeigt, fällt am Schluss; anfangs dagegen spiegelt sich in der Fensterscheibe des Universitätsbüros sein eigenes Gesicht, ebenso wie die Flamme, die sein Manuskript verbrennt. Welches? Kurz darauf wirft Wieland buchstäblich die Schlüssel zu seinem bisherigen Leben weg und verschwindet in einem Dasein, dessen Realistik Züge eines Albtraums aufweist. Den Weg weist ihm der Werbezettel einer Firma mit dem sprechenden Namen Argus, hinter dem sich eine illegale Organisation verbirgt, die neben martialischen Wachschutzleuten auch eine Drückerkolonne beschäftigt. Eine handschriftliche Notiz auf der Rückseite verspricht dem Adressaten ein «zweites Standbein». Noch ahnt man nicht, dass Wieland längst mit einem Bein im obskuren Untergrund des bürgerlichen Lebens steht. Dort wird er wieder in den Spiegel schauen und sich kaum wiedererkennen: «Sein Gesicht entleerte sich.»

Wo fängt ein Abweg an? In zwei alternierenden Erzählsträngen verfolgt man den entschlossenen Abstieg des Dozenten in die Unterwelt hier, die zwei Jahre dauernde Vorgeschichte seiner Zermürbung dort. Sie beginnt mit einer Herzattacke, die Wieland im Spital als «flüchtige Bekanntschaft mit dem Tode» bezeichnet, und setzt sich in vagen Symptomen fort, einer Überempfindlichkeit gegen Lichtreflexe, einem quälenden Harndrang, permanent drohender Schwäche, bis sich die «voll erblühte Angstneurose» nicht mehr leugnen lässt. «Durch die Kinder erhielt sich ein Anschein von Normalität, wobei man nie wissen konnte, ob dieser Anschein die Mühe seines Erhalts überhaupt lohnte. Denn es heisst ja, und vermutlich zu Recht, für Unaufrichtigkeit seien Kinder besonders feinfühlig, erst mit zunehmender Lebensgewöhnung komme dies abhanden.»

Für eine solch genaue, analytische Sprache hat sich das Wort «sezierend» durchgesetzt oder, wie der Klappentext sagt, «eiskalt» – vermutlich weil man den Suggestionen einer assoziativen Diktion mehr Gefühlswert zubilligt als logischer Sorgfalt und scharfer Aufmerksamkeit. Das Gegenteil ist der Fall. Kalt ist nur die scheinbar ewig winterliche Peripherie- und Provinzwelt, in die der freiwillig Ausgestossene nach seiner Flucht übers angefrorene Gras des Universitätsgeländes eintaucht, um mit dubiosen Kollegen als fahrender Vertreter Sklavenarbeit zu leisten. Den Leser aber treibt eine drängende Anteilnahme, weil er in der Klarheit der Ereignisfolge die Logik eines durchaus vertrauten Wahns entdeckt. Nichts enthüllt die Angst deutlicher als exakt gebaute Sätze und präzise Bilder: «Mühsam sprangen die Motoren an und bliesen schmutzigen Qualm in die Luft. Mit einem Ratschen, das klang, als würden die Wagen mittendurch gerissen, flogen die seitlichen Schiebetüren auf.»

Umso sichtbarer sind die feinen Risse innerhalb des stringenten Gefüges, in denen das Unheimliche durchscheint. Wer hat Wieland den Werbezettel zugesteckt? Wohin verschwindet der Hund mit blauen Augen auf dem Firmengelände? Sitzt der Chef hinter seinem stets leeren Schreibtisch im Rollstuhl oder nicht? Wieso dringt nachts sein Gesang in den Schlafraum der Drücker? Kann man überhaupt kündigen? Nur einmal dringt die historisch fixierbare Aussenwelt in die geschlossene Situation. In einer potenziellen Kundin erkennt Wieland eine revolutionäre Wortführerin vergangener Zeiten und Freundin eines in den RAF-Untergrund Abgetauchten. Wie immer sucht sein Kollege beim vorgeblichen Toilettengang in der Wohnung nach Wertsachen und entdeckt Waffen; Minuten später ist er tot. Wieland wird von den Argus-Leuten verhört. Kurz darauf ist er wieder auf der Flucht. Sie führt ihn zum Ausgangspunkt, ins nächtliche Universitätsgebäude.

Kompositorische Strenge

Hier findet sich die einzige offene Stelle im Geschehen. «Wieland merkte kaum, wie er die kurze Entfernung zurücklegte, bereits hatte er die Tür erreicht, sie war wohl unverschlossen, vielleicht hatte er aber auch im Vorübergehen den Schlüssel vom Boden aufgelesen, nun bewegte er sich schon durch die spiegelnden leeren Gänge» – eine Verschiebung ins Unwägbare, wie sie bei Kafka oft (wenn auch unmerklicher und zwingender) geschieht. Liegt hier der Ausweg im Abweg, der erlösende Beweis der Irrealität, oder schliesst sich die Tür des Wachtraums endgültig von innen? Andreas Höfele hat eine ebenso durchsichtige wie klaustrophobische Geschichte geschrieben, deren kompositorische Strenge gefangen nimmt, ohne uns in ihr System einzusperren.

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Abweg von Andreas Höfele, 2008, Weissbooks3.)

Abweg.
Eine Erzählung von Andreas Höfele (2008, Weissbooks).
Besprechung von Helmut Schönauer, 2008:

Wer hat sich nicht schon einmal so einen Abgang von seinem Büro gewünscht: Man lege ein kleines Feuerchen, gehe nicht zu schnell aus dem Haus, tauche in den Plan B ein und beobachte aus der Ferne, wie die ehemalige Dienststelle abbrennt.

In Andreas Höfeles Erzählung "Abweg" geht es um diesen gekonnten Abgang.

Der Universitätsdozent Wieland fackelt die Uni am Rande einer Kleinstadt ab und taucht unter. Während wir Leser mit dem Forschungs-Defraudanten mitleiden, wie er abtaucht, erklärt dieser uns in Rückblenden, warum er eigentlich defekt, wenn nicht gar wahnsinnig ist.

Während seiner Vorarbeiten zu einer Habilitation hat Wieland einen formidablen gesundheitlichen Schaden ausgefasst, er muss leiser treten, wenn nicht überhaupt die Forschung aufgeben. Dafür wird er eine Erzählung schreiben, denkt er sich. Zu Hause ist alles in Ordnung, die Frau und die Kinder sind vor allem da, wenn er nach Hause kommt. Trotzdem gerät Wieland auf den Abweg, nichts funktioniert ordnungsgemäß und so wird es Zeit, in den Plan B einzutreten.

Nach der Flucht aus der Universität taucht Wieland in einem obskuren Keiler-Lager unter. In einer miesen Baracke untergebracht schwärmen im Morgengrauen die Keilertrupps aus und verkaufen an diversen Wohnungstüren triviale Zeitschriften-Abos. Wieland wird einer miesen Ratte zugeteilt, dieser Partner versteht allerhand von der Psychologie des schnellen Verkaufs. In dieser Sekundärwelt arbeiten ohnehin nur die abgebrühtesten und kaputtesten Typen. Klarerweise lässt so mancher neben dem Abo auch noch den einen oder anderen Wertgegenstand mitgehen.

Die Lage eskaliert, als Wieland auf eine ehemalige Bekannte trifft. Gerade als der Partner wieder klauen will, wird er von der Bekannten umgelegt. Jetzt ist für Wieland die Flucht aus der Flucht angesagt.

In einem psychisch leicht gummig-schrägen Döse-Zustand beamt sich Wieland in die Scheinwelt zurück, aus der er geflohen ist. Alles scheint o.k. zu sein, der Tisch ist gedeckt, er steht absprungbereit an der Balkonbrüstung, da sieht er, dass drinnen am Esstisch völlig selbstverständlich ein anderer Mann seinen Platz eingenommen hat.

Andreas Höfele treibt seinen Helden frech von der Universität hinaus ins Freie. Dass gerade ein Dozent für gute Literatur letztlich Abos der Regenbogenpresse keilen muss, ist ein Abweg, der selbst seinem Helden nicht zugemutet werden kann. Verpackt in diese Krimi-Erzählung ist die entscheidende Frage, ob sich das, was wir uns im Kopf vorstellen, auf freier Wildbahn des Alltags umsetzen lässt. Als Leser kann man jedenfalls mit diesem "abwegigen" Helden ordentlich aussteigen, ohne dass dabei jemand zu Schaden kommt.

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Leseprobe I Buchbestellung 1208 LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer