ab und zu neigungen.
Gedichte von Anja Golob (
2015, Hochroth-Verlag - Übertragung Uljana Wolf und Urška P. Černe).
Besprechung von Peter Urban-Halle
in der Neue Zürcher Zeitung vom 15.07.2015:

Lesen und laufen
Anja Golob, 38, hat in Slowenien zwei Gedichtbände veröffentlicht. Für den zweiten bekam sie den Jenko-Preis, den wichtigsten Lyrikpreis des Landes. Sie besitzt eine schwindelerregende Begabung.

Schnell auf die Bühne gespurtet, sich auf einen Stuhl gerettet, fast ein bisschen panisch. Und erst mal Dehnübungen machen vor allen Leuten. Aber Anja Golob scheint in diesen ersten Sekunden, in denen sie da oben sitzt, noch ohne Moderatorin, das Publikum gar nicht zu bemerken. Wie eine zwar etwas burschikose, doch in sich gekehrte Sportlerin vor dem entscheidenden letzten Versuch. Sie trägt Turnschuhe, Jeans, dunkles, weites Herrenhemd, die Haare sind ungefähr zwei Millimeter lang.

Handfest und vielseitig

Anja Golob ist 38, sie hat in Slowenien zwei Gedichtbände veröffentlicht, das vorliegende Bändchen (ein Heft nur, aber schön gestaltet, edle, klare Linie, überwiegend schwarz, mit einer Art stufiger Vorderseite) bringt eine sehr knappe Auswahl ihres zweiten Gedichtbands von 2013. Dafür bekam sie den Jenko-Preis, den wichtigsten Lyrikpreis Sloweniens. Sie nahm ihn gerne an, aber nicht das Preisgeld, weil es aus einer privaten Hand kam, die ihr nicht sauber vorkam. So konsequent ist nicht jeder.

Ihre Neigungen – so lautet ja ein Wort im mehrdeutigen deutschen Titel – sind handfest und vielseitig. Sie soll Obstbäume beschneiden und mit Werkzeugen umgehen können und sich beim Wein auskennen. Sie ist Tanzdramaturgin und Theaterkritikerin. Vor allem aber ist sie eine grosse Dichterin. Sie scheut den Begriff noch ein bisschen, nach zwei Büchlein. Aber wer sie nun eine «junge Autorin mit Perspektive» nennt, tut das kein zweites Mal, dann schlägt sie um sich! Poesie ist für sie Arbeit, es bedeutet Schweiss, sehr viel Zeit und sehr wenig Geld. Es bedeutet, viel zu lesen und viel zu laufen, weil das Laufen den Geist öffnet, wie sie sagt. Sie ist wirklich eine in sich gekehrte Sportlerin.

Dann liest sie ihre Gedichte. Dabei bleibt sie sitzen, auf ihrem Stuhl, auf den sie sich gerettet hat. Sie würde so wackeln, wenn sie stünde, sagt sie. Aber auch sitzend ist sie eine Zappelphilippa. Sie beugt sich vor, zieht die Beine an und streckt sie wieder. Aber ihre Gedichte wackeln nicht. Sie haben eine raue Eleganz, in einer klaren, starken Sprache, die keine Neuschöpfungen meidet, aber nie gewollt oder verschwurbelt ist. Golob findet erstaunliche Bilder, mit denen sie ein Glück ergründet, das nie lange dauert. Sie hat eine konzentrierte, schwindelerregende Wortkraft, mit der sie versucht, die Liebe zu erklären, aber dieses Wort «Liebe» kommt nicht. In einem andern Gedicht wird es doch ausgesprochen: «Wir tragen Licht, wir geben Körper, damit, was wir lieben, Zeit und Form gewinnt.» Wenn sie von den todgeweihten Kühen auf der Weide spricht, findet sie einen elegischen, antiken Ton.

Da sie viel liest, sind ihre Texte oft Antworten auf Texte anderer Dichter. Bisweilen ist das offensichtlich, wenn sie in dem umwerfenden Gedicht «Aderndraht» den «Vorhang der Pupille» aus Rilkes berühmtem «Panther»-Gedicht zitiert. Bisweilen versteckter: Das Poem «Gestern war alles schöner» bezieht sich auf Agota Kristof, «Wo das Kind das Kerbtier fing» auf Mark Strands «Keeping things whole». Manchmal denkt man unwillkürlich an Benn. Sie sei aus verschiedenen Dingen zusammengebastelt, sagt sie, «ich nehme, was ich kriegen kann, um etwas daraus zu machen». Nie ist Lyrik für sie eine Therapie, sie dürfe nicht zu privat sein, mit «O-ich-Schmerzen» könne sie gar nichts anfangen.

Auf nach Berlin

Anja Golob wird sich im Herbst eine Weile in der Villa Waldberta am Starnberger See aufhalten, und dann plant sie Berlin. Dort will sie Versuche anstellen: mit ihrem «zerbrochenen Deutsch und perfekten Slowenisch». Das Deutsch im vorliegenden Büchlein ist nicht «zerbrochen». Die Übersetzung des Duos Černe/Wolf ist schlicht preiswürdig.

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