Abrahams Sohn von Gilles Rozier, 2007, DuMont

Abrahams Sohn.
Roman von Gilles Rozier (2006, DuMont - Übertragung Claudia Steinitz).
Besprechung von Thomas Laux in Neue Zürcher Zeitung vom 11.4.2007:

Die Frau mit der Perücke
Gilles Roziers gelungener Roman «Abrahams Sohn»

Das sieht zu Anfang dieses Romans ziemlich dramatisch aus, werden da doch privates Schicksal und politische Ereignisse tragisch miteinander verschränkt: Sharon, eine 42-jährige, in Jerusalem lebende Jüdin, hat nicht nur ihren Mann qua Trennung verloren, sondern vor allem ihren einzigen Sohn, den 20-jährigen Eli, der während seines Militärdienstes bei einem Selbstmordattentat in die Luft gesprengt wird. Sharons Ehe ist gescheitert, der Sohn tot – es sieht emotional zunächst nicht gut aus für Sharon, die in einem Altenheim ihren täglichen Dienst verrichtet.

Doch man spürt, sie will nicht akzeptieren, dass ihr Leben fortan durch Zerknirschung und Trauer geprägt sein soll. So versucht sie einen Neuanfang; lernt eine verheiratete, aber kinderlose Gleichaltrige kennen, die eine In-vitro-Befruchtung in Betracht zieht. Der Gedanke nimmt Sharon gefangen, weil sie sich jäh eingestehen muss, dass sie sich nach einem weiteren Kind sehnt, jetzt, da Eli nicht mehr da ist. Sharon, religiös verwurzelt im jüdischen Glauben, holt sich den Rat eines Rabbiners ein. Der hat im Grunde keine Einwände gegen künstliche Befruchtung (geht er doch von dem Gebot aus: «Seid fruchtbar und mehret euch»).

Die norwegische Hauptstadt, wo der Eingriff erfolgt, wird in mehrfacher Hinsicht eine Enttäuschung sein, die Kälte – wetterbedingt wie zwischenmenschlich: Sharons Zimmerwirtin hegt starke antisemitische Ressentiments – deprimiert, und die Befruchtung gelingt nicht, wie sich in Jerusalem bald zeigt: «ihr Körper hatte diesen gesichtslosen Samen nicht gewollt». Nun kommt Amos ins Spiel, der schwule Pfleger von der Altenstation, der sich ein Kind wünscht und sich als Samenspender anbietet, unter der Bedingung, hinterher nicht bürgerlich-familiär mit Sharon zusammenleben zu müssen. Sharon sucht erneut den Rabbiner auf, der lediglich einwendet, Amos müsse sie heiraten. Auch das passiert, und da kommt es am Ende zu der Szene, wo Sharon ihren Hochzeitsschleier ablegt sowie die Perücke, die sie vor 23 Jahren zum ersten Mal aufgesetzt hatte; ihr braunes Haar fällt auf ihre Schultern, heisst es, und «Amos fand sie schön».

Was hat es mit dieser Perücke auf sich? Nach jüdischem Gesetz müssen Frauen die Perücke, die sie am Tag der Hochzeit aufgesetzt haben, ihr Leben lang weitertragen, auch wenn sie nicht mehr verheiratet sind; es ist eine Vorschrift, an die man sich hält – oder eben nicht. Sharon legt diese ewige Perücke nun also ab und deutet damit an, dass sie sich endgültig über religiöse Gebote oder irgendwelche gesellschaftliche oder moralische Einwände hinweggesetzt hat. Es ist genau dieser fast beiläufig eingestreute, aber emanzipatorisch zu deutende Schlenker am Ende, der in seiner Art dieses Buch des Franzosen Gilles Rozier insgesamt kennzeichnet: Er zeigt auf angenehm unspektakuläre Art einen jüdischen Alltag, der zwischen orthodoxen Vorschriften und moderner, aufgeschlossener Lebensweise zu jonglieren vermag. Mit seiner Protagonistin, die ihre Widersprüche schliesslich wunderbar ausbalanciert, die ihre passive Art ablegt, sich klar wird, was sie will, dann eine Entscheidung trifft und ziemlich unaufgeregt einen neuen Weg einschlägt, ist Gilles Rozier ein überzeugendes Frauenporträt gelungen.

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