Abschied vom Spiegelbild von Wilfried Ohms, 2000, BeckAbschied vom Spiegelbild.
Roman von Wilfried Ohms (2000, Beck).
Besprechung von Renate Langer aus Rezensionen-online *bn*, 2000:

Nicht miteinander und nicht ohneeinander. (DR)

Am Anfang steht eine Todesnachricht. Der Icherzähler erfährt, dass sich sein Zwillingsbruder in Afrika erhängt hat. Ein Leben, das "als Verwechslungskomödie begonnen hat", endete in einer Tragödie. Verstört und konsterniert ruft sich der Bruder die gemeinsame Kindheit ins Gedächtnis zurück. Aufgewachsen sind die Buben im Graz der Nachkriegszeit. In der gutbürgerlichen und hochrespektablen Familie werden Lebensfreude und eigener Wille mit der Hundepeitsche aus den Kindern herausgeprügelt. Die Drohung mit dem Heim für Schwererziehbare schwebt ständig über ihnen. Ohne Abendessen ins Bett geschickt zu werden, zählt in diesem Kindheitskerker noch zu den harmlosesten Strafen. Die Brüder suchen aneinander Stütze und Halt gegenüber den sadistischen Eltern und den außerfamiliären Erziehungsinstanzen, die kaum einfühlsamer mit ihnen umgehen. Zugleich aber ringen die Heranwachsenden immer mehr um Eigenständigkeit und versuchen aus der symbiotischen Geschwisterbeziehung auszubrechen. Längst erwachsen geworden, schwanken sie immer noch zwischen erdrückender Nähe und unerträglicher Distanz.

Die Schilderung der seelischen und körperlichen Grausamkeiten in einem autoritären Elternhaus erinnert an so manche autobiografische Bücher, die seit den 1970er Jahren in Österreich erschienen sind. Doch Ohms ist kein Epigone. Davor bewahrt ihn sein ausgeprägtes Sprachbewusstsein. Er schreibt einen präzisen, von überflüssigem Ballast befreiten, geradezu unerbittlichen Prosastil. - Empfehlenswert.

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