Abschied von der Mutter von Zhang Jie, 2000, Unionsverlag

Abschied von der Mutter.
Roman von Zhang Jie (2000, Unionsverlag).
Besprechung von Ingeborg Sperl aus Der Standard, Wien vom 5.1.2001:

Die Last der Versäumnisse
Ein Tatsachenroman gibt Einblicke in das Alltagsleben Chinas

Eine Liebesgeschichte zwischen Mutter und Tochter", so beschreibt die chinesische Autorin ihren Tatsachenroman, der von der Krankheit und dem Streben ihrer Mutter handelt. Es ist die alte, ewig gleiche Geschichte, die sich in millionenfachen Varianten abspielt, die Geschichte von Aufopferung, Liebe, Überforderung und Schuldgefühlen, weil niemand auf der Welt imstande ist, unentwegt ein guter Mensch zu sein.

Zhang Jie ergeht es nicht anders als vielen Töchtern. Ihrer Mutter, die sie allein und unter größten Entbehrungen durch die Wirren der Kulturrevolution gebracht hat, ist sie innerlich weit enger verbunden als ihrem Ehemann, dem sie mit einer erstaunlichen Kälte und Distanz gegenübersteht. All ihre Emotionen gelten der Mutter, die sie trotz ihres hohen Alters zur Operation eines Tumors überredet. Jetzt, da die Autorin eine angesehene Schriftstellerin ist, und keine materielle Not mehr leidet, will sie die lebenslangen Entbehrungen ihrer Mutter wenigstens teilweise wettmachen, indem sie ihr ein sorgenfreies Alter verschafft. Ihren Selbsttäuschungen über den wahren Zustand der Greisin kann sie sich umso leichter hingeben, als die Mutter, um die Tochter mit ihrer Krankheit nicht noch mehr zu belasten, ihre Ängste und ihre zunehmenden motorischen Störungen zu verbergen sucht.

Aus lauter gegenseitiger Rücksichtnahme kann trotz aller Liebe keine wirkliche Aussprache zustande kommen, die Tochter leidet unter dem nicht wieder gutzumachenden Versäumnis. Als die Mutter gestorben ist ergeht sie sich in Selbstanklagen.

Interessant ist, dass es sich um ein Buch handelt, das im Gegensatz zu den meisten uns zugänglichen literarischen Produktionen aus dem rezenten China nichts mit der Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse während der Kulturrevolution zu tun hat, sondern ein sehr privater Text ist. Gleichzeitig gewährt er uns einen Einblick in das Alltagsleben, das immer noch unendlich viel komplizierter ist als man sich vorstellen mag: Allein, dass jemand in eine Klinik aufgenommen und operiert wird, ist nur mit Beziehungen erreichbar. Die Pflege der Kranken wird auch im Spital von den Angehörigen übernommen. Eine Überforderung, der auch die ergebenste Tochter nicht immer gewachsen sein kann.

Es sind drei Frauengenerationen, die hier in ihrer Kontinuität geschildert werden: Die Mütter, die ums Überleben kämpfen mussten, die Töchter, die sich ein kleines Stück von der Welt erobert haben oder gar, wie Zhang Jie, in die USA reisen können und die Enkelinnen, die das Privileg haben, reisen zu dürfen und im Westen zu studieren. Der schmale Band ist ein ferner Spiegel der großen Umwälzungen der Geschichte, anrührend und schmucklos erzählt, der Versuch einer Selbsttherapie durch Schreiben, der viele Frauen angeht. []

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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