Abschied vom Plasma.
Erzählungen von Natasza Goerke (2000, Rospo-Verlag - Übertragung Hans-Peter Joelscher-Obermaier)
Besprechung von
Dorothea Dieckmann in Die Zeit, 43/2000:

Die dornigen Bällchen der Seufzen
Natasza Goerke sagt zum Abschied leise "Plasma"

Lange bevor die "polnische Buchmesse" geplant war, entdeckte der kleine Hamburger Rospo Verlag, neben einigen hervorragenden deutschen Autoren, polnische Literatur. Da sitzt Natasza Goerke auf merkwürdige Weise zwischen den Stühlen: Sie stammt aus Posen, schreibt auf Polnisch und und ist vor 15 Jahren nach Deutschland ausgewandert; sie hat Orientalistik studiert und wandert, auch im Kopf, durch Indien, Nepal, Tibet - und sie gehört einer Generation an, die sich ihre Welt weder aus Sozialismus oder Dissidententum noch aus den bunten Wirren des Kapitalismus zusammensetzt, sondern eher die Möglichkeit nutzt, beides, Ost und West, mit dem umgekehrten Fernglas zu betrachten.

Herzlich wenig schert sie sich um das "Wer bin ich - Woher komme ich", das derzeit so viel "Lebensgefühl" in die deutsche Literatur bringt. Sie ist weder melancholisch noch rebellisch, sondern renitent: "Widerstand gegen den Widerstand ist die blindeste aller Sackgassen, und deshalb erscheint ... die edle polnische Philologie die sicherste Option für rebellierende (aber technisch unbegabte) Kinder zu sein ... Anstelle der alten erscheint jedoch keine Welt, die großartiger wäre, sondern eine neue, verfeinerte Negation dieser Welt." Selten findet man in den Erzählungen solche programmatischen Aussagen. Doch wenn der Titel eine Botschaft enthält, dann diese: Abschied von der Substanz, Abschied von der Identität, ja Abschied von einem problemkonzentrierten Schreiben.

In diesem Abschiedsbuch geht es um Fließzustände und Übergangssituationen - Lebensalter, Liebeswechsel und Dichternöte -, die in eine zwischen Real und Irreal taumelnde Sprache gebracht werden. Nicht zufällig sind die meisten Protagonisten Künstler, selbst wo es nur indirekt ausgedrückt wird: "Sie sah zuviel und wußte zu wenig, und schlimmer noch, sie war sich dessen bewußt." Ein Kleinverleger begegnet "plötzlich, denn Wichtiges passiert selten auf andere Weise", beim Spaziergang sich selbst als kleinem Jungen: eine kleine Erleuchtung, ein Neuanfang. Ein Befürworter der Todesstrafe bringt seine Sekretärin um und widmet sich hernach befreit dem Kunsthandel. Eine Frau lässt sich zur Göttin erheben, mit Thron, roten Kleidern und einem Dutzend schwerer Weine, doch ihr Glanz vergeht eines Tages mit heftigem Gestank. Eine andere verlässt ihren Mann, als sie einen Flötisten auf der Straße hört, der, wie sich in der nächsten Geschichte zeigt, von Buddha zu seinem Spiel animiert worden ist.

Um kleine Anlässe und fantastische Folgen geht es, um die Kraft der Einbildung, und doch sind die Plots in erster Linie Vorwände, um ein zartes ironisches Spiel mit konventionellen Erzählweisen und Charakteren zu treiben. Wahrhaftig eine ars diabolica, wie der Titel jener Erzählung lautet, in der ein dichtender New Yorker Taxifahrer erzählt, wie er sein Poeten-Plus in der Liebe verspielt hat.

Nun wäre dies bloß ein an- bis aufregend verrücktes Erzählen, wenn Natasza Goerke nicht wirklich gut spielen könnte; die liebevolle Übersetzung allerdings hat einen Hang zu absurd verkürztem Satzbau ("Eben um diese Zeit machen sich die Arbeiter in die Fabriken auf und haben die Arbeitslosen Geistesblitze"). Es sind nicht nur die kühnen Bilder, die eins nach dem anderen gezündet werden - vom "Charme einer offenen Wunde" über eine "wie unter Schnee hervorkeimende Zärtlichkeit" bis zu den "dornigen Bällchen ihrer Seufzer", von einem Gesicht, das "statt des morgendlichen Lächelns das Spinnennetz der Angst trug", bis zum "grünen Licht, das sich wie ein roter Teppich zu seinen Füßen" ausbreitet. Es ist vor allem der subversive Umgang mit Logik und Begründung, ein Aushebeln von Wahrheit, das den Leser aufs Vergnüglichste beutelt. "Ach, mit welcher Energie brachte sie Beweise ihrer Liebe dar, um deren so schmerzlichen Mangel zu verdecken!", kommentiert die Erzählerin hier, und dort: "Wie alle, für die es die größte Qual ist, Entscheidungen zu treffen, hatte Sara ein Faible für die Synthese."

Natasza Goerkes Sentenzen sind weise, weil sie den fließenden Übergang zwischen Albernheit, schwebender Ironie und eben Weisheit markieren. Ihre Erzählungen als Ganze wollen nicht dechiffriert werden, sondern für sich sprechen - als Chiffren. Doch ist es so überflüssig zu fragen, für was?

Die Geschichten der Sibirischen Palme glänzen deshalb, weil sie gegen jede Konventionalität angeschrieben sind - auch gegen die experimentelle Sinnabstinenz, die ebenso eine Spielart von Konventionen ist wie der Atheismus eine Glaubensrichtung. Denn außerhalb der Theorie gibt es keinen Nullpunkt der Literatur.

Abschied vom Plasma hat sich mit seinen schönen surrealistischen Spielereien dieser Illusion angenähert. Die Titelerzählung stellt uns als Dichterin "Frau Null" vor, deren kurze Erzählungen weder Handlung, Fülle noch Schluss haben und daher ungenießbar sind. "Frau Null hielt das alles für Blödsinn. Ihrer Meinung nach waren diese Erzählungen schlicht ein Spiegel, der mit einem bunten Schleier verhängt war, und ihre angebliche Ungenießbarkeit beruhte schlicht auf einem Übermaß an Schweinefleisch auf den heimischen Speisezetteln." Nun soll Literatur nicht satt machen. Die neuen Erzählungen verschaffen - mit oder ohne Schweinefleisch, Sinn oder Blödsinn - viel Genuss, doch sie machen auch nicht hungrig.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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