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Abtrünnig.
Roman aus der nervösen Zeit von Reinhard
Jirgl (2005, Hanser).
Besprechung von Thomas Rothschild in freitag
vom
17.11.2006:
Gesamtdeutscher Steinbruch
ENTSCHLEUNIGUNG: "Abtrünnig"
- Reinhard Jirgls überwältigender Roman aus der nervösen Zeit
Die herrschende Ideologie der Einsparung und des
Entertainment fordert auf dem Gebiet der Künste im Allgemeinen und der
Literatur im Besonderen ein Entgegenkommen, das dem Leser die geringste denkbare
Anstrengung abverlangt. Das ist der Hintergrund für den Erfolg von
Kinderfernsehsendungen und -literatur bei gestandenen Erwachsenen. Der
Verführung, vom Boom der Literatur für Halbanalphabeten zu profitieren,
erliegen auch viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die anders könnten.
So entsteht, durch die Anpassung an einen ökonomisch gewollten Kurs, ein
scheinbar von Götterhand gelenkter Trend. Man erzeugt jene allgegenwärtige
Trivialität, deren Vordringen man zu beobachten behauptet. Was Radio und Kino
vorgemacht haben, ist längst auch in die Literatur vorgedrungen.
In der deutschen Literatur war es allen voran Arno
Schmidt, der nach 1945 Widerstand leistete gegen eine mühelos konsumierbare
Erzähleuphorie. Er hat nur wenig Nachfolger gehabt. Reinhard Jirgl hat diese
Tradition - wie man hört: ohne direkten Bezug zu Arno Schmidt - aufgenommen und
führt sie mit seinem jüngsten Roman fort. Das offenbart sich auch hier wieder
bereits im Schriftbild, zu dem er in seinem Buch Gewitterlicht komplexe
Überlegungen notiert hat. Es nötigt den Leser zur Langsamkeit, staut den
Lesefluss, statt ihn zu beschleunigen, zwingt zum Anhalten, lenkt die
Aufmerksamkeit auf das einzelne Wort, die Phrase, und unterminiert damit eine
bloß auf das Inhaltliche fixierte Rezeption.
Dass diese (immer noch und wieder) avantgardistische Schreibweise mit der
Thematik der Großstadt kollidiert, ist wohl kein Zufall. Der wahrscheinlich
bedeutendste deutsche Roman des 20. Jahrhunderts, Alfred Döblins Berlin
Alexanderplatz hat dafür den Weg gewiesen. Der Komplexität der modernen
Großstadt kann nur eine komplexe Darstellung gerecht werden. Von Döblin hat
Jirgl die Montagetechnik übernommen. Eingefügt in den Text sind Kästchen mit
Passagen, die eigentlich auf andere, ausdrücklich benannte Seiten des Romans
gehören. Das ergibt ein Verweissystem, das zum nichtlinearen Lesen, zum Vor-
und Zurückblättern ermuntert. Jirgl selbst spricht von den Einschüben als
"Links" und mahnt damit an das Internet, dessen Techniken freilich
für seinen Roman analog funktionieren wie die Techniken des Stummfilms
seinerzeit für Döblin oder auch
Dos Passos.
Der Roman ist zunächst in der Ich-Form geschrieben. Aber die Sprache imitiert
nicht die Sprech- oder Schreibweise eines Journalisten, der - in Norddeutschland
auf dem Lande aufgewachsen - nach Berlin kommt. Sie verselbständigt sich, wie
auch der eher angedeutete als forcierte Handlungsfaden keiner realistischen
Erzählstrategie folgt, sondern sich zu immer neuen Abschweifungen und
Assoziationsclustern verknüpft. Bei Dialogen verzichtet Jirgl ebenfalls auf die
Charakterisierung der oder des Sprechenden durch deren Rede. Die Ich-Erzählung
wird unterbrochen von Kapiteln, die den Charakter von Aufzeichnungen oder
Protokollen haben. An einer Stelle ist von "Notizen &
Schreibheften" die Rede.
Nach mehr als 200 Seiten, ziemlich genau in der Mitte des Romans, drängt sich
ein zweiter Lebenslauf, wie er nur in der DDR sich ereignen konnte, mit
Nachdruck in den Roman, diesmal erzählt in der dritten Person. Die Figur
verschwindet aus dem Roman und taucht an anderer Stelle unvermutet wieder auf.
Zusammenhänge werden nicht ausgewiesen. Der Leser kann, muss sie aber nicht
herstellen. Jirgls Roman ist ein Steinbruch, aus dessen Brocken sich eine
Skulptur hauen kann, wer will. Er quillt über mit Erzählungen aus der Berliner
Wirklichkeit, mit historischen Rückgriffen, mit philosophischen Einsichten, mit
essayistischen Ansätzen, und eine veritable Liebesgeschichte kommt auch vor.
Die Frau trägt den Namen Sophia, und das heißt bekanntlich: Weisheit. Alles
frei zur Entnahme.
Ein vergleichbares Buch aus der deutschen Literatur der vergangenen Jahre
dürfte nicht zu finden sein. Eher schon erinnert Jirgl an einen 1998 auf
Deutsch erschienenen rumänischen Roman, an Dumitru Tsepeneags Hotel Europa.
Mit Abtrünnig scheint die einheimische Literatur in einem vereinten
Deutschland angekommen zu sein, in dem die Herkunft des Autors aus der DDR oder
aus der alten Bundesrepublik keine Rolle mehr spielt. Die Unterscheidung von
Ossis und Wessis wird hier überflüssig. Das haben sich manche Beobachter der
Literaturszene, die eher in politischen als in ästhetischen Kategorien denken,
seit langem gewünscht: den gesamtdeutschen Roman. Ob das tatsächlich eine
Bereicherung bedeutet oder eine Vereinheitlichung, also eine Verarmung, sei
dahingestellt. Aufzuhalten ist diese Entwicklung über kurz oder lang ohnedies
nicht. Die nächste Schriftstellergeneration wird zu den zwei deutschen Staaten,
ihren unterschiedlichen historischen Erfahrungen, ihren je eigenen kulturellen
Besonderheiten ein ähnlich distanziertes Verhältnis haben wie die Generation
Jirgls zur Weimarer Republik. Da lebte Alfred
Döblin und schrieb Berlin Alexanderplatz. Dieses Meisterwerk,
immerhin, existiert fort in einer Literatur, die ihr Geschichtsbewusstsein noch
nicht an Harry Potter verpfändet hat. Das macht Mut, auch für die Zukunft.
[...diese und weitere Besprechungen
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