1.) -
3.)
Abgehängt.
Roman von Birgit
Vanderbeke (2000, S. Fischer).
Besprechung von Wend Kässens aus Die Welt vom 3.3.2001:
Birgit Vanderbekes neues Buch "Abgehängt" geht von der üblichen Grundkonstellation aus. Im Zentrum stehen die Mutter, Schriftstellerin um 40, und die zwölfjährige Tochter Simmy. Abwesend, als Jazzmusiker auf Spanientournee, ist der Lebensgefährte der Mutter, Serge. Aber anders als die früheren Bücher Vanderbekes öffnet sich dieses ins Existenzielle und Philosophische. Sie verlässt den Wohmannschen Boden der kritischen Familienforschung, ohne die satirische Beobachtung zu vernachlässigen. Auch der bissige Tonfall ändert sich behutsam zu Gunsten eines weniger pointierten, differenzierteren Sprechens. Die Erfahrungen und Gedanken ihrer Protagonistin entwickeln ein überraschendes Eigenleben und entfalten Geschichten von der schwierigen Existenz des Künstlers in der Gesellschaft, seinem Ausgesetztsein gegenüber den Menschen, den Medien und sich selbst.
"Abgehängt" ist das Buch
einer Verstörung, in der die Ängste überwiegen und die Hoffnung auf das Gelingen der
Kunst im immer wieder beschworenen Bild der Kugel, die gegen die Erdanziehungskraft nach
oben rollt, den Kontrapunkt setzt. Ein anonymer Anrufer ist gleichsam Auslöser der
Ängste: Der namhafte Künstler, die öffentliche Person, von den Medien in besonderer
Weise gepuscht, aufgebaut und nicht selten auch entblößt, alleine, den unberechenbaren
Gedanken und Gefühlen der Vielen ausgesetzt - das ist eines der Themen, die im Kopf der
Protagonistin Gestalt gewinnen, während sie den Alltag mit der in die Pubertät
schlitternden Tochter, den Gesprächsterminen mit ihrem populistischem Agenten
Meyer-Bromberger, der Bearbeitung der Post, den nächtlichen Anrufen von Serge oder den
Besuchen der mütterlichen Freundin Jolanda wie selbstverständlich
bewältigt... Fortsetzung
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Leseprobe I Buchbestellung 0301 LYRIKwelt © Die Welt
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2.)
Abgehängt.
Roman von Birgit
Vanderbeke (2000, S. Fischer).
Besprechung von Christian Schuldt aus Wochenzeitung, Zürich vom 8.3.2001
Ich sehe was, was du
nicht siehst» so war Birgit Vanderbekes letztes Buch betitelt. «Ich hab dich auch
gestern gesehen» so beginnt Vanderbekes neues Buch «Abgehängt», und auch hier
kann einer mehr sehen als der andere: Ein anonymer Anrufer terrorisiert die Icherzählerin
mit uncharmanten Sätzen wie «Du Sau, dir werd ichs zeigen», vorgetragen von einer
«warmen, freundlichen Männerstimme». Das lässt eine weniger weichspülerische Lektüre
erwarten, als Vanderbeke sie uns mit ihrem Aussteigerbuch «Ich sehe was, was du nicht
siehst» bescherte, in dem die 1956 geborene Bachmann-Preisträgerin die
Landliebe pries.
Nun also Telefonterror statt Naturnähe. Zunächst versucht die Icherzählerin die
Verbalattacken zu ignorieren schliesslich gibt es ja «nichts Normaleres als
anonyme Anrufe». Zugleich aber befällt eine schleichende Verunsicherung ihren Alltag:
Auf der Strasse verspürt sie ein «kaltes Gefühl im Rücken, als wenn mich einer von
hinten ansehen oder mir folgen würde», wenn das Telefon klingelt, trifft es sie wie ein
Schuss «in den Rücken», und zu alledem kommt die Sorge um ihre Tochter Simmy.
Vanderbekes Erzählerin ist eine erfolgreiche Autorin und eignet sich als Prominente
natürlich als Opfer obskurer Attacken; hinzu kommt, dass ihre Bücher zudem noch
umstritten sind. So kreiste ihr erster Erfolgsroman um den mysteriösen Tod des Musikers
Eddie, eines einstigen Freundes und Bandkollegen ihres Lebensgefährten Serge. Dieses
Thema verleiht «Abgehängt» eine kriminalistische Komponente, und es ist kein Wunder,
dass die Erzählerin nun wieder und wieder sinniert, ob ihr schriftstellerischer Erfolg
nicht doch ein «Irrtum» war.
Schon der nächste Anruf mit der wenig galanten Mitteilung «Dir zeig ichs, du
Dreckstück» führt zu gesteigerten Angstzuständen und diese schlagen sich,
gewissermassen kompensatorisch, auch unmittelbar im Sprachgestus nieder. Dass Vanderbeke
einen Hang zu ausufernden Satzungetümen hat, ist bekannt; in «Abgehängt» aber lässt
sie ihre latent paranoide Erzählerin derartig einlullende Bandwurm-Bestien absondern,
dass die Lektüre zum Kampf gegen die Monotonie der Syntaxmäander mutiert. Das liegt auch
daran, dass Vanderbeke im Grunde nicht viel zu erzählen hat und dass die
Erzählerin, wie schon im Vorgängerbuch, erneut eine plüschige Privatphilosophie pflegt,
inklusive einer merkwürdigen Affinität zum Metaphysischen und dem Jammern über die
unschöne neue Welt der «Spots und Clips und Labels und Geldgesetze».
Moralisches Geschwurbel
In diesem moralisch korrekten Geschwurbel geht die eigentlich nicht unspannende Frage nach
Eddies Tod schnell unter. Selbst die anfangs noch Grusel erweckende Paranoia verliert mit
fortschreitender Lektüre ihren Reiz: Wenn die Erzählerin sich einbildet, dass ein Mann
«zu der Stimme am Telefon passte», wenn sie einen rätselhaften Anruf eines falsch
verbundenen Immobilienmaklers erhält oder sich ängstigt beim Anblick eines Mannes, der
gegenüber ihres Hauseingangs wartet, so lässt das weitgehend kalt. Da hilft selbst das
ansonsten adäquat halboffene Ende mit finalem Telefonklingeln nicht.
Nein, Birgit Vanderbeke hat gründlich vorgesorgt, dass ihr Buch nicht funktioniert: Neben
der sprachlich-stilistischen Einschläferungstaktik durch repetitiv-redselige
Satzschleifen wollen sich Fernsprechgrausen und Todesrätsel einfach nicht zusammenfügen.
Und die unausgegoren-banalen Reflexionen über das Elend der «Geldreligionen»,
Fernsehrealitäten und Sushi-Bars tun ein Übriges. Fazit: Mit dieser Mischung
Labertaschentum und diffusen Krimiansätzen.
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Leseprobe I Buchbestellung 0702 LYRIKwelt © Wochenzeitung
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3.)
Abgehängt.
Roman von Birgit
Vanderbeke (2000, S. Fischer).
Besprechung von Anton Thuswaldner aus Frankfurter Rundschau vom 31.5.2001
Was geschieht, wenn nichts geschieht
Literatur mit Naivitätsbonus: Birgit
Vanderbekes neuer Roman "Abgehängt"
Sie betreibt angewandte Wirklichkeitsvernichtung, die Erzählerin in Birgit Vanderbekes jüngster Erzählung. Sie sitzt zu Hause, lebt weggesperrt in ihrem Gedankenkäfig und reimt sich von dort aus ihre Welt zusammen. Sie arbeitet als Schriftstellerin, ihr Lebensgefährte, ein Musiker, befindet sich auf Reisen, und ihre Tochter zeigt erste Ansätze zur Selbständigkeit. Also denkt die Frau in den freien Raum hinein, füllt die Leere mit allem, was ihr gerade zufliegt, und alles, was ihr durch den Kopf zieht, findet Eingang in den Text. Beiläufigkeiten und Nebensächlichkeiten bekommen den Rang von Sensationen, im Gegenzug werden große Gefühle wie Angst kleingeredet.
Die Erzählung pendelt sich ein auf eine Mittellage, in der nichts wichtig, nichts unwichtig, aber alles wert ist, registriert zu werden. Alles bietet einen Anlass, sich aus dem Hier und Jetzt zu entfernen, sich auf Reisen in die Erinnerung und die Fantasie zu begeben. Es hält sie nicht in ihrer Welt. Sie hat ein Berührverbot über sich verhängt, damit ihr niemand zu nahe kommt. Die grobe Wirklichkeit sperrt sie aus, hat nichts zu schaffen mit ihr.
Die Erzählerin bekommt anonyme Anrufe. Ihr gewohntes Leben steht auf dem Prüfstand, deshalb mogelt sie diese unangenehme Situation weg. Sie fühlt sich beobachtet und kontrolliert, der Anrufer weiß offenbar mehr von ihr, als ihr lieb ist. Doch die Angst bleibt eine behauptete. Nichts geht unter die Haut in diesem Text. Der Anruf kommt von außen, ist ein Signal dafür, dass es eine Welt außerhalb des eigenen verkorksten Ich gibt. Also beantwortet die Frau den Angriff auf ihre innere Ruhe mit einem anderen Signal aus der Außenwelt: "Natürlich sind anonyme Anrufe normal, aber ich erinnerte mich daran, dass sie in der Fernsehsendung gesagt hatten, meistens wählt der Anrufer irgendeine zufällige Nummer, weil er ein spontanes Bedürfnis hat, irgend etwas Pornographisches oder Beleidigendes zu sagen und dann womöglich eine Reaktion darauf zu erhalten, Empörung oder so, und das Beste sei es, einfach aufzulegen, weil der andere dann frustriert sei und die Nummer, die er gewählt hatte, sowieso schon wieder vergessen hätte."
Was geschieht, wenn nichts geschieht? Birgit Vanderbeke ist eine Autorin, die aus dem Nichts Literatur formt. Das schafft sie nur, weil sie verliebt in die Sprache ist. Sie braucht gar keinen Stoff. Wenn sie nur aufmerksam genug auf die Imaginationskraft der Wörter horcht, ihnen Klänge und Bedeutungen ablauscht und zusieht, was passiert, wenn sich die Sprache sanft auf einem Fluss der Assoziationen bewegt, reicht das für einen Text?
Vanderbeke braucht dieses Passivitäts-Monster an Frau, weil sie ein Buch von der Macht der Vorstellungen zu schreiben gedachte. Ihre Erzählerin wird überfallen von den Heimsuchungen des Geistes. Sie malt sich aus, wie etwas sein könnte, sie imaginiert sich kurzerhand selber eine Welt. Das hat den Vorteil, dass sie auf alles eine Antwort weiß, dass sie nie in Verlegenheit gerät und nicht aus der Ruhe zu bringen ist. In ihrer eigene, selbsterschaffenen Wirklichkeit ist sie und nur sie die Herrscherin, da ist sie daheim. Niemand macht ihr dieses Territorium streitig.
Der Leser befindet sich direkt im Kopf dieser Erzählerin, er macht sich ihre Welt zueigen, er wird Teil der Bewusstseinsmaschine. Vanderbeke gibt nie vor, ein Stück Wirklichkeit zu deuten oder abzubilden, aber sie zeigt, wie sich jemand Wirklichkeit zurechtbiegt. Die Welt ist, was im Kopf ist. Das ergibt ein sehr beengtes Stück Literatur. Diese Erzählerin hat es nicht gelernt, sich frei zu denken, den Spielraum zu nutzen, um eine Gegen-Wirklichkeit ins Recht zu setzen. Sie macht nur ganz kleine Schritte über ihren engen Erlebensradius hinaus, wagt nichts, hält ihre Imagination an der kurzen Leine.
Der Text setzt sich vorwiegend aus ausladenden Selbstgesprächen zusammen, aus Monologen und Einflüsterungen der Seele und des Gedächtnisses. Das Gehirn arbeitet ununterbrochen, es ist ständig auf der Suche nach einem Ort für die Erzählerin, in dem sie sich einnisten könnte. Und dann zieht diese sich doch nur in sich selbst zurück. Gedanken werden in kleinen Häppchen präsentiert, Erfahrungen gerinnen zu hübschen Episoden, wert, als Denkwürdigkeit im Gedächtnis bewahrt zu werden. Außenwelt ist Feindesland, damit will Vanderbekes Frauenfantasie nicht viel zu tun haben. So redet sie sich selber gut zu und Ängste ein.
"Im Publikum sitzen so viele, hatte ich gedacht, und du bist ziemlich einzeln gegen die vielen, und wer sagt dir eigentlich, dass die sich das alles so ruhig erzählen lassen, was du ihnen da sagst. Könnte schließlich sein, einer sitzt da drin und hat schon immer mal vorgehabt, ausgerechnet dich abzuknallen." Und die Tochter, mit dem Fahrrad unterwegs, könnte angefahren werden. Schrecken lauern überall, wenn man die Möglichkeitswelt zu seiner Lebenswirklichkeit umgestaltet. Vor lauter Lebensgefahr vergisst diese Erzählerin das Leben selbst. Je mehr sie sich mit erfundenen Gefahren umgibt, um so gelassener kann sie sein.
Es bleibt beim Spiel mit der Angst. Gedanken galoppieren drauflos, sie lassen sich nicht in Zaum halten. Sie entwickeln eine Dynamik, der die Sprache alle Mühe hat zu folgen. So wachsen sich Sätze zu Monstren aus, weil Gedanken keinen Punkt machen. Schreiben wird auf diese Weise zu einer Vergrübelungs-Taktik.
Schon im vorigen Buch Ich sehe was, was Du nicht siehst war Vanderbeke jeder Stoff abhanden gekommen. Sie schreibt von der Macht der Luftgebilde über ein Menschenleben. Der ganz banale Alltag wird in der Fantasie der Vanderbeke-Frauen zu einem Fantasieraum. Hat das nicht etwas von einer Kleinmädchen-Prosa an sich? Augen zu und ab in eine andere Dimension, wo die Wirklichkeit rund um uns herum nicht viel Chance bekommt, sich bemerkbar zu machen? Birgit Vanderbeke nimmt für ihre Literatur einen Naivitäts-Bonus in Anspruch. Ihre Erzählerin mogelt sich klammheimlich in ihre kleine, enge Welt hinein und erklärt diese zum großen Ozean, in dem sich Schicksale entscheiden.
Was waren das für Zeiten, als ein Kritiker noch das Fräulein-Wunder in der deutschen Literatur preisen mochte. Die Fräulein waren, bei Lichte besehen, respektable Frauen, und ihre Literatur weniger wunderbar als durchschnittlich. Eine Verlustanzeige ist aufzugeben. Birgit Vanderbeke war eine Hoffnung der deutschen Literatur. Jetzt schreibt sie in rascher Folge Buch um Buch, und nach und nach gehen diese ihrer Substanz verlustig. Vanderbeke schreibt gefällige Prosa, die angenehm zu lesen ist und dem Leser allemal ein Schmunzeln entlockt. Aber ist man am Ende angelangt, geht einem nichts nach. Diese Prosa, sicher und korrekt geschrieben, bleibt Zeitvertreib. Jene Literatur, auf die wir alle warten, sieht anders aus.
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Leseprobe I Buchbestellung 0601 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau