Abriss von Heinz D. Heisl, 2008, DittrichAbriß.
Roman von Heinz D. Heisl (2008, Dittrich-Verlag).
Besprechung von Helmut Schönauer, 2008:

Erinnerung gleicht manchmal jenem Vorgang, den wir "in die Speichen greifen" nennen, das Rad der Zeit dreht sich unbarmherzig, wer unvorsichtig hineingreift holt sich oft blutige Finger.

In Heinz D. Heisls Roman "Abriss" geht es um Verletzungen, Abrechnungen, Wunden aus der Kindheit. Der Abriss hat dabei etwas Literarisches an sich, wie man die Blätter eines Kalenders abreißt und einen Ablauf verkürzt widergibt, andererseits ist ein ordentlicher Abriss natürlich nur mit der Abriss-Birne zu bewältigen, mit vollem Karacho fällt das Gebäude der Vergangenheit zusammen.

In luziden Erinnerungsfenstern tauchen Kindheitserlebnisse auf, die Zeit ist flüchtig betrachtet hell und schmeckt nach Aufbruch und fünfziger Jahren. Die Kriegsvergangenheit wird halbwegs zur Ruhe gebettet und nur die Zukunft soll zu Wort kommen. Aber für das heranwachsende Kind bleibt diese goldene Aufbruchsstimmung vage und verdüstert. Der Vater gleicht einem kuriosen Schauspieler, der mit seiner Matrosenmütze am Kopf ungelenk seine wahre Rolle sucht. Die Mutter führt zwar das Kleinkind artig durch die frühen Tage, kann aber mit dem größeren Kind nicht mehr viel anfangen.

Die Lebens-Rollen hängen wie leere Säcke in der Luft, der Zeitgeist nimmt nicht immer alle mit, manche bleiben als Verlierer am Rand der Gesellschaft hängen. Mitten auf der Mülldeponie errichten die Eltern des Protagonisten ein Haus, aber es bleibt ein Haus auf Abfall gebaut, wie auch die Familie dann ohne Fundament zusammenfällt wie schlechter Kompost.

Der Held erzählt zwischendurch von den Abenteuern am Flussufer, die Erotik kommt unverblümt und unverbraucht daher geschwommen und bietet kurzfristig frohen Ausblick, vielleicht lohnt es sich auch, Widerstand zu leisten und etwas Eigenständiges zu probieren.

Aber wahrscheinlich hängt alles vom richtigen Blickwinkel ab, die Karriere des Helden wird nicht gewürdigt, kein Hauch von Verständnis oder Zuneigung.

So geht der Held in der Fremde seinen Weg und kommt noch einmal zurück, um den Abriss des Elternhauses irgendwie mit spätem Genuss zu beobachten.

Heinz D. Heisl erzählt wie mit einer Streuflinte abgeschossen in heftigen, flächendeckenden Partikeln. Kleine Beobachtungen verlieren plötzlich ihre Harmlosigkeit, aus der Laufrichtung einer simplen Stubenfliege lässt sich in manchen Augenblicken die Zukunft des Tragöden ablesen, eine beiläufig getroffene Figur manifestiert vielleicht das ganze Unglück einer Stadt. Die einzelnen Erinnerungsschüsse pfeifen knapp über den Erzählboden hinweg und zwingen den sich Erinnernden auch nach Jahrzehnten noch zur Deckung. Die Welt hat es nicht gut gemeint mit dieser Abriss-Figur, aber Heinz D. Heisl lässt manchmal Milde walten. Wenn die Vergangenheit zu heftig wird, hilft immer noch der Knicks ins Groteske, und die zu Boden gerungene Biographie wird zu einem monströsen Provinz-Witz, über den man mit etwas Glück selbst lachen kann. Eine brachial-wahre und dennoch feine Art, mit einem geknebelten Leben umzugehen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenhauer-literatur.com]

Leseprobe I Buchbestellung 1208 LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer