Abhanden.
Gedichte von Knut
Schaflinger (2007, Edition Thaleia).
Besprechung von Stefan
Heuer aus dem titel-magazin,
15.4.2007:
Fünf Hände kommen nicht
abhanden
Knut Schaflingers Gedichte kommen
scheinbar deutlich ums Eck, um erst ein wenig später ihren mehrdeutigen Reiz zu
entfalten. In wenigen Zeilen drückt er auf den Auslöser, bannt Nebensächlichkeiten,
um sie mit leichter Hand als Hauptattraktion zu verkaufen.
Der Mensch, der kunst- und literaturinteressierte
insbesondere, lebt von Entdeckungen und deren Folgen – ohne den geistigen
Input droht die seelische Verkrüppelung. Gleiches gilt jedoch auch für die
andere Richtung, für den kreativen Output, ohne den ein Künstler zu platzen
droht. Bei dem 1951 im österreichischen Graz geborenen Schriftsteller und
Filmemacher Knut Schaflinger ist dies nicht zu befürchten. Mit zahlreichen Veröffentlichungen
in Zeitschriften und Anthologien sowie großer Präsenz bei Internetforen ist er
diesbezüglich gut aufgestellt. Mit Abhanden ist nun sein fünfter
Lyrikband erschienen, nach Scherben und Mosaike bereits der zweite in der
Edition Thaleia.
Die Anerkennung, die Schaflingers Lyrik vielerorts erfährt, lässt sich relativ
leicht erklären: Er weiß augenscheinlich um den Lauf der Dinge und um die
Tatsache, dass es nur zu oft die goldene Mitte ist, die ins Schwarze trifft.
Wundervollerweise bekommt er diese Gratwanderung hin, ohne in eine Richtung
buckeln zu müssen.
Seine Gedichte kommen scheinbar deutlich ums Eck, um erst ein wenig später
ihren mehrdeutigen Reiz zu entfalten – andererseits fehlt ihnen jene übertriebene
Verkopftheit, die dem gemeinen und vor allem dem gelegentlichen Lyrikleser häufig
die Meinung nahe legt, ja geradezu aufzwingt, der Dichter wüsste und verstünde
selbst nicht, was er da schreibe. Knut Schaflinger schafft es, alltäglicher
Sprache jenen lyrischen Ton abzuringen, der seine Gedichte so besonders macht.
Es sind die kleinen Dinge, die Feinheiten, die den Dichter als guten und genauen
Beobachter ausweisen. In wenigen Zeilen drückt er auf den Auslöser, bannt
Nebensächlichkeiten, um sie mit leichter Hand als Hauptattraktion zu verkaufen.
Der simple Vorgang des Brotbackens etwa gleitet bei ihm als geographische
Rezeptur aufs Blatt, beschreibt das Backblech als Strand, hält den Terminus
durch, um in den letzten Zeilen naschende Kinderhände als Krebsscheren zupacken
zu lassen. Ein Arbeitstag im Kleingarten gerät ihm zur Reise in die Kindheit (...
// Würmer geben keinen Laut mehr von sich sie teilen ihr Schicksal // mit alten
Zeitungen die du vorsichtig zerrissen hast / um sie statt Socken / über die
nackten Füße zu wickeln von Kindesbeinen an trugst / du eine Schwärze im
Schuh // ...), ein Einparktraining hilft nicht nur, die eine oder andere
Fahrstunde einzusparen, sondern hinterlässt auch ein wunderbares Gedicht (Geübt
haben / wir das Einparken nachts erst // auf leeren Parkplätzen die Zeichnung
der Stell / Flächen weiße Linien ein offenes / Gebiß schiebst / du es rückwärts
springen die Pferde // Stärken ins Maul dein rotes Auto wäre tagsüber
sichtbar wie Zahn // Fleischbluten sagtest du / ...).
Formale Freiheit
Knut Schaflinger lässt den Gedichten dieses Bandes, von denen einige bereits in
Zeitschriften erschienen sind und ihm im Jahr 2005 zudem den Lyrikpreis
Feldkirch eingebracht haben, formal alle erdenklichen Freiräume. Auf
Interpunktion wird vollständig verzichtet, Regiment führt ein grobes Schema in
Zeile und Strophe, das Schaflinger als einen Meister des Enjambements zeigt, dem
es gelingt, den Leser durch den Kunstgriff des lyrischen Zeilensprungs in
Spannung zu halten und die Neugier auf die jeweils nächste Zeile zu schüren. Abhanden
hat Schaflinger seinen neuen, in fünf Kapitel unterteilten Gedichtband betitelt
– dabei ist alles vorhanden. Starke Bilder, die Düfte und in Fußsohlen
eingetretene Tannennadeln spürbar, erlebbar machen.
Eine Hand voll Poesie kann den Blick zwischen zwei Buchdeckel bereits mehr als
lohnen, doch Schaflinger reicht seinen Lesern nicht nur eine, sondern gleich fünf
Hände – freiwillig und ohne den Anschein, das Publikum mit dem kleinen Finger
abspeisen zu wollen. Das ist ihm hoch anzurechnen.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © titel-magazin